1. Freizeit

Wallonie: Zwei Ziele am Albertkanal in der Wallonie: Eben-Ezer und Eben-Emael

Wallonie : Zwei Ziele am Albertkanal in der Wallonie: Eben-Ezer und Eben-Emael

Da nahm Samuel einen Stein und setzte ihn zwischen Mizpa und Sen und hieß ihn Eben-Ezer und sprach: Bis hierher hat uns der Herr geholfen“ (1. Samuel 7, 12). Es ist kaum zu glauben, was man da hoch über den Baumwipfeln entdeckt. Überdimensionale apokalyptische Figuren thronen auf einem rund 33 Meter hohen Turm, wie in einem Horror-Movie oder in „Game of Thrones“.

Der Turm ist eine Konstruktion aus Tausenden von Feuersteinen (Silex) und Zement aus den 1950er Jahren. Feuerstein wurde seit den 1930er Jahren im Tal der Jeker zwischen Lüttich und Maastricht abgebaut und war ein wichtiger Rohstoff. Die Steine wirken wie an den Stein geklebt.

Eben
Eben

Mittelalterlich düster kommt alles rüber. Oben scheinen die Cherubine, die himmlischen Wesen, gleich in die Lüfte entschwinden zu wollen, um später wieder auf der Erde zu landen und ihre Botschaften von Liebe und Hoffnung zu verbreiten. Der Erbauer dieses bizarr wirkenden Ensembles ist Robert Garcet. Der Mystiker und Pazifist schuf hier ein bemerkenswertes Beispiel für fantastische Architektur. Er verließ seine Geburtsstadt Mons mit 18 Jahren und kam als Steinbrucharbeiter ins Tal der Jeker. Im Gepäck hatte er eine Bibel in der Version von Louis Segond und das Gedankengut seines Großvaters, eines militanten Sozialisten.

Eben
Eben

Symbol des Friedens

Garcet wühlte als Steinhauer in den Eingeweiden der Erde, lernte die sonderbar geformten Feuersteine für sich zu „lesen“ und brachte sie mit den Prophezeiungen der Offenbarung in Verbindung. Schließlich wurde er Besitzer der Feuersteinmine, an deren Rand er zwischen 1948 und 1963 diesen Turm erbaute. Er hat darin sein Idealbild vom Frieden konkretisiert, einen Platz zur Begegnung mit dem Menschen und mit Gott geschaffen. Eben-Ezer ist nach seiner Auffassung ein Ort der Revolution und der Entdeckung. Ein pazifistisches Mahnmal der Menschlichkeit, das auch auf das wenige Kilometer entfernt liegende Fort Eben-Emael verweist, einen Monsterbau des Krieges.

Der Turm von Eben-Ezer verkörpert eine durchdachte Symbolik und die biblische Darstellung der Menschheit im himmlischen Jerusalem, einer mythischen Stadt mit einer Seitenlänge von 12.000 Stadien (2160 Kilometer). Garcet bildete diese Proportionen im kleineren Maßstab in seinem Werk mit den zwölf Metern Seitenlänge des Turms nach. Nichts wurde dem Zufall überlassen. 33 Meter hoch ist der Turm, und 33 Meter tief ist der Steinbruch, der das Baumaterial lieferte. Vier aus Beton gegossene Engel der Apokalypse thronen auf den Eckpfeilern: der Stier im Nordosten, der Mensch im Südosten, der Löwe im Südwesten und der Adler im Nordwesten.

„Stein der Hilfe“

Am Fuß des Turms bilden — im Dickicht — zwölf Stelen einen Kreis. Die Steinsäulen sind alle präzise 3,33 Meter voneinander entfernt. Auch die monumentale Treppe — an der Flanke des Hügels — hat der biblischen Geschichte nachempfundene Dimensionen. In der Bibel ist „der Stein der Hilfe“ ein Gedenkstein, der von Samuel nach der Verteidigung gegen die Philister als Dank für Gottes Hilfe aufgestellt wurde, zwischen Mizpa und Jeschana. Daran soll die monumentale Treppe in Eben-Ezer erinnern.

So viel zur beeindruckenden, fantasievollen Architektur von Eben-Ezer. Schauen wir ins Innere! Ebene-Ezer beherbergt das Silex-Museum. Archäologen, Paläontologen und Historiker kommen hier auf ihre Kosten. Und wem das noch nicht genügt, der kann sich mit dem reichen Gedankengut des Erbauers Robert Garcet vertraut machen.

Die skurrilen Ausstellungsstücke — Funde und Dekorationen, mal schrill, mal düster: Im Feuersteinmuseum und der Welt des Robert Garcet sind sie ganz besonders und daher vielleicht nicht jedermanns Sache. Sie wirken auf manchen kitschig und manchmal komisch. Diese Kuriositätensammlung muss man durchdringen, um zu begreifen, was der Erbauer in seinen Botschaften mitzuteilen versucht — inspiriert durch die Formen des Feuersteins, die Fossilien und die umliegende Region mit ihren vielen Steingruben, Höhlen und Grotten.

Manche Besucher verbringen Stunden in diesem nicht alltäglichen Museum. Andere können sich nicht begeistern, erklimmen kurzerhand den Turm mit seiner tollen Aussicht. Bei der Besteigung des Turms ist Vorsicht geboten: Die Stufen zu den einzelnen Etagen liegen frei, keine Geländer, sehr schmal und eng gewunden, ziemlich steil unter niedrigen Decken, führt der Weg nach oben.

Wer lieber am Boden bleibt, findet im Garten, im Park hinter dem Gebäude, eine Ausstellung mit Skulpturen zur fantastischen Kunst des Robert Garcet.

Fort der Superlative

Ortswechsel: In den dunklen Gängen der Festung Eben-Emael — nur wenige Meter vom friedlichen Eben-Ezer entfernt — wird ein Kapitel des Krieges in der Grenzregion auf beeindruckende und gleichsam erschreckende Weise sichtbar.

Festes Schuhwerk ist empfehlenswert für die mehrere Stunden dauernde Besichtigung dieser unterirdischen Festung am Albertkanal. Ganz bedeutend und interessant ist die strategische Vorgehensweise der deutschen Truppen bei der Einnahme des Forts am 11. Mai 1940. Deshalb beginnt eine Führung auch mit den geografischen und strategischen Besonderheiten des Forts und seiner Umgebung.

Zwischen 1932 und 1935 wurde auf dem St. Pieter-Berg über dem Maastal diese Festung mit 17 Bunkern auf 75 Hektar Fläche errichtet. Ihr Zweck war die Schließung einer Verteidigungslücke im Maastal zwischen Belgien und Maastricht. Auf der Ostseite des Forts liegt der Albert-Kanal in einem 60 Meter tiefen Einschnitt. Die Eroberung der Festung durch die Deutschen durfte die Brücken über den Kanal nicht gefährden. Deshalb musste Eben-Emael neutralisiert werden. Die Hauptrolle dabei spielten die neuartigen Lastensegler DFS 230. 40 an der Zahl, gezogen von Ju-52-Schleppflugzeugen, mit 350 Fallschirmjägern an Bord, übernahmen diese Aufgabe.

Hinter dem eher unscheinbaren Eingang zum eigentlichen Bunker wird einem zunächst noch nicht bewusst, welch gigantische Ausmaße diese Festung in sich birgt. Nach und nach jedoch wird dieses unterirdische Abenteuer immer faszinierender, die Schilderungen der dramatischen Begebenheiten immer eindringlicher und berührender.

Mit jedem Meter, den man weiter eintaucht in die finsteren Labyrinthe der Festung, in deren Infrastruktur, nimmt man mehr teil an der schicksalhaften Geschichte der circa 1200 Soldaten, die dieses Fort im Dunklen der Erde gegen unsichtbare Feinde an der Oberfläche verteidigen sollten.

Von den vielen Gängen, bis an deren Ende man guten Schrittes teilweise bis zu einer halben Stunde braucht — kilometerlang, eng und steinern —, kann man nur wenige bewältigen. Auf dem Dach der Festung wird der Rundgang außen fortgesetzt. Von hier oben hat man eine weite Sicht über die Maas, den Kanal und das „Loch von Visé“. Und man gewinnt einen Blick für die militärische Anlage dieser gewaltigen Bastion, die als uneinnehmbar galt und dennoch schon nach 31 Stunden Kampf fiel.

Die Festung ist einmal pro Monat (ab Ende März bis Ende November) für Einzelbesucher für ein Wochenende geöffnet (10 bis 16 Uhr). Öffnungszeiten sind der Homepage zu entnehmen. Gruppen müssen vorab telefonisch reservieren.