Aachen: Historiker, globaler Vermittler, zupackender Christ

Aachen : Historiker, globaler Vermittler, zupackender Christ

Meinte der Aachener Oberbürgermeister irgendwelchen Bedenken vorbeugen zu müssen? „Wir werden einen nicht unpolitischen, aber etwas anderen Karlspreis erleben”, sagte Jürgen Linden am Wochenende, als er den neuen Preisträger Andrea Riccardi bekanntgab. Der Karlspreis 2009 wird zweifellos anders.

Er wird gekennzeichnet sein durch Spiritualität und Tatkraft, Alltagspraxis statt politischer Programme, durch eine - viele Zeitgenossen wahrscheinlich etwas verstörende, irritierende - Zuversicht, aus dem Glauben geradezu prophetische Kraft für die Einigung Europas gewinnen zu können.

Das Karlspreisdirektorium setzt in der Regel auf die großen politischen Namen in Europa, macht selten Ausnahmen davon, weil es Wert legt auf starke mediale Resonanz. Gleichzeitig wissen die Verantwortlichen, dass europäische Idee und Einigungswerk nicht nur von der großen Politik voran gebracht werden, sondern sich auch aus anderen Quellen speisen.

„Wenn die Institutionen erstarrt sind, die Prozesse sich verzögern, die Politiker zaudern, wenn eine Gruppe die Verantwortung für die Verzögerung der anderen zuschiebt, dann müssen wir europäischen Christen den Mut aufbringen, ein gemeinsames europäisches Empfinden zu fördern, das in den Herzen und Gedanken zu wohnen vermag.”

So könnte man derzeit den Zustand der Europäischen Union treffend - und politisch sehr deutlich - beschreiben. Riccardi hat das im Mai vergangenen Jahres auf dem Ökumenischen Europatag in Stuttgart gesagt. Das ist anders, aber eben nicht unpolitisch.

Wer es mit Sant´Egidio, der vor 40 Jahren von Riccardi gegründeten religiösen Gemeinschaft, zu tun hat, ist tatsächlich mitten in der Politik. Die Vertreter dieser katholischen Laienorganisation gehen beim Besuch des US-Präsidenten in Rom in die Botschaft der Vereinigten Staaten und nehmen gegenüber George W. Bush kein Blatt vor den Mund. „Wir sagten: Herr Präsident, unser Motto bei Sant´Egidio lautet: Der Krieg ist die Mutter aller Armut. Da ist er stumm geblieben.”

Freundschaft mit den Armen, ökumenischer und interreligiöser Dialog, ständiger Einsatz für den Frieden - das sind die Prinzipien von Sant´Egidio. Sie gründen auf dem Evangelium und dem gemeinsamen Gebet in der Gemeinschaft. In diesem Sinne startete Riccardi - inspiriert vom Zweiten Vatikanischen Konzil - als 18-jähriger Gymnasiast mit Freunden in Rom das Engagement dieser Gemeinschaft. Sie taten das im Geiste des Konzils, das Kirche als „Kirche aller und in besonderer Weise der Armen” definiert hatte.

Im selben Jahr 1968 entwickelte Johann Baptist Metz die „Neue Politische Theologie - eine Theologie mit dem Gesicht zur Welt”. Nach Überzeugung des deutschen Fundamentaltheologen hat das Christentum nur Zukunft, wenn es fähig ist zu gesteigerter Empfindlichkeit für fremdes Leid: „Compassion”. Metz sieht darin ein „Weltprogramm des Christentums” im Zeitalter der Globalisierung und „die biblische Mitgift für den europäischen Geist”.

Solchermaßen ziehen Riccardi und Sant´Egidio sozialpolitische Konsequenzen aus dem Glauben - sehr konkret und erfolgreich. Über eine kritische Stimme aus Italien, die in Medien Riccardi autoritären Führungsstil vorwirft und in Sant´ Egidio gar sektenähnliche Verhältnisse sieht, ist im Karlspreisdirektorium gesprochen worden; sie wurde aber als irrelevant betrachtet.

Weltweite Beachtung fand 1992 der Friedensschluss zwischen Regierung und Renamo-Rebellen in Mosambik, den Sant´Egidio in über zweijährigen intensiven Verhandlungen vermittelt hatte. Hierzulande eher wenig beachtet - engagieren sich der künftige Karlspreisträger und seine Organisation seitdem unentwegt und weltweit als Vermittler in vielen Konflikten: Algerien und Burundi, Guatemala und Kongo, Uganda und Kosovo.

Riccardi, der als Historiker und Experte für Kirchengeschichte sowie für religiöse, politische und kulturelle Entwicklungen des 20. Jahrhunderts international hohes Renommee genießt, verbindet in seiner Person wissenschaftliche Analyse, Glaubensüberzeugung und praktische Politik. Dem prognostizierten „Kampf der Kulturen” setzt er die Kultur des Dialogs entgegen.

Riccardi wird in Italien - nicht zuletzt wegen seines sozialen Engagements - durchaus als Widerpart von Ministerpräsident Silvio Berlusconi wahrgenommen. Hätte nicht dessen konservative Parteienvereinigung die Parlamentswahlen im April gewonnen, sondern das linksliberale Bündnis unter Walter Veltroni, wäre Riccardi womöglich Außenminister seines Landes geworden.

Riccardi ist eben nicht nur ein frommer Mann, der auf eine, wie er es nennt, prophetische Kraft des Christentums in und für Europa setzt. Bei seinem Engagement für die Einigung des Kontinents äußert er sich ebenso spirituell wie deutlich. Er kritisiert den Nationalismus, die Angst vor dem Verlust nationaler Souveränität. Sollten die Nationen bleiben, wie sie sind, würden sie sich „zur Provinz und dann zum belagerten Ghetto entwickeln”.

Unermüdlich redet er Europa wegen der Verantwortung für Afrika ins Gewissen. Sant´Egidio kämpft hier vor allem gegen die Krankheit Aids, unter der kein Kontinent so massiv leidet wie der afrikanische. Riccardi ist überzeugt, dass sich die EU nicht genug engagiert. „Als Europa werden wir vereint und froh sein, wenn wir mit Anteilnahme auf Afrika schauen. Afrika hat mit uns ein gemeinsames Schicksal. Entweder wir leben zusammen, oder wir werden zusammen untergehen.”

Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen - diese von dem Theologen Hans Küng beständig propagierte These haben Riccardi und Sant´Egidio in die Praxis umgesetzt. 1986 initiierte der damalige Papst Johannes Paul II. das erste Friedensgebet von Religionsführern der gesamten Welt in Assisi. Seitdem werden diese Treffen von Sant´Egidio fortgeführt und alljährlich an einem anderen Ort organisiert - 2003 in Aachen.

Manuela Brülls war vor fünf Jahren eine der Cheforganisatorinnen des Friedensgebets. Heute ist sie die Verantwortliche im Bistum für Sant´Egidio. Sie lernte die Gemeinschaft während einer Reise des Bistums nach Rom 1982 kennen. „Es hat mich sehr berührt, wie konkret man mit anderen und für andere Christ sein kann. Wer immer alleine kämpfen muss, scheitert”, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Es kommt darauf an, im eigenen Alltag die Armen zu sehen.”

Sie nennt Riccardi einen Mann des Gebets, spirituell und sehr demütig - trotz all seiner internationalen Kontakte. Er hat keine Angst und ermutigt andere. Und er ist sehr humorvoll.” Als sie von der Karlspreisentscheidung hörte, war das für sie „einfach ein schöner Moment” - und Ansporn. „Wir können noch so viel tun.”