1. Hochschule

Aachen: Blutläufer Andy rennt täglich bis zu 20 Kilometer

Aachen : Blutläufer Andy rennt täglich bis zu 20 Kilometer

Ein amputiertes Bein in einer Tüte quer durchs Haus zu schleppen, gehört auch für Andy nicht zum Alltag. Aber hin und wieder zum Geschäft. Andreas Mattke ist Blutläufer im Aachener Universitätsklinikum.

Eigentlich hat er Koch gelernt. „Aber nach dem Zivildienst bin ich hier irgendwie hängengeblieben”, erzählt der 41-Jährige. Seit 1995 gehört er zur 22-köpfigen Abteilung Krankentransport. In drei Schichten - zwei tagsüber, eine nachts - stellt die mobile Einsatzgruppe täglich die Blutläufer. Und als solche stellen sie einige der imposanten Rekorde auf, die der gigantische, grüne Betonpalast seit seiner Inbetriebnahme vor 25 Jahren hält.

Mattke rennt jede Woche zu Fuß nach Köln und zurück - jedenfalls, wenn man die rund 20 Kilometer zusammenzählt, die er täglich kreuz und quer durchs grüne Betonlabyrinth hinter sich bringt. „Bis zu 150 Mal klingelt mein Telefon pro Schicht”, erzählt er - es ist eines von 2000 Mobil- und 4000 Festnetztelefonen, mit denen die 4700 Mitarbeiter das medizinische Geschäft erledigen.

Seit Jahren unersetzlich

Der Blutläufer ist dabei seit Jahrzehnten unersetzlich. So flexibel wie Mattke kann das kein computergesteuertes Transportsystem. Er wuchtet bis zu 20 der 450-Milliliter-Beutel mit dem roten Lebenssaft in gekühlten Styropor-Boxen treppauf, treppab und die endlosen Gänge entlang. Zwischen dem ersten und zweiten Untergeschoss, wenn Unfallopfer in der Notaufnahme schnellstmöglich Blutkonserven aus der Blutbank brauchen.

Er trägt reihenweise Röhrchen mit Blutproben zu den Laboren. Und er eilt immer wieder mit sogenannten Schnellschnitten aus den Operationssälen Richtung Pathologie. Dort wird dann sofort kontrolliert, ob der Schnellschnitt - eine hauchdünne Gewebeprobe, zum Beispiel von einem Lungenkrebspatienten - dem Chirurgen wertvolle Hinweise für den Fortgang der Operation liefern kann. Der narkotisierte Patient kriegt davon nichts mit. Er liegt während Mattkes Spurt zwischen den Stationen weiter auf dem OP-Tisch.

„Es ist schon vorgekommen, dass ich 25 Schnellschnitte von einem einzigen Patienten während dessen Operation in der Pathologie abgegeben habe”, sagt der Mann mit den roten Sportschuhen unterm weißen Mediziner-Outfit. Durchaus üblich seien 15 bis 20 Schnellschnitte. „Man muss ja sichergehen, dass man wirklich alles rausgeschnitten hat, was raus muss.” 26.000 Operationen bewältigt das Klinikum jedes Jahr.

Natürlich ist auch der Patienten- und Bettenverkehr nach einem ausgeklügelten System geregelt. 252.600 Patienten werden in zwölf Monaten in 34 Fachkliniken versorgt - davon 45.000 stationär. 1360 Betten zählt das Klinikum. Die benutzten Bettgestelle rollen Mattke und seine Kollegen regelmäßig aus dem 6000-Zimmer-Haus in den Bereich gegenüber der OP-Saal-Reihe im Keller. Ab und zu liegt dann eine rote Karte auf der dreckigen Bettwäsche.

„Das bedeutet, dass in dem Bett eine Leiche transportiert wurde”, erklärt der Blutläufer. Das Gestell wird in eine spezielle Waschstraße geschoben, daneben wird die Matratze im Ofen bis zur Keimfreiheit erhitzt. Zwei Meter weiter liegt der Kühlraum, in dem die Toten aufbewahrt werden. „Neben Blut und Patienten transportiere ich 20 bis 25 Leichen pro Monat. Das gehört irgendwann zur Normalität”, sagt Mattke. Hier unten gehört Massenware zum Geschäft: 70.000 Mal läuft die Bettenreinigungsanlage von Januar bis Dezember. Für insgesamt 2700 Tonnen Wäsche - von der OP-Kleidung bis zum Bettlaken - braucht man 30.000 Kilogramm Waschpulver.

Und es gibt noch größere Zahlen im Jahresverbrauch des Großkrankenhauses: 1,3 Millionen Patientenessen gibt die Küche heraus - 25 verschiedene täglich, inklusive der Diätvarianten. Was zu einem weiteren Superlativ führt: Der Jahresverbrauch an Klopapier ist auf 300.000 Rollen gestiegen, das sind 75 Millionen Blatt.

20.000 Konserven

Im Arbeitssektor von Blutläufer Andy und seinen Kollegen fallen 740 Patienten- und Bettentransporte pro Tag an. Und irgendwann geht durch die Hände seines Teams auch jede der jährlich 20000 Blutkonserven, von denen 75 Prozent im OP-Bereich und auf der Intensivstation verabreicht werden.

Zu jeder Materialübergabe - Blut, Schnellschnitte oder amputierte Gliedmaßen - gibt´s einen kurzen freundlichen Gruß, manchmal auch einen kleinen Plausch. „Mit der Zeit kennt man hier natürlich fast jeden Mitarbeiter”, sagt Mattke. Allein 800 Ärzte und 943 Frauen und Männer des Krankenpflegepersonals arbeiten in der Medizinfabrik.

Blutläufer Andreas Mattke kennt jede Ecke, jede Türe, jeden Aufzug, jede Etage auf 200.000 Quadratmetern Klinikfläche. Was für die meisten Patienten und Besucher ein aufgetürmter Gängedschungel in sieben Etagen ist, empfindet Mattke als gläsernes Labyrinth.

Und laut Mattke ist das viel besser als früher, als seine Mutter Krankenschwester im auf mehrere Pavillons aufgeteilten Uniklinikum-Vorgänger an der Goethestraße war. „Da waren die Wege noch viel länger, die Labore über das ganze Gelände verteilt.” Und da wäre sein tägliches Geschäft wohl nicht nur mit einem amputierten Bein in der Hand bei Wind und Wetter noch wesentlich ungemütlicher gewesen.

Im Jahr 1983 ziehen die ersten Herzpatienten auf der grünen Wiese ein

Rund 45.000 stationäre und 207.606 ambulante Patienten zählt das Universitätsklinikum pro Jahr. In 34 Fachkliniken und 23 Instituten arbeiten 4700 Vollzeitkräfte - davon 800 Ärzte. Im April 1983 zog die erste Abteilung, die Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie, in den 240 Meter langen und 130 Meter breiten Komplex im Aachener Westen vor der niederländischen Grenze ein. Zum Jahreswechsel 1983/84 folgte die Herzchirurgie mit den ersten stationären Patienten.

Verwaltungschef Detlef Klimpe ist seit 30 Jahren im Aachener Klinikgeschäft. Er spricht von „25 erfolgreichen Jahren für das Klinikum, die Fakultäten und die Aachener Bevölkerung”. „Gerade in Verbindung mit der Hochschule und in Kooperation mit Maastricht wird die Medizin hier ein bedeutsamer Wachstumsfaktor bleiben”, sagt Klimpe.

Allerdings müssen die Mitarbeiter des Uniklinikums mit einem Stellenabbau zur Kosteneinsparung rechnen. Wirtschaftsprüfer haben 40 verschiedene Bereiche des Großkrankenhauses auf Rationalisierungspotenzial abgeklopft.