Aachen: Jecke Kenger auf der Sonnenseite

Aachen : Jecke Kenger auf der Sonnenseite

Wie immer springen die Ampeln in der Theaterstraße im gewohnten Rhythmus von Grün auf Rot. Der einzige Unterschied: Heute interessiert es keinen. Wenn der Aachener Kinderkostümzug durch die Straßen zieht, gelten andere Regeln.

Erstens: Kostüm ist Pflicht. Zweitens: Beim „Alaaf!” wird der rechte Arm in die Luft geworfen. Und drittens: Nicht die Ampeln, sondern die Jecken bestimmen das Tempo.

Pünktlich um 11.11 Uhr setzen sich unzählige von ihnen in Bewegung. Über 100 Gruppen schickt Zugleiter Frank Prömpeler vom Arbeitsausschuss Aachener Kinderkarneval auf die Straßen. „Der Zug ist von Kindern für Kinder”, erklärt er. „Das ist das Besondere hier in Aachen.” Tatsächlich sind die jungen Jecken eindeutig in der Mehrheit, denn neben den vielen Karnevalsvereinen aus Aachen und Umgebung marschieren auch wieder zahlreiche Schulen und Kindergärten mit.

So hört man schon von weitem die Schüler vom Rhein-Maas-Gymnasium. Die Trommel-AG sorgt nicht nur ordentlich für Lautstärke, sondern auch für gute Laune. Dabei geht es ihnen eigentlich um ein ernstes Thema: Die Schüler, Eltern und Lehrer - allesamt als Boxer verkleidet - warnen vor dem doppelten Abiturjahrgang 2013. Die Probleme, die sie anprangern, haben dabei zum Glück keinen Einfluss auf ihre Motivation. „Es macht super viel Spaß hier im Zug”, sagt „Boxer” Holger Schmittgall, während er einen bunten Bollerwagen hinter sich herzieht. „Es ist so viel los an der Strecke.” Die Kälte mache ihm rein gar nichts aus.

Da würden ihm wohl nicht alle sofort zustimmen. Die Trompeter wenige Meter weiter haben zumindest Handschuhe an, um ihre Finger beim Musizieren zu wärmen. Und auch die Jecken am Straßenrand haben sich dick eingepackt, um dem kalten Wind zu trotzen. Ein Grund, zu Hause zu bleiben. Zumal die Sonne scheint. Tatsächlich sind es diesmal Zehntausende, die sich bei meist herrlichem Wetter am Zugweg aufgebaut haben.

Natürlich ist auch die Jagd nach Karmelle eröffnet. Diesbezüglich verfolgt hier jeder seine eigene Taktik: „Ja, natürlich erste Reihe, sonst fängt man doch nichts”, ruft ein Vater seinem Sohn zu, der sich daraufhin mit seiner großen Plastiktüte schnurstracks an den Straßenrand drängelt. Andere halten sich lieber im Hintergrund und profitieren von den Wurfkünsten der Karnevalisten.

„Wir stellen uns einfach die ganze Zeit in die Sonne”, meint Dorothee Geilenkirchen aus Vaalserquartier. „Dann ist auch die Kälte egal.” Auf diesen Gedanken kommen mit der Zeit einige, denn selbst im Zug fällt die Tendenz auf: „Also auf der Sonnenseite ist ein bisschen mehr los”, lacht Peter Meuser. „Die Schattenseite ist immer etwas verhalten.” Seine Frau Ute Gillet fügt gut gelaunt hinzu: „Aber wenn wir kommen, geht ja sowieso die Sonne auf!” Beide sind als Raketen verkleidet und zusammen mit ihren Kindern Tim und Jule für das Familienzentrum Aachen Nord unterwegs. Vier Kilometer Wegstrecke? Für die Familie kein Problem.

Genauso wenig für die vielen tierisch Kostümierten, die sich in großen Herden durch die Straßen drängeln. Schafe, Löwen, Bären - alles ist vertreten. Am wohlsten fühlen sich im kalten Wind wahrscheinlich die Pinguine von der Maria-Montessori-Gesamtschule. „Als der Schnee meterhoch lag, sind wir auf die Kostümidee gekommen”, erzählen einige Eltern.

Etwas bequemer reisen indes die vielen Tanzgruppen und Karnevalsgesellschaften auf ihren prunkvollen Wagen. Der Sonne am nächsten ist dabei Märchenprinz Philipp I. auf seinem Turm. Selbst auf den letzten Metern erfreut er die Jecken noch mit reichlich Klümpchen - vielen ist hier das Wurfmaterial schon ausgegangen. Aber darauf kommt es ja auch nicht an, findet zumindest Dorothee Geilenkirchen. „Ein Alaaf hat man doch immer noch übrig - und das ist auch viel schöner!”

Besonders, wenn alles problemlos und ohne Zwischenfälle gelaufen ist. Zugleiter Frank Prömpeler ist zwar ein wenig gestresst, aber mehr als zufrieden, als nach und nach die Gruppen im Ziel ankommen. Drei Stunden sind vergangen, seit er sich mit ihnen auf den Weg gemacht hat. Für ihn ist die Zeit wohl wie im Flug vergangen. Wie gesagt, das Tempo im Karneval ist eben ein anderes.