Köln: „Stein des Anstoßes“ befindet sich im Seitenschiff

Köln: „Stein des Anstoßes“ befindet sich im Seitenschiff

„Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt!“ So war es in der Vergangenheit, und so bleibt es auch in der Gegenwart. Der „Stein des Anstoßes“ im wörtlichen Sinne steht an der linken Seite des Seitenschiffs der Kölner Kirche St. Peter.

Der baskische Künstler Eduardo Chillida hat diesen „Gurutz Aldare — Kreuzaltar“ geschaffen. Für St. Peter in Köln, die älteste Pfarrkirche der Stadt. Doch als Altar im herkömmlichen Sinne durfte er nicht weiter genutzt werden, nachdem Prälaten in Rom Anstoß daran genommen hatten, dass die Granitskulptur keine durchgehende (Tisch-)Platte aufwies. Und auch ansonsten nicht an einen Tisch erinnerte, an dem die katholische Eucharistie gefeiert werden könnte.

Und obwohl es naheliegt, dass man ein solches Vorgehen dem damals noch amtierenden Kardinal Joachim Meisner zuschreiben würde, der (mal wieder) die katholische Lehre in Gefahr hätte sehen können — hier ist er unschuldig, im Gegenteil: Er stand diesem Projekt und der gesamten „Kunst-Station“ in St. Peter positiv gegenüber. Schließlich ist sein Verständnis für alte und neue Kunst bekannt. Also musste die Skulptur an eine Stelle der Kirche verbannt werden, an der „normalerweise“ kein Seitenalter steht. Und kann jetzt als eine Meditation über das Kreuz verstanden werden. Denn je nach Sichtweise kann der Betrachter mehrfach die Kreuzform entdecken.

Chillida ist ein weltbekannter Künstler, vor dem Kanzleramt in Berlin steht eine seiner Stahlplastiken, Millionen Zuschauern aus den Fernsehnachrichten bekannt, wenn Angela Merkels Amtssitz gezeigt wird. Die Kölner Plastik ist durch Schnitte mit einigen Auslassungen aus einem Quader heraus entwickelt worden. „Auseinander gerückt lassen sie Licht und Raum in das Volumen eintreten. So entsteht in den Außen-, Zwischen- und Binnenräumen der für diesen Künstler so wichtige ‚innere Raum‘“, so erläutert es Guido Schlimbach, in der Gemeinde für die Kunst-Station zuständig.

Denn St. Peter ist nach wie vor eine Pfarrgemeinde mit allem, was dazugehört. 1960 haben die Jesuiten die Pfarrei Sankt Peter übernommen. Zuletzt hatte Pater Friedhelm Mennekes SJ 1987 mit der Idee der Kunst-Station einen neuen Typ seelsorglichen Wirkens geschaffen: Seelsorge durch Dialog, den Dialog zwischen Kirche und Kunst, zwischen Kunst und Religion. „Die Kunst-Station verkörpert keine Institution neben der Kirche, sondern ein pastorales Profil der Gemeinde in dieser Kirche“, so der Ansatz.

Nicht nur wegen der in ihren Räumlichkeiten stattfindenden Auseinandersetzung zwischen Kirche und Kunst ist die Kunst-Station in St. Peter in der Kölner Kirchenlandschaft etwas Besonderes: Im Kranz der zwölf romanischen Kirchen ist sie die Einzige, die gemeinsam mit St. Cäcilien als Doppelkirchenanlage erhalten ist. Im Mittelalter war eines der Gotteshäuser die Kleriker- oder Ordenskirche, die andere die Kirche für das Volk. St. Cäcilien birgt heute das Museum Schnütgen mit Schätzen mittelalterlicher Kunst.

St. Peter ist aber auch die Taufkirche des Malers Peter Paul Rubens. Für sie schuf er 1638 — also mitten im Dreißigjährigen Krieg — das Gemälde „Kreuzigung Petri“, das heute im rechten Seitenschiff hängt. Der Maler hat die Dramatik und Grausamkeit dieser Szene naturgetreu nachempfunden: auf der einen Seite die brutalen Folterer, auf der anderen der leidende Petrus. Er soll die durch die Religionskriege getroffene römische Kirche versinnbildlichen.

Nun wäre der Eindruck völlig falsch, der Besucher befände sich in einem Museum. Es ist gerade die Spannung, die erzeugt wird, dass sich die aktuelle Kunst — immer wieder durch Ausstellungen zeitgenössischer Künstler belegt — im sakralen Raum darbietet. Und dies wird nicht geduldet, sondern bewusst als Herausforderung auch für die Verkündigung des Evangeliums und Bereicherung des Gemeindelebens angenommen.

Wenn etwa der niederländische Künstler Berndnaut Smilde mit Wassernebel und Rauch Wolken inszeniert, dann greift er damit ja auch Bilder aus dem Alten Testament auf. So vergänglich diese Kunst ist, die nur für Sekunden den Raum beherrscht, so bleiben doch die Mauern der Kirche fest und bilden den Rahmen für diese Art Performance. Und gibt Pfarrer Werner Holter SJ Gelegenheit, im Pfarrbrief über das Bild der Wolke in der Bibel zu reflektieren und für seine Leser die Brücke zu bauen zwischen „ihrer“ Kirche und der zunächst fremd erscheinenden Kunst.

Wobei in der Kunst-Station nicht nur Gemälde, Installationen oder Objekte zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen gepflegt werden. Die moderne Orgel mit 95 Registern bietet Gelegenheit für Organist und Komponist Dominik Susteck, auch die Musik in die Auseinandersetzung miteinzubeziehen, Lesungen ergänzen das Angebot. Und da die Kirche während der Woche leer sein soll, um als Raum zu wirken, räumen die Gottesdienstteilnehmer am Ende der Sonntagsmesse die Stühle eben auf die bereitgestellten Gerüste. Aktives Gemeindeleben auch hier. Und dass sich die Kunst-Station nicht nur als Oase inmitten des Großstadtrubels versteht — der Kölner Neumarkt ist nahezu in Sichtweite — macht ein weiterer „Hingucker“ deutlich, dieses Mal am Kirchturm: „DON‘T WORRY“, so lautet der Titel dieser Lichtinstallation des Londoner Künstlers und Turner-Preisträgers Martin Creed.

Die anderen drei Turmseiten übersetzen den zunächst recht banal klingenden englischen Schriftzug ins Lateinische, Griechische und ins Deutsche — NOLI SOLICITUS ESSE — MH MEPIMNA — SORGE DICH NICHT. Diese Worte strahlen dort in der Nacht als rote Leuchtschrift. Die Initiatoren verstehen dies nicht als eine weitere Spielerei, sondern durchaus auch als Wahrnehmung ihrer Verantwortung. Den Menschen zu sagen, dass sie nicht allein sind, dass ihre Sorgen ernst genommen werden, dass es hier einen Ort gibt, an dem sie sich geborgen fühlen können. Und das ist dann gar nicht mehr so weit davon entfernt von dem, was in Rom Papst Franziskus predigt. Und er gehört, wie die Kölner Gemeindeleitung, dem Jesuitenorden an.