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Aachen: Hort französischer Redensarten

Aachen : Hort französischer Redensarten

Wenn der französische Staatspräsident Jacques Chirac bei einer Kabinettssitzung dazu aufruft, zum Thema zurückzukehren, und dabei sagt: „Revenons à nos moutons” (wörtlich: Lasst uns zu unseren Schafen zurückkehren.), dann benutzt er eine Redewendung, die aus dem 15. Jahrhundert stammt.

Genauer gesagt aus der „Farce de Maître Pierre Pathelin”. Die mittelfranzösische Farce wird gerne als erste französische Komödie bezeichnet.

Keine Komödie

Das wiederum sieht Dr. Wolf Steinsieck nicht unbedingt so. Er muss es wissen, schließlich hat der Literaturwissenschaftler im Juli 2004 die erste kritische deutschsprachige Ausgabe der Farce veröffentlicht.

Eine Komödie im heutigen Sinne sei das Volksstück eher nicht. Die Bedeutung der „Farce de Maître Pierre Pathelin” für die Literatur des Nachbarstaates sei indes nicht zu unterschätzen, sagt der Dozent am Institut für Romanische Philologie I.

Nicht nur, dass das Werk um den betrogenen Betrüger Pathelin verschiedene Redensarten und feststehende Begriffe geprägt hat.

Auch der große Schriftsteller und Humanist Francois Rabelais habe in seinen Werken „Pantagruel” und „Gargantua” aus dem „Matre Pathelin” zitiert.

Und noch heute werde die Farce, die eigentlich aus drei Farcen besteht und mit 1600 Versen den Umfang einer ausgewachsenen Komödie hat, im Unterricht an französischen Schulen gelesen.

Darin geht es in eigentlich drei Farcen um den Anwalt Pathelin, der im ersten Teil den Tuchhändler, der seine Stoffe zu überteuerten Preise abgibt, um seinen Lohn betrügt, ihn im zweiten Teil lächerlich macht, um im dritten Teil einen Schäfer im Prozess aus der Patsche zu holen, um seinerseits von ihm übers Ohr gehauen zu werden.

„Der Text hatte schon zur damaligen Zeit einen riesigen Erfolg. Deshalb ist er auch gedruckt worden und uns so auch erhalten geblieben”, erklärt Steinsieck.

Fünf Jahre intensiver Arbeit stecken in dem 160-seitigen Buch, vor rund 20 Jahren bereits hatte der Literaturwissenschaftler damit begonnen.

Dass es bislang keine deutsche Übersetzung gegeben habe, liege auch daran, dass der Text „unglaublich schwierig” sei, so Steinsieck. Die französische Sprache des 15. Jahrhunderts sei „derartig weit entfernt”.

In der so genannten Deliriumsszene phantasiert Pathelin gleich in mehreren Regionalsprachen, darunter Bretonisch, Picardisch, Normannisch, Küchenlatein, Flämisch, Limousinisch oder Lothringisch. „Schon 1903 hat L.-E. Chevaldin ein 500-seitiges Werk nur zu dieser einen Szene geschrieben.”