Fridays for Future: Die Diskussion hat eine Schieflage

Kommentar zur Klimadebatte : Schmerzhafte Fragen

Die öffentliche Diskussion über die Bewegung „Fridays for Future“ weist in Teilen bizarre Züge auf. Statt das Kernanliegen der Schüler zu thematisieren, nämlich den Wunsch nach einer engagierten Klimapolitik, verliert sie sich immer wieder in Nebenaspekten.

Seit Wochen wird intensiv darüber debattiert, ob die Jugendlichen freitags den Unterricht bestreiken dürfen. Alles ist dazu bereits gesagt worden, nahezu von jedem. Inzwischen müsste längst klar sein: Der Schulboykott ist keineswegs ein Sargnagel für die Bildungsrepublik Deutschland. Doch die Diskussion hält an.

Seit Wochen müssen sich die Jugendlichen anhören, in ihrem Alltag selbst nicht genug für die Umwelt zu tun. Gerne wird ihnen pauschal unterstellt, sie ließen sich im spritfressenden SUV zur Schule kutschieren oder seien Vielflieger. Vor allem in den sozialen Netzwerken schlägt den Demonstranten oft eine erschreckende Mischung aus Hass, Überheblichkeit und pseudo-moralischer Rigorosität entgegen – nicht allein aus der politisch rechten Ecke. Dabei wird von den Kritikern geflissentlich ignoriert: Nicht nur perfekte Menschen dürfen sich für den Klima- und Umweltschutz einsetzen. Protestformen wie die der Schüler können bei vielen Jugendlichen auch persönliche Lernprozesse in Gang setzen und diese ihr eigenes Verhalten überdenken lassen. Das ist eine zusätzliche Qualität der Bewegung.

Von der Wucht überrascht

Seit Wochen wird den Schülern zudem der absurde Vorwurf gemacht, sie seien fremdgesteuert. Selbst Angela Merkel witterte eine Zeit lang Einflussnahmen von außen auf die Jugendlichen. Inzwischen lobt die Kanzlerin die Bewegung, versucht sie politisch zu umarmen. Dabei stört es die Regierungschefin offenbar nicht, dass die Schüler gegen eine Politik protestieren, die sie maßgeblich zu verantworten hat. Merkel geht es derzeit wie vielen anderen Politikern, die von der Wucht der Bewegung „Fridays for Future“ überrascht wurden. Sie beschäftigen sich vornehmlich mit der Frage: Wie verhalten wir uns als Parteien taktisch am klügsten zu den Schülerprotesten?

Überdeckt wird durch all das die eigentliche Debatte, die von den Schülern aufgeworfen wurde und die jetzt dringender denn je geführt werden müsste. Nämlich: Welche radikalen Maßnahmen gilt es innerhalb kürzester Zeit vorzunehmen, um den Sturzflug in die Klimakatastrophe doch noch zumindest abzubremsen? Wer muss künftig worauf verzichten? Reicht es, auf E-Mobilität, den Ausbau der Erneuerbaren Energien und einen schnellen technischen Fortschritt zu setzen? Oder müssen nicht noch viel tiefer gehende Fragen gestellt werden? Zum Beispiel: Verträgt unsere Erde überhaupt noch ein Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum angewiesen ist? Muss sich unsere Gesellschaft von ihrer Konsumfixierung lösen? Wie könnte eine lebenswerte und umweltfreundliche Alternative zum freien Spiel der Marktkräfte aussehen?

Das Problem der Akzeptanz

Ehrlich wäre es auch, über Umverteilung zu diskutieren. Die ökologische Transformation unserer Gesellschaft ist zum Scheitern verurteilt, wenn ihre immensen Kosten vornehmlich die untere Mittelschicht und wirtschaftlich Schwache zum Verzicht zwingen. Sie würde von breiten Bevölkerungsschichten schlichtweg abgelehnt. Deshalb muss im Rahmen einer Umweltdebatte auch über radikale Änderungen am Steuersystem, über die Zustände auf dem Arbeitsmarkt und über bessere Sozialleistungen gesprochen werden.

In Fachkreisen geschieht das längst. Auch viele Schüler diskutieren darüber. In der großen öffentlichen Debatte werden tiefer gehende Fragen jedoch weiterhin gerne weggedrückt. Sie bereiten halt Schmerzen. Es mag eine Zeit lang gut gehen, diese zu ignorieren Aber die ihnen zu Grunde liegende Krankheit wird dadurch in den seltensten Fällen geheilt.