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Berlin: Der Studentenberg - doch nur eine Fata Morgana am Planungshorizont?

Berlin : Der Studentenberg - doch nur eine Fata Morgana am Planungshorizont?

Seit Monaten beschwören Hochschulrektoren und Bildungsminister einen drohenden Studentenberg. Mit dem Hochschulpakt wollen Bund und Länder bis 2010 für 1,1 Milliarden Euro rund 90.000 zusätzliche Studienplätze für die geburtenstarken Schulabgänger- Jahrgänge schaffen. Doch Deutschlands Abiturienten sind studienmüde geworden.

Anders als prognostiziert gingen zum Wintersemester 2006/2007 jetzt im dritten Jahr in Folge die Anfängerzahlen an den Hochschulen zurück. Nicht wenige führen für ihren Studienverzicht auch materielle Gründe an. Am Mittwoch beschloss die Bundesregierung, die Anhebung der Bafög-Studienförderung erneut auszusetzen.

Wird der Studentenberg tatsächlich nun zur Fata Morgana am Planungshorizont der deutschen Bildungspolitik? Alle Prognosen sagen für Deutschland in den nächsten Jahren einen erheblichen akademischen Fachkräftemangel voraus. Heute schon fehlen Lehrer, Ingenieure und Ärzte.

Auch die Wirtschaftsverbände, die vor zehn Jahren noch unisono mit dem Schreckgespenst des „Dr. Arbeitslos” vor einer Studentenschwemme warnten, beklagen heute die im internationalen Vergleich viel zu niedrige Studierquote in Deutschland.

„Wir brauchen mehr junge Menschen mit Hochschulabschluss. Wenn sie nicht von selbst an die Hochschulen kommen, müssen wir sie werben”, sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).

Bis 2010/2012 werden noch einmal kräftig die Abiturientenzahlen steigen. Auch einige seiner Unions-Kollegen sprechen mit Blick auf den danach folgenden demographischen Knick von einer „einmaligen Chance”, jetzt hoch qualifizierte Nachwuchskräfte für die Wirtschaft auszubilden.

Wer aber tatsächlich mehr Studenten will, muss nicht nur für mehr Personal an den Hochschulen sorgen, sondern auch die materiellen Voraussetzungen für ein Studium schaffen, argumentiert der Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW), Rolf Dobischat. Die letzte Bafög- Erhöhung war 2002.

Angesichts der seitdem gestiegenen Preise für Mieten und Lebensmittel wäre aus Sicht des Bafög-Beirates der Bundesregierung eine Erhöhung von 10,3 Prozent in 2007 überfällig. Und damit der Kreis der Geförderten nicht wieder schrumpft, sollten die Bafög-Elternfreibeträge mindestens um 8,7 Prozent steigen.

2002 - im Jahr der letzten großen Bafög-Reform - entschieden sich noch 73 Prozent des Schulabgänger-Jahrganges mit Hochschulreife für ein Studium. 2005 waren es nur noch 69 Prozent, ermittelte unlängst das Hochschul-Informations-System (HIS).

Der Bildungsforscher Diether Domen befürchtet gar einen weiteren Rückgang der Studienneigung. Abiturienten, die verstärkt in die betriebliche Lehre statt ins Studium drängen, verschärfen zudem das Probleme der Hauptschüler auf dem angespannten Ausbildungsstellenmarkt.

Die Gründe für den Studienverzicht sind vielschichtig. Zwei Drittel möchten laut HIS-Befragung nach der Schule schnell finanziell unabhängig sein. Jeder Fünfte gab an, über keine finanziellen Mittel für ein Studium zu verfügen. Elf Prozent haben Angst davor, für Studiengebühren oder Lebensunterhalt hohe Schulden machen zu müssen.

In der Tat verschweigen zunächst die meisten Internet-Seiten oder bunten Werbebroschüren, mit denen viele Privatbanken für die neuen Studienkredite werben, wie hoch die Rückzahlsummen bei einem Vollstudium auf Pump mit Zins und Zinseszins tatsächlich ausfallen können.

In einem internen Vermerk der Bundesregierung ist von 65.000 bis 90.000 Euro die Rede - je nachdem, ob der Staat Zinsrisiko und Ausfallbürgschaft übernimmt. Im Extremfall können dies nach einer Modellrechnung sogar 126.000 Euro werden - abzuzahlen nach dem Examen in 27 Monatsraten von jeweils 350 Euro.

Zu den materiellen Sorgen der Studienverzichtler kommt an vielen Hochschulen das Problem eines hausgemachten Numerus clausus hinzu. Im Zuge der in den vergangenen Jahren rechtlich deutlich ausgeweiteten Hochschulautonomie erlauben Länder-Ministerien ihren Hochschulen immer leichter die Verhängung lokaler Zulassungssperren. Und wer als abgewiesener Bewerber draußen vor der Uni-Tür steht, kann drinnen auch nicht den vermeintlichen Studentenberg in die Höhe treiben.