Im Wortlaut: Die Rede von Carlo Azeglio Ciampi, Präsident der Republik Italien und Karlspreisträger 2005

Im Wortlaut: Die Rede von Carlo Azeglio Ciampi, Präsident der Republik Italien und Karlspreisträger 2005

Herr Bundespräsident, Vertreter der zivilen und religiösen Institutionen, Herr Oberbürgermeister, Herr Vorsitzender des Kuratoriums des Internationalen Karlspreises, meine Damen und Herren!

Mit Rührung empfange ich den Internationalen Karlspreis. Ich bin stolz darauf, Teil einer erwählten Schar von Persönlichkeiten zu werden, deren Leben gekennzeichnet war von der Liebe zu Europa, vom zivilen, politischen, moralischen Einsatz für die europäische Einigung.

Ich empfinde die Wichtigkeit, dass dies in der Stadt Aachen geschieht, Begegnungspunkt der Kulturen der Gründerländer der Europäischen Gemeinschaften; Ausdruck unserer gemeinsamen, jahrhundertealten Kultur; Hüter des Andenkens an den ersten Schöpfer der Einheit Europas vor nunmehr über tausend Jahren.

Die Spuren der europäischen Geschichte sind hier besonders stark. Hier findet man die antike Inspiration eines alten Traumes der Einheit wieder, der genährt ist von den ursprünglichen Werten, die zur europäischen Identität gehörten und auch weiterhin gehören: Rom und das weitreichende Projekt eines Imperiums bestehend aus vielen Nationen, begründet auf dem Recht, auf der Garantie von Gerechtigkeit und Frieden; und das Christentum, das alle Menschen gelehrt hat, sich als Brüder und als gleichwertig zu betrachten.

Ich empfinde besonders stark die Botschaft der Einheit, die der Karlspreis seit Jahrzehnten allen europäischen Nationen vermittelt. Ich greife diese im Namen Italiens auf, im Andenken an die lange Geschichte, die viele Jahrhunderte lang aus Italien das Herz Europas machte, und das es besonders für die Botschaften der Zivilisation öffnete, die immer wieder das eine oder andere Volk unseres Kontinents in den Vordergrund stellten, jeweils Bannerträger einer ununterbrochenen, einmaligen Geschichte des Fortschritts. Eine manchmal glorreiche, manchmal tragische Geschichte.

In vier Tagen jährt sich zum 60. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs: jener Konflikt, der zum zweiten Mal in kurzer Zeit Europa und die ganze Welt erschüttert hat; er hat ein unvorstellbares Blutbad unter Soldaten und Zivilisten ausgelöst; er hat auf dem Boden Europas die unauslöschliche Spur schrecklicher Todesfabriken hinterlassen.

Wir, die Überlebenden, sahen damals um uns herum eine unendliche Ruinenlandschaft: materielle Ruinen; moralische Ruinen. Bei der Betrachtung dieses Panoramas der Zerstörung rebellierte das Gewissen. Europa musste sich, um zu überleben, radikal verändern. Die Gründerväter ahnten, dass, um jenen Völkern, die sich mit solcher Grausamkeit bekriegt hatten, Frieden und Fortschritt zu garantieren, Friedensverträge und Versprechen der Zusammenarbeit zwischen Nationalstaaten nicht ausgereicht hätten.

Für die Neugestaltung jenes Europas des Todes, für das Wiederaufleben eines Europas des Friedens und der Brüderlichkeit zwischen den Nationen war ein schöpferischer Aufschwung notwendig, der nach und nach einer neuen Architektur von Regierungsinstitutionen Leben verleihen sollte und der von einem starken, von allen geteilten Gefühl des Friedens, der Brüderlichkeit und der Freiheit belebt werden sollte. So entstand der "esprit communautaire".

Seit dem Verhandlungsprozess, der zur Entstehung des Europarates führte, begriff man die Grenzen eines Systems einfacher Zusammenarbeit zwischen den Regierungen. Den Völkern wurde das Ideal der Einigung Europas vorgeschlagen. Das Prinzip der geteilten Souveränität - das erstmals in der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl verwirklicht wurde - verbunden mit der Methode der zwischenstaatlichen Koordinierung, wurde zum Architrav des gemeinschaftlichen Systems, das sich seitdem abzeichnete.

Dieses System hat wirksam die Interessen der Staaten geschützt. Es hat die Träume von Frieden, Sicherhe