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Alles ohne Eintritt: Ungewöhnlicher Stadtspaziergang durch die Aachener Innenstadt

Alles ohne Eintritt : Ungewöhnlicher Stadtspaziergang durch die Aachener Innenstadt

Begeben wir uns auf einen ungewöhnlichen Stadtspaziergang. Dabei geht es um Bücher und Archäologie, um Kunst sowie kaltes und warmes Wasser. Eine Durchquerung der Aachener Innenstadt zu Fuß mit mancher großer und kleiner Attraktion. Etwa zehn Stationen, mit dem Clou: keinerlei Eintrittskosten, alles ist umsonst.

Beginnen wir in der Pontstraße bei der Katholischen Hochschulgemeinde. Dort steht einer von inzwischen vielen „Bücherschränken“. Ihr Innenleben speist sich aus dem Kommen und Gehen von Büchern. Wer den heimischen Bücherschrank entlasten will, kann hier seine Romane, Bildbände oder Kochbücher loswerden. Und sich Nachschub mitnehmen. Doch aufgepasst. Manches lange nicht genutzte Buch verfügt über ein Innenleben, das in Vergessenheit geraten kann. In Bonn stellte jemand ein altes Kochbuch in einen solchen Bücherschrank. Und stellte erst zu Hause fest, dass er Ersparnisse von mehreren Hundert Euro dort deponiert hatte. Er sah weder Buch noch Geld jemals wieder.

Weiter geht es an der Theresienkirche vorbei in den Annuntiatenbach. Gegenüber dem Kaiser-Karls-Gymnasium bis hin zum Lindenplatz ist der Johannisbach von den Stadtplanern ans Tageslicht geholt worden und plätschert seiner unterirdischen Mündung erst in die Pau, dann in die Wurm entgegen, die am Europaplatz oberirdisch weiterfließt. Im wahrsten Sinne: Da geht es ­drunter und drüber. Der Johannisbach unterquert an manchen Stellen die Straße, um an der Gegenseite wieder zu erscheinen. Ein lustiges Spiel, wenn Kinder hier ihre Schiffchen ausführen. Übrigens: War der Paubach früher für die Trinkwasserversorgung der Stadt unverzichtbar, so der Johannisbach eher als Abwasserkanal.

An der Ecke Judengasse begegnen wir einem überlebensgroßen Kehrmännchen. Der Bildhauer Heinz Tobolla hat diesem Berufszweig 1973 ein großes Denkmal gesetzt, die Bronzeskulptur wurde 1975 aufgestellt. Der Straßenkehrer von Tobolla misst 2,20 Meter, in jeder Basketball- oder Volleyballmannschaft wäre er der zentrale Spieler. Er sollte dazu einladen, einen kurzen dankbaren Gedanken an die Menschen in der Stadt zu verwenden, die mit ihrer oft unsichtbaren Arbeit dazu beitragen, dass Aachen liebens- und lebenswert ist.

Das überlebensgroße Kehrmännchen: Ihre Arbeit ist wichtig, wird aber selten gelobt. Foto: thull

Weiter geht es die Judengasse hoch und nach rechts bis zur Ecke Klappergasse. Dort ist eines der Archäologischen Fenster in der Innenstadt zu finden. Es präsentiert eine Blausteinrinne, durch die früher der Paubach floss. Wir werden ihm gleich wieder begegnen. Vor allem, wenn die Sonne in das Fenster, das den Blick in den Untergrund freigibt, scheint, kann der Spaziergänger leicht eine Vielzahl von Münzen erkennen, die Besucher dort hineingeworfen haben. Mag sein, dass sie sich an den Brauch von Romfahrern erinnern, die Geld in den Trevi-Brunnen werfen. Damit wollen sie ihrem Wunsch Nachdruck verleihen, bald wieder die italienische Hauptstadt zu besuchen. Selbst wenn auf diese Weise ein Sümmchen zusammenkommen sollte – den Schuldenberg der Stadt werden diese Münzen nicht wesentlich abtragen.

Gehen wir die Klappergasse bergab, kommen wir am Türe-Lüre-Liesje-Brunnen von Herbert Löneke vorbei. Drei Jungen umringen ein hockendes Mädchen und hindern es daran – einem der Aachener Volkslieder zufolge – wegen eines dringenden Bedürfnisses eine Toilette aufzusuchen. Auf dem Bürgersteig der Rennbahn, die direkt auf den Dom, das Weltkulturerbe Nr. 1 in Deutschland, zuführt, erinnern Platten an einen weiteren Aachener Bach. Zuvor schon waren wir ihm beim Archäologischen Fenster begegnet. Die kanalisierte Pau lief in Steinrinnen aus Aachener Blaustein, die teils offen verliefen, zunehmend jedoch mit Steinplatten abgedeckt wurden. Solche Sandsteinplatten wurden 2005 bei Grabungsarbeiten in der „Rennbahn“ entdeckt, dort sind sie sichtbar in die Pflasterung des Bürgersteigs integriert.

Es läuft immer rund: Der Geldbrunnen aus mehreren Figuren auf einem kreisrunden Sockel symbolisiert den Kreislauf des Geldes. Foto: thull

Selbstverständlich könnte uns nun der Weg in den Aachener Dom mit karolingischem Sechseck und gotischem Chor führen, ein Eintritt wird dort nicht verlangt. Doch das wäre eine eigene Geschichte. Unser Weg führt uns auf den kleinen Münsterplatz und dort zum Möschebrunnen. „Mösche“ sind in der lokalen Mundart „Spatzen“. Der Künstler Bonifatius Stirnberg hat einige davon um eine Kugel platziert.

Das Besondere an diesem Brunnen, der ihn unter den vielen Brunnen im gesamten Stadtgebiet einzigartig macht, ist: Es ist der einzige Trinkwasserbrunnen. An allen anderen sind kleine Schilder angebracht: Kein Trinkwasser! Der Möschebrunnen also hat ein Alleinstellungsmerkmal. Ganz abgesehen davon, dass der kleine Münsterplatz, auf dem früher der „Vogelmarkt“ abgehalten wurde, einer der intimsten Plätze im Umkreis von Dom und Rathaus überhaupt ist.

Trockenen Fußes im Bach: Den ehemaligen Verlauf des Paubachs kann man an der Rennbahn sehen. Foto: thull

Der Weg führt uns über den „großen“ Münsterplatz zum „Geldbrunnen“ am oberen Ende des Elisengartens. Der Künstler Karl Henning Seemann hat auf einem kreisrunden Betonsockel Menschentypen gruppiert, die jeder auf seine Weise mit Geld zu tun haben. Das Wasser selbst stellt in einer ständigen kreisenden Bewegung den Lauf des Geldes dar.

Wenige Schritte weiter auf die Rotunde des Elisenbrunnens zu gibt es einen Crashkurs in der Stadtgeschichte. Die Archäologen haben festgestellt, dass um Christi Geburt mit den Römern die kontinuierliche Besiedlung der Stadt beginnt. Überregionale Bedeutung erlangte Aachen demnach allerdings erst in karolingischer Zeit mit der Pfalz Karls des Großen. Im hohen und späten Mittelalter belegen Bauten wie die Stadtmauern die Bedeutung der freien Reichsstadt. Die bei archäologischen Grabungen zwischen 2007 und 2010 im Elisengarten entdeckten Relikte all dieser Epochen im Boden werden in dieser archäologischen Vitrine allgemein verständlich präsentiert und öffentlich zugänglich gemacht.

Der Möschebrunnen: Spatzen erinnern daran, dass hier früher der Vogelmarkt abgehalten wurde. Es ist der einzige Trinkwasserbrunnen in Aachen. Foto: thull

Selbst wenn der Durst inzwischen groß ist, an der Quelle des heißen Aachener Heilwassers sollte man ihn besser nicht stillen. Auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift. Aber einen Schluck kann man sich schon gönnen in der Rotunde des Elisenbrunnens, wo aus einem Löwenkopf fließend eine Probe des Wassers genommen werden kann. Das Wasser riecht nach faulen Eiern – Aachener Kaiserbrunnenwasser im Naturzustand. Streng genommen fällt das Aachener Thermalwasser wegen seiner Zusammensetzung – unter anderem ist Arsen enthalten – unter das Arzneimittelgesetz. Seine „Herstellung“ bedarf einer Erlaubnis der Bezirksregierung. Seit 1909 sind die Aachener Thermalquellen als gemeinnützig anerkannt und somit laut Landeswassergesetz „Heilquellen“. Wer aus der hohlen Hand (Vorsicht! Heiß!) oder mit einem mitgebrachten Gefäß das Aachener Wasser schöpfen will, der wird daran nicht gehindert.

Wir kommen an das Ende unseres Spaziergangs. Kurz vor der Jahrtausendwende (und der Einführung des Euro) entschloss sich die Sparkasse 1998, mit der Gründung des „Raum für Kunst“ eine eigene Galerie für zeitgenössische Kunst im Herzen von Aachen zu eröffnen. Hier erhalten talentierte Künstlerinnen und Künstler der Aachener Region die Möglichkeit, ihre Werke an einem zentralen Ort auszustellen. In den Ausstellungen spiegelt sich die Vielfalt der zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen wider. Neben dem immer freien Eintritt – und das ist nahezu einzigartig – kann sogar der jeweilige Katalog zur aktuellen Ausstellung ebenfalls vom interessierten Besucher unentgeltlich mitgenommen werden.

Die Galerie „Raum für Kunst“ gibt regionalen Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke auszustellen. Foto: thull

Damit haben wir etwa zehn Stationen erwandert und eine Vielzahl von Eindrücken und Informationen aufnehmen können. Zahlreiche Lokalitäten am Wegesrand bieten Erfrischungen an – die allerdings nicht kostenfrei. Limo oder Kaffee und nicht zuletzt der Service verlangen eben ihren Preis.