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Aachen: „Nicht nur über den Tod reden”

Aachen : „Nicht nur über den Tod reden”

Gleich neben der Notaufnahme, im Erdgeschoss des Universitätsklinikums Aachen, hat Professor Lukas Radbruch jetzt sein Büro bezogen. Noch muss sich der Direktor der Klinik für Palliativmedizin „häuslich” einrichten.

Auf dem zunächst nur ausgeliehenen Schreibtisch steht ein Telefon und in der Ecke eine Kaffeemaschine. Computer und Drucker sind bereits vernetzt. Doch nicht nur in seinem Büro bewegt sich der Kölner auf neuem Boden.

Lukas Radbruch ist der erste, der den von der Firma Grünenthal gestifteten Lehrstuhl für Palliativmedizin an der RWTH Aachen besetzt.

Patienten hat Lukas Radbruch noch nicht. Die ersten kommen Ende des Jahres. Dann öffnet die Klinik für Palliativmedizin, in der neun Patienten stationär betreut werden können. „Auf lange Sicht muss auch eine Ambulanz eingerichtet werden”, sagt Radbruch.

Das Ziel der Palliativmedizin ist es, die Symptome - wie zum Beispiel starke Schmerzen, Übelkeit, aber auch Schwäche und Angst - von Patienten mit einer nicht heilbaren, fortgeschrittenen Erkrankung zu lindern und so die Lebensqualität zu verbessern.

Oft ist die Lebenserwartung der Patienten begrenzt, doch eine Klinik für Palliativmedizin sei nicht mit einem Hospiz vergleichbar. „Auf einer Palliativstation wird nicht 24 Stunden am Tag gestorben, und auch die Patienten möchten nicht den ganzen Tag nur über den Tod reden.”

Teure medizinische Geräte seien für die Palliativmedizin deshalb nicht so wichtig „wie ein Team aus erfahrenen Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und Pflegekräften, die vor allem eines für ihre Patienten haben: Zeit - Zeit, um zuzuhören, die Hand zu halten und sich um die Angehörigen zu kümmern. 1,4 Pflegekräfte pro Bett wäre normal”, sagt Radbruch, rechnet allerdings nicht damit, dass die Krankenkassen dafür aufkommen.

Dabei führe erst die intensive Betreuung zu einer verbesserten Lebensqualität der Patienten. Doch der Kölner ist mit großen Plänen nach Aachen gekommen, „will um jede halbe Stelle kämpfen und wenn nötig, die Stellen mit Forschungsprojekten und Spenden finanzieren”.

Radbruch möchte mit einfachen Mitteln aus seiner Klinik einen Ort machen, „an dem auch ich gerne sein möchte”. Die Idee, dass er hier aus dem Nichts etwas aufbauen kann, fasziniert den 44-jährigen Familienvater. So setzt er sich für eine enge Zusammenarbeit mit der medizinischen Psychologie und Psychosomatik ein, will ein Team aus Pflegekräften, Soziologen und Seelsorgern aufbauen, das ganzheitliche und nicht nur medizinische Hilfe leisten kann.

Zudem möchte er mit Kollegen aus Belgien und den Niederlanden Projekte entwickeln. Auf dem Gebiet der Forschung widmet sich Radbruch der abnormen Müdigkeit, unter der vor allem Tumorpatienten leiden.

Hier will er Ursachen aufdecken und Behandlungswege finden. „Die Palliativmedizin gilt noch immer als Stiefkind der Medizin. Doch so langsam kommen die Dinge in Bewegung, und ich bin überzeugt, dass ich in Aachen viele Studenten für dieses Feld begeistern kann.”