Aachen: „Ich nehme die Verantwortung sehr ernst“

Aachen : „Ich nehme die Verantwortung sehr ernst“

Spaniens König Felipe VI. ist schon da, auch die litauische Präsidentin und Karlspreisträgerin Dalia Grybauskaité und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) haben bereits im Dom Platz genommen. Es ist 8.50 Uhr an diesem sonnigen Christi-Himmelfahrtstag, und alles wartet gespannt auf den Hauptakteur des Tages: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Der lässt sich aber Zeit.

8.55 Uhr. Als die dunkle Limousine endlich vorfährt, steigt der designierte Karlspreisträger dynamisch und mit einem Lachen auf dem Gesicht aus. Doch Bischof Heinrich Mussinghoff, der zur Begrüßung am Eingang auf ihn wartet, muss sich ebenso gedulden wie die zahllosen Fotografen und Kameraleute. Martin Schulz eilt in Richtung eines Schildes mit der Aufschrift „WC, 50 Cent“, greift im Laufen in seine Brusttasche, vorbei an der Toilettenfrau, die gerade ihr Handy zückt, um den prominenten Besucher zu fotografieren, dann aber überrascht zur Seite tritt. Auftakt einer würdevollen und emotionalen Karlspreisvergabe an einen Mann aus der Region, einen „Instinkteuropäer“, wie der gebürtige Würselener von sich selbst sagt.

 Schulz bei der Entgegennahme des Karlspreises: „Hört auf, die europäische Idee schlechtzureden.“
Schulz bei der Entgegennahme des Karlspreises: „Hört auf, die europäische Idee schlechtzureden.“ Foto: Andreas Steindl, Harald Krömer, Michael Jaspers, dpa

9.05 Uhr. Von seiner Lockerheit ist beim anschließenden Pontifikalamt indes nichts mehr zu spüren. Links neben Schulz sitzt der spanische König, rechts von ihm seine Parteikollegin Kraft. Die Anspannung des 59-Jährigen ist geradezu greifbar. Konzentriert und mit ernster Miene vernimmt er die Predigt Mussinghoffs. Mit eindringlichen Worten umschreibt der Aachener Bischof die Persönlichkeit des Parlamentspräsidenten. Wenn der Internationale Karlspreis verliehen werde, sagt Mussinghoff, dann sei das eine Ehrung für Menschen, die, gegründet auf Menschenwürde und Menschenrecht, die Einheit und Gemeinsamkeit der Völker Europas anstrebten und gleichzeitig die Verpflichtung der europäischen Völker in der Weltgemeinschaft sehen würden.

 Wer hält hier den Bischofsstab? Martin Schulz mit dem Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff.
Wer hält hier den Bischofsstab? Martin Schulz mit dem Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff. Foto: Andreas Steindl, Harald Krömer, Michael Jaspers, dpa

„Es ist das Verdienst des diesjährigen Preisträgers Martin Schulz, dass er die Europamüdigkeit und die Verdrossenheit vieler Menschen in Europa gesehen hat und deshalb die Kompetenzen des Europäischen Parlaments und das demokratische Bewusstsein Europas gestärkt hat“, bringt Bischof Mussinghoff die Leistung Schulze_SSRq auf den Punkt.

 Das Pontifikalamt muss noch warten: Martin Schulz schaut nach Kleingeld auf dem Weg zum WC.
Das Pontifikalamt muss noch warten: Martin Schulz schaut nach Kleingeld auf dem Weg zum WC. Foto: Andreas Steindl, Harald Krömer, Michael Jaspers, dpa

Einer der vielen emotionalen Momente für Martin Schulz an diesem Tag. „Ich musste im Dom sehr an meine Mutter denken“, sagt er später in einem der wenigen Augenblicke der Ruhe. „Sie war sehr fromm katholisch und wäre vor Stolz geplatzt, wenn sie gehört hätte, wie der Bischof über ihren Sohn spricht.“ Sagt es und grinst verschmitzt.

 Auf der Rathaustreppe: Martin Schulz flankiert von FranÇois Hollande und Joachim Gauck.
Auf der Rathaustreppe: Martin Schulz flankiert von FranÇois Hollande und Joachim Gauck. Foto: Andreas Steindl, Harald Krömer, Michael Jaspers, dpa

Ansonsten bleibt keine Zeit für Emotionen angesichts des straffen Programms. Nach dem Pontifikalamt und einem kurzen Spaziergang vorbei an ersten Schaulustigen geht es gleich in den Weißen Saal des Rathauses — zum Empfang für die Ehrengäste. Sehen und gesehen werden, heißt das Motto bei Sekt und Kaffee. Hier begrüßt Schulz herzlich Frankreichs Staatspräsidenten François Hollande. Dort eine Umarmung für den jordanischen König Abdullah II. bin al-Hussein. Schnell noch ein Foto mit alten politischen Weggefährten wie Nordrhein-Westfalens früherem Regierungschef Wolfgang Clement, Ex-Bundesarbeitsminister Franz Müntefering oder Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Auch bei Politikern haben Selfies Konjunktur, nicht zuletzt, wenn gekrönte Häupter zugegen sind. Und Martin Schulz? Er lächelt, schüttelt Hände und lächelt wieder. „Gefühlte Hunderte Hände“ habe er allein bis zum Mittag geschüttelt, weiß Schulz später zu erzählen.

 Herzliche Umarmung: Martin Schulz mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD).
Herzliche Umarmung: Martin Schulz mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Foto: Andreas Steindl, Harald Krömer, Michael Jaspers, dpa

11.10 Uhr. Der große Moment. Flankiert von Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp, Bundespräsident Joachim Gauck und Jürgen Linden, Vorsitzender des Karlspreis-Direktoriums, schreitet Martin Schulz in den Krönungssaal und setzt sich auf den Ehrenplatz in der Mitte. Die Gefühle in diesem Moment? Als Gauck, Hollande und Abdullah von der Bedeutung Europas sprechen, den Preisträger loben als jenen Mann, der ein Scheitern des Projektes Europa verhindern werde.

„Ich nehme die Verantwortung sehr ernst“, sagt Schulz unserer Zeitung. Ja, es sei auch eine Bürde. Europa befinde sich in schwierigen, turbulenten Zeiten. „Da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben“, betont der Karlspreisträger und fügt nachdenklich hinzu: „Die Welt ist teilweise aus den Fugen geraten.“ Aber Schulz hätte nicht den Karlspreis verliehen bekommen, wäre er nicht auch ein Kämpfer für seine Vision von Europa. „Wir haben das große Glück, dass es Menschen gibt, die diese Strukturen zusammenhalten. Die sich den Le Pens und Farages, die gegen Europa hetzen, entgegenstellen. Deren Rhetorik des Anti-Europatums ist nichts anderes als Rassismus.“

Ein erstes befreiendes Lachen zeichnet sich auf dem Gesicht des 59-Jährigen ab, als Peter Maffay, flankiert vom Sinfonieorchester Aachen, zu dem Song „Über sieben Brücken mußt du gehn“ anstimmt. „Du bist ein Brückenbauer. Danke dafür“, ruft Maffay seinem Freund zu und bekommt als Antwort ein „Daumen hoch“.

13.00 Uhr. Dieser Augenblick gehört Martin Schulz. Von der Rathaustreppe aus winkt der Karlspreisträger den Aachenern zu. „Martin, Martin“-Rufe erschallen über den Markt, und Schulz lacht befreit. „Das ist ein besonderer, ein bedeutender Tag“, beschreibt Schulz rückblickend diesen Moment.

13.15 Uhr. Schulz ist ein Mann des Volkes. Einer, der, wie er sagt, einen „langen politischen Weg zurückgelegt“ habe. Die Begeisterung ist sein Lohn. So genießt er sichtlich seinen Auftritt auf der Katschhof-Bühne, lässt sich feiern, macht Späße. Der Spaziergang zur Aula Carolina gleicht einem Siegeszug — für Martin Schulz, aber genauso für Europa. Der Karlspreis gebe einen wichtigen Impuls für dieses in die Jahre gekommene Bauwerk, meint Schulz.

13.55 Uhr. Später, in der Aula Carolina, macht er eine ausholende Geste und verweist auf die zahlreichen politischen Entscheidungsträger aus dem In- und Ausland, die den Weg nach Aachen gefunden haben. Allein acht Staatsoberhäupter seien anwesend, stellt er nicht ohne Stolz fest. „Und gerade die Teilnahme der Schweizer Staatspräsidentin Simonetta Sommaruga ist ein starkes Signal für die europäische Gemeinschaft“, betont der Parlamentspräsident. Es zeige, dass der Karlspreis etwas bewegen könne.

Auch bei diesem Abschlussempfang kann Schulz nicht innehalten. Jeder will dem Preisträger gratulieren, wieder werden Fotos gemacht. Ein Glas Wasser, das sein Sprecher im reicht, bleibt unangetastet stehen. Keine Zeit auch für den kleinen Gemüsespieß. Hannelore Kraft und Ulla Schmidt nehmen ihn in die Mitte. „Wir sind stolz auf unseren Martin“, rufen sie unisono und lassen sich mit dem Preisträger fotografieren.

„Martin Schulz ist ein Mensch, der mit beiden Beinen im Leben steht“, lobt die Aachenerin Ulla Schmidt den Parteifreund im Gespräch mit unserer Zeitung. Er wisse, was die Bürger denken. „Er ist immer mit vollem Einsatz dabei, und er ist jemand, der die Herzen der Menschen bewegen kann. Europa ist nicht nur Haushalt, Europa ist auch Gefühl“, betont die frühere Ministerin.

Es wird Nachmittag, der offizielle Teil des Programms neigt sich so langsam dem Ende zu. Martin Schulz sind die Strapazen des Tages anzusehen. Aber noch immer lächelt er. Und noch immer schüttelt er Hände.