Berlin: Arbeiternachwuchs hat wenig Chancen auf ein Studium

Berlin: Arbeiternachwuchs hat wenig Chancen auf ein Studium

Die Bildung der Eltern ist in Deutschland noch immer ausschlaggebend dafür, ob Kinder einmal studieren oder nicht. Laut einer Studie, die das Deutsche Studentenwerk (DSW) am Freitag in Berlin vorstellte, nehmen 71 Prozent der Akademiker-Kinder ein Studium auf. Unter den Kindern aus Familien ohne akademische Tradition sind es nur 24 Prozent.

Kinder von Beamten mit Hochschulabschluss studieren laut der neuen Sozialerhebung fast viermal so häufig wie Arbeiterkinder. Hochschulbildung in Deutschland gleiche weiter einem „Kapital, das von Akademiker-Generation zu Akademiker-Generation weitervererbt wird”, kommentierte DSW-Präsident Rolf Dobischat. „Die Akademiker reproduzieren sich selbst.”

Die von Forschern des Hochschul-Informations-Systems ermittelten Zahlen bilden den Stand von 2007 ab. Gegenüber 2003 ist demnach die Studierquote von Nichtakademiker-Kindern sogar um 2 Prozentpunkte gesunken, bei Akademikerkindern ging die Quote im gleichen Zeitraum deutlich um 12 Punkte zurück.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wertete die neuen Zahlen als ”Armutszeugnis für die studentische Sozialpolitik der Bundesregierung„. ”Leider bleibt Deutschland Weltmeister in sozialer Auslese„, kritisierte der GEW-Vorstand Andreas Keller. Von Chancengleichheit beim Hochschulzugang sei Deutschland ”immer noch Lichtjahre entfernt„.

Die Bildungsgewerkschaft forderte die schwarz-gelbe Koalition auf, das BAföG nicht wie vorgesehen um zwei Prozent, sondern mindestens um zehn Prozent zu erhöhen. Das sei finanzierbar, wenn die Regierung auf das geplante Stipendienprogramm verzichte. ”Dieses hilft gerade den Studierenden nicht, die eine Unterstützung am dringendsten brauchen„, sagte Keller. Auch SPD, Linkspartei und Grüne appellierten an die Bundesregierung, das erst am Dienstag vom Kabinett beschlossene Stipendienprogramm zurückzuziehen. Die Förderung der meist sozial besser gestellten besonders guten Studenten werde die soziale Spaltung noch verstärken, warnten sie.

„Diese krasse soziale Schieflage beim Zugang an die Hochschulen ist eine bildungspolitische Katastrophe”, sagte der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir. Die fehlende Chancengleichheit werde den Fachkräfte- und Akademikermangel weiter verschärfen. Da wirke das geplante „elitäre Stipendienprogramm bloß noch höhnisch”. Die SPD-Bildungsexpertin Eva-Maria Stange forderte außerdem ein Schüler-BAföG. Dieses könne gerade Kinder aus Arbeiterfamilien ermutigen, den Weg bis zum Abitur zu gehen.

Auch die Umstellung des Studiums auf eigenständige Bachelor- und darauf aufbauende Masterstudiengänge scheint entgegen den Erwartungen nicht mehr junge Menschen aus hochschulfernen Familien anzulocken, wie das Studentenwerk hervorhebt.

Die hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Nicole Gohlke, verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass zwei Drittel der Studierenden neben dem Studium arbeiten müssten. Das werde aber gerade in den äußerst straff organisierten Bachelor-Studiengängen immer schwieriger.