Kommentar zum Frauenwahlrecht: Gedöns und Grundkonsens

Kommentar zum Frauenwahlrecht : Gedöns und Grundkonsens

Heute auf den Tag genau vor einhundert Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen gehen und sich selbst zur Wahl stellen. Seitdem hat sich viel verändert. Wer heute ernsthaft auf die Idee käme, den Frauen dieses Grundrecht abzusprechen, würde entweder belächelt oder für verrückt erklärt werden.

Ja, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist inzwischen gesellschaftlicher Grundkonsens. Wenn es allerdings konkret wird, verträgt sich die Praxis zuweilen schlecht mit dem guten Vorsatz.

Es ist gerade einmal zwei Jahrzehnte her, als der damalige Kanzler Gerhard Schröder, bekanntlich ein SPD-Mann, den sperrigen Namen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend öffentlich mit „Ministerium für Familie und Gedöns“ übersetzte. Das entsprach einem westdeutschen Zeitgeist, in dem Betriebskindergärten oder Ganztagsschulen kaum vorkamen. Inzwischen zählt die Frauenerwerbsquote in ganz Deutschland zu den höchsten in Europa. Allerdings handelt es sich vorwiegend um Teilzeitjobs. Denn wegen der Familienarbeit stecken Mütter immer noch deutlich häufiger bei der Karriere zurück als Männer. Nicht nur in den Unternehmen, sondern auch in der Politik.

Man kann Regelungen, die das das ändern sollen, als Quotenwahn abtun. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich auf freiwilliger Basis kaum etwas zum Besseren gewendet hat. Also braucht es Druck. Und der geht auch mit kreativen Ideen. So kommt aus der SPD der Vorschlag, im Rahmen einer ohnehin überfälligen Wahlrechtsreform die Zahl der Wahlkreise zu verringern, im Gegenzug aber jeweils zwei Direktkandidaten zu bestimmen – einen Mann und eine Frau. Warum eigentlich nicht? Jedenfalls ist der Vorschlag ein interessanter Ansatz, um Frauen mehr politische Präsenz zu verschaffen. Das vor einhundert Jahren erkämpfte Frauenwahlrecht ist Alltag. Das eigentliche Ziel, Gleichberechtigung, hingegen nicht.