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Aachen: Palliativmedizin soll vor allem die Lebensqualität verbessern

Aachen : Palliativmedizin soll vor allem die Lebensqualität verbessern

Sankt Martin - viele denken an ihn wohl nur in der kalten Winterzeit. Doch für Professor Lukas Radbruch hat der Helfer in der Not das ganze Jahr über Bedeutung. Zunächst ganz wörtlich.

Denn der Mantel, den Martin teilt, der heißt auf lateinisch „pallium”. Und von diesem Wort leitet sich der komplizierte Name von Radbruchs Fachrichtung ab: die Palliativmedizin.

Was das genau ist, das wissen die wenigsten Nicht-Mediziner - und auch einige Ärzte-Kollegen (noch) nicht. Aber das will der 44-Jährige ändern.

Denn seit Februar ist Lukas Radbruch Grünenthal-Stiftungsprofessor des neuen Lehrstuhls für Palliativmedizin am Aachener Universitätsklinikum.

Und am Anfang seiner öffentlichen Antrittsvorlesung stand nun eben ein Bild von Sankt Martin. Wie er seinen Mantel wärmend und schützend um den Not Leidenden legt, so will auch die Palliativmedizin die Patienten ganzheitlich und aktiv betreuen.

Und zwar die Patienten, die - meist unter großen Schmerzen - an einer nicht heilbaren, weit fortgeschrittenen Krankheit leiden und nur noch eine begrenzte Lebenszeit vor sich haben.

„Es geht uns weniger um Lebensverlängerung, unser Ziel ist der Erhalt und die Verbesserung der Lebensqualität - nicht nur der Patienten, sondern auch der Angehörigen”, erklärte Radbruch.

In seinem Vortrag „Palliativmedizin - nicht nur für Spezialisten” versuchte der renommierte Experte allgemein verständlich und mit Hilfe vieler Bilder einen kleinen Einblick zu geben: Er zeigte, wie Palliativmedizin helfen kann, wenn Operation, Chemo- oder Strahlentherapie nicht mehr möglich sind - aber auch gegen wie viele hartnäckige Mythen sie noch immer ankämpfen muss.

So habe beispielsweise ein großer Teil der Ärzte Bedenken, den Kranken Opiate oder Morphine zur Linderung von Beschwerden zu geben: „Sie meinen, das sei etwas Lebensgefährliches, davon werde man süchtig. Aber das ist nicht so!”

Nicht nur Schmerzen, Übelkeit, Verstopfung oder Luftnot könnten durch eine individuell abgestimmte Medikation gut gelindert werden, selbst für Symptome wie Müdigkeit, Schwäche oder Depression bestünden gute Therapiemöglichkeiten.

Und auch ganz einfache Mittel wie ein geöffnetes Fenster oder ein Handventilator könnten helfen. „Das ist oft mehr wert, als wenn ich mit der großen Medikamentenschachtel anrücke.”

Radbruch ist sich bewusst, dass seine Disziplin noch ein Randdasein fristet. Aber mit seinem Team und viel Energie will er sich weiter Richtung Zentrum arbeiten.

Seine Ziele: mehr Palliativstationen und Hospize in Deutschland, palliativmedizinische Grundkenntnisse bei Allgemeinmedizinern und Internisten sowie eine stärkere Vernetzung der Fachrichtungen - zum Wohl des Patienten. „Damit wir in der Lage sind, ihm offen in die Augen zu schauen, und er sein Leben in Würde, mit der nötigen Autonomie beschließen kann.”

Am Klinikum ist die Eröffnung einer Palliativstation mit neun Betten für Ende des Jahres geplant. Und Radbruch kündigte noch eine neue Einrichtung an: Gemeinsam mit dem Grünenthal-Geschäftsführer und Stiftungsgründer Michael Wirtz habe er beschlossen, einen Verein zur Förderung der Palliativmedizin ins Leben zu rufen.