Kreis Heinsberg: Horst Köhler plädiert für eine neue globale Partnerschaft

Kreis Heinsberg: Horst Köhler plädiert für eine neue globale Partnerschaft

Lang anhaltender Beifall brandete in der Kundenhalle in der neuen Hauptstelle der Kreissparkasse Heinsberg in Erkelenz auf: Der Applaus galt Bundespräsident a. D. Horst Köhler und dem, was er in seinem rund einstündigen Vortrag im Rahmen der Sparkassen-Gespräche vermittelt hatte.

Eindrucksvoll war es ihm gelungen, seinem Publikum einen anderen Blick auf die Erde zu eröffnen. „Globale Partnerschaft als neues Leitmotiv der internationalen Politik: Die Post-2015-Agenda der Vereinten Nationen“ lautete der Titel seiner Rede.

Beleuchtete die Post-2015-Agenda der Vereinten Nationen in Erkelenz: Bundespräsident a. D. Horst Köhler. Fotos (3): Koenigs Foto: Koenigs

Köhler, der von 2004 bis 2010 als Bundespräsident amtierte und zuvor unter anderem Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes sowie Direktor des Internationalen Währungsfonds war, gehörte in den vergangenen beiden Jahren einem Gremium von 26 Persönlichkeiten aus der ganzen Welt an, die von Ban Ki-moon, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, berufen worden waren, um die Agenda zu entwickeln. „In dem Post-2015-Prozess liegt eine große Chance, und zwar sowohl für die Menschen im Kreis Heinsberg, in Deutschland und Europa als auch für die ganze Welt“, so Köhlers Fazit.

Fragen nach der Möglichkeit friedlichen Zusammenlebens, menschenwürdiger Arbeit, dem Schutz vor ansteckenden Krankheiten und sicherer Energieversorgung hätten sich die Heinsberger und Erkelenzer in ihrer Geschichte gestellt. Sie seien hier auch heute aktuell, „und es sind Fragen, denen sich die Weltgemeinschaft heute stellen muss“, sagte Köhler. „Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und ein sozial gerechtes Zusammenleben auf dem Globus sind zur Überlebensbedingung der Menschheit geworden.“ Die Schicksale der Staatengemeinschaft hätten sich ein einem solchen Maße und in einer solchen Geschwindigkeit miteinander verwoben, sowohl ökonomisch, ökologisch und sozial als auch moralisch, dass es dringend einen Paradigmenwechsel brauche, der dieser Wirklichkeit endlich auch politisch Rechnung trage.

Die Weltbevölkerung nehme zu, und sie werde immer älter. Zugleich klaffe die Schere zwischen Arm und Reich aber immer weiter auseinander. Problem dabei sei, dass im Zuge des technologischen Fortschritts die globalen Unterschiede und die Vorteile des komfortablen westlichen Lebensstils für alle Menschen sichtbar seien. Zugleich bringe der Aufstieg der globalen Mittelschicht den Planeten an den Rand des Kollapses, wenn er nach dem alten Wachstumsmuster verlaufe.

Die von der Arbeitsgruppe entwickelte Post-2015-Agenda sei für Entwicklungs- und Schwellenländer ebenso relevant sei wie für die Industrieländer. „Transformative Veränderungen“ seien notwendig, um den globalen Wandel voranzubringen. Ziel müsse sein, bis zum Jahr 2030 die extreme Armut auszurotten, erklärte Köhler. Nachhaltigkeit müsse zum Rückgrat aller Entwicklung werden, und die Nützlichkeit von Wachstum müsse künftig daran gemessen werden, ob es Einkommen und Arbeit für alle Menschen schaffe. Um dies umzusetzen, brauche es, politisch gesehen, effiziente und rechtstreue Regierungen und Verwaltungen, die ihren Bürgern verantwortlich seien. „Wir müssen eine neue globale Partnerschaft für die Entwicklung unseres Planeten schmieden“, so die Essenz.

„Kein Land, so reich und mächtig es auch sein mag, kann auf Dauer seinen Wohlstand erhalten, ohne die Perspektiven und das Wohlergehen der anderen Länder zu berücksichtigen“, mahnte Köhler. Und über eine Reduzierung von Armut könne man nur dann reden, wenn man zugleich intensiv an einer Neuordnung der internationalen Handelspolitik, der ­Agrarpolitik, der Reform des internationalen Finanzsystems inklusive der Steuerpolitik sowie an einem global wirksamen Regime zur Reduktion von CO2-Emissionen arbeite, verdeutlichte er die wesentlichen „Baustellen“ des notwendigen Prozesses.

Für September 2015 sei der Beschluss der Agenda in der Generalversammlung der Vereinten Nationen vorgesehen. Sicherlich sei eine globale Partnerschaft zunächst ein Anspruch an Staaten und Regierungen. Aber sie müsse auch von unten wachsen. „Als Elitenprojekt wird die Post-2015-Agenda nicht funktionieren.“ Jeder Einzelne könne seinen Beitrag dazu leisten, indem er einfach anders konsumiere. Zwei Prozent der CO2-Emissionen ließen sich zum Beispiel einsparen, wenn alle nur noch LED-Lampen benutzen würden. „Nehmen wir diese Chance ernst“, schloss Köhler seine Rede. „Im Jahr 2015 kann die Weltgemeinschaft beweisen, dass sie endlich verstanden hat, dass wir in einer Welt leben.“

(anna)
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