Aachen: Notleine ziehen, bevor es richtig knallt

Aachen: Notleine ziehen, bevor es richtig knallt

Wie ein Rettungsschirm, der Günter Maintz vor dem harten Aufprall am Ende seiner Schullaufbahn bewahrt, erscheinen dem 29-Jährigen die RWTH-Studenten des Nachhilfeprojekts „Schüler-Navi”. „Ich bin lange gesundheitlich verhindert gewesen, habe daher bis jetzt nur die Berufsschulreife in der Tasche”, erzählt Maintz, der heute die Abendrealschule in Aachen besucht und einen höheren Abschluss anstrebt.

„Zuhause vor der Glotze hocken, Chips und Cola in greifbarer Nähe, und dann dem Staat auf der Tasche liegen war trotz meiner Krankheit nie eine Option für mich.”

24 Studenten machen mit

Maintz ist eine Kämpfernatur. Dennoch fällt ihm das Lernen zuweilen schwer - gerade in den Fächern Deutsch und Englisch hapert es. Hier kommen die Studenten von „Schüler-Navi” ins Spiel, die auf freiwilliger Basis und unentgeltlich Nachhilfeunterricht anbieten. Zwischen Studium, Privatleben und Nebenjob opfern derzeit 24 junge RWTH-Leute einen Teil ihrer Freizeit, um „in erster Linie ausländischen Schülern oder solchen zu helfen, die sich normale Nachhilfe nicht leisten können”, erklärt Carina Engler.

Die 24-jährige Studentin der Angewandten Geographie gehört zu den Gründungsmitgliedern von „Schüler-Navi”, das im Jahr 2009 seine Wurzeln hat. Bereits drei Schulen aus dem Aachener Gebiet haben an dem einzigartigen Projekt teilgenommen; die Abendrealschule ist die vierte im Bunde.

17 von ihren Fachlehrern ausgewählte und herausragende Schüler sollen in den kommenden Wochen fit gemacht werden für Prüfungen, Unterricht und Abschluss. „Letzteren könnten sie auch ohne Hilfe von Außen schaffen”, glaubt Schulleiter Ralph Ochel fest eine seine Schützlinge. „Es geht aber auch um gute Noten, die den Schülern die Qualifikation zu einer höheren Weiterbildung ermöglichen.” Wie gerufen kommen ihm da die jungen Leute von „Schüler-Navi”, denn alleine könnten die Lehrer der Abendschule den Mehraufwand in puncto Nachhilfe nicht leisten.

Die Schüler sind derweil dankbar für das Engagement der Studenten. Was die an der freiwilligen Arbeit reizt, erklärt Mitglied Markus Wetzel: „Bildung sollte allen zugänglich sein, das ist mir einfach wichtig. Gerade im Studium bekomme ich oft mit, wie sehr Bildungschancen von Herkunft und Geld abhängen. Dem will ich entgegenwirken, einen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten.”

In der Regel helfen Wetzel und seine Kollegen ein Mal die Woche, geben je nach Bedarf Einzel- oder Gruppenunterricht. Bedarf an neuen Mitgliedern sei immer da. „Darüber hinaus möchten wir als Mentoren dienen, in der Rolle des Studenten Mut machen können und aufzeigen, was man alles erreichen kann im Leben”, beschreibt Engler.

Günter Maintz blickt bei diesem Satz freudestrahlend in Richtung Zukunft. Sein Ziel ist nämlich : „In einem naturwissenschaftlichen Bereich an der Uni eine Ausbildung machen, das wäre wirklich toll.” Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Und wer weiß, vielleicht sitzt Maintz in ein paar Jahren selber da und gibt Schülern freiwillig Nachhilfe.

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