Aachen: So viele Ingenieure braucht die Forschung gar nicht

Aachen: So viele Ingenieure braucht die Forschung gar nicht

Beim Bohren dicker Bretter und in der Technik, sich in widerständigen Materialien festzukrallen, macht den deutschen Ingenieuren keiner etwas vor. Schließlich haben sie nicht nur die Bohrmaschine, sondern auch den Spreizdübel erfunden.

Besonders hartnäckig verfolgt die feinste Allianz des deutschen Ingenieurwesens derzeit ihr Ziel, den Dipl.-Ing. wieder in den Köpfen der Politiker zu verankern. Immer deutlicher wird, dass es dabei um weit mehr geht als um eine nostalgische Marotte. Die Technischen Unis wollen wieder das fünfjährige Ingenieurstudium als Norm: mit Abschluss Master - oder Dipl.-Ing. eben. Die Masse der Kurzstudiengänge sollen die Fachhochschulen meistern.

Die feine Allianz, das ist der Verband der neun führenden Technischen Universitäten (TU9). Dazu gehören neben Aachen unter anderem Berlin, München und Karlsruhe. Seit der Rektor der RWTH, Ernst Schmachtenberg, mit Jahresbeginn Präsident und starke Stimme der TU9 wurde, verschafft sich diese Lobby zunehmend Gehör in der Hochschulpolitik. Und nun hat die TU9 eine edle Broschüre mit Goldprägung zum 111. Geburtstag des Dipl.-Ing. aufgelegt. Am 11. Oktober 1899 nämlich verkündete Kaiser Wilhelm II. seinen „Allerhöchsten Erlass”, der den Technischen Hochschulen das Recht einräumte, den Titel Diplomingenieur zu verleihen.

Schmachtenberg ist auch Herausgeber des 80-seitigen „Glückwunschs”. In seinem „Plädoyer für das Markenzeichen Dipl.-Ing.” stellt er wesentliche Motive der deutschen Bologna-Politik infrage, die die Akademikerrate auf 40 Prozent je Jahrgang treiben will.

Kein richtiges Leben im falschen

„Brauchen wir wirklich in dem Umfang eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung? Ich meine nein”, antwortet Schmachtenberg sich selbst, um sodann die Fachhochschulen hochzupreisen. Es sei an der Zeit, auf die „gute Qualität deutscher Fachhochschulingenieure” hinzuweisen. In einem drei- bis vierjährigen Studium könne an den FHs ein „leistungsfähiger, anwendungsbezogener Ingenieur” ausgebildet werden. „Ich fordere, dass 80 Prozent der künftigen Akademiker über diesen Weg gehen sollen.”

Nur etwa 20 Prozent der Ingenieure sollte „forschungsorientiert” ausgebildet werden. „Nur diese brauchen den längeren Ausbildungsweg bis zum Master.” Und der sollte dann auch wieder mit dem akademischen Grad Dipl.-Ing. „ausgezeichnet werden”. Das alles sei aber „kein Widerspruch zur Bologna-Reform”. Im Bologna-Land Österreich sei der Dipl.-Ing. doch auch gesetzlich abgesichert.

Der Rest der Broschüre berichtet vom Stolz etlicher Dipl.-Ing., erinnert an geniale Konstrukteure von Konrad Zuse bis Franz Pischinger, sodann an epochale deutsche Erfindungen, vom Ottomotor bis zum Tempotuch. Bis auf eine nicht gerade stilsichere Ausnahme beglückwünschen die Ingenieure allerdings fast nur sich selbst.

Beachtlich ein Beitrag über die Willfährigkeit, mit der deutsche Ingenieure sich der Aufrüstung des ersten Weltkriegs und vor allem dem Nazi-Regime anheimgegeben haben. „Erinnern möchten wir auch und gerade an die dunkelste Zeit deutscher Geschichte”, hebt Ernst Schmachtenberg hervor: „Ingenieure haben Verantwortung in dieser Welt. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”