1. Freizeit

Das Erbe des Kalltals: Simonskall ist längst kein Geheimtipp mehr, aber immer einen Besuch wert

Das Erbe des Kalltals : Simonskall ist längst kein Geheimtipp mehr, aber immer einen Besuch wert

Leg‘ Dich nie mit einem Eifeler an, denn er kennt Orte, die so schnell keiner finden kann“, lautet ein Spruch in der Eifel, der begleitet wird von einem Augenzwinkern. Einer dieser Orte könnte Simonskall sein, eventuell nicht mehr heute, im Zeitalter des Navis.

Aber vor einigen Jahrhunderten, ja, noch vor einigen Jahrzehnten, da war dieser Ort ein Geheimtipp beispielsweise für Künstler der legendären Kalltalgemeinschaft, exakt genannt „Experiment Kalltalgemeinschaft“. Das waren Kölner Progressive, die sich zwischen 1919 und 1921 in Simonskall zurückgezogen hatten, um eine Künstlersiedlung zu gründen, ähnlich wie in Worpswede geschehen. Heute ist Simonskall zwar mit rund 45 Einwohnern ein immer noch extrem kleiner und im Tal der Kall sehr versteckter Ort.

Mit seinen auffallend vielen Cafés, Restaurants, Hotels und den diversen Freizeitmöglichkeiten wie etwa ein Mountainbike-Park oder ein Adventure-Golf sowie zauberhaften Wanderwegen, zum Beispiel zum Kloster nach Vossenack und zur Mestrenger Mühle, ist es jedoch auch ein großartiges Ausflugsziel mitten im Grünen. Zentrum von Simonskall ist eine kleine Ansammlung von Häusern, die aufgrund ihres Alters unter Denkmalschutz stehen und sehenswert sind: Dazu zählen das Junkerhaus, die Kremer Mühle, die alte Burg und die Marienkapelle. Schon von Weitem fällt die Höhe des Junkerhauses ins Auge, ungewöhnlich für ein Haus aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Projektwoche im September

Das Junkerhaus ist Museum und touristischer Infopunkt zugleich. Das Untergeschoss besteht aus Bruchstein, die zweieinhalb Obergeschosse aus Fachwerk. Erbaut wurde dieses exponierte Haus um 1651 von Johann Wilden, dem Schwiegersohn von Hüttenmeister Simon Kremer. Sowohl dem Ort Simonskall als auch der Kremer Mühle, die bereits 1622 erbaut worden war, verlieh Simon Kremer seine Namensteile.

Noch heute sind im Innern des Junkerhauses original Möbelstücke und Einrichtungsdetails aus alter Zeit vorhanden. Seinen Namen erhielt das Gebäude von seinen letzten privaten Besitzern, das waren die Mitglieder der Fabrikdynastie Junker aus Lammersdorf. 1994 erwarb die Gemeinde Hürtgenwald das geschichtsträchtige Gebäude. Derzeit wird die Geschichte, die sich exakt vor 100 Jahren in Simonskall zutrug, aufgearbeitet. Geplant ist eine Projektwoche mit Ausstellung vom 2. bis zum 8. September 2019.

 Das Junkerhaus wurde Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut. Die prächtige Bauweise erkennt der Besucher auch im Inneren des Hauses.
Das Junkerhaus wurde Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut. Die prächtige Bauweise erkennt der Besucher auch im Inneren des Hauses. Foto: Gudrun Klinkhammer

Das Thema „Bauhaus“ wird eine zentrale Rolle spielen. Der Grund: Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs, 1916, trafen sich in Köln bei Publizist Carl Oskar Jatho und seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Käthe Jatho-Zimmermann, antimilitaristische Gleichgesinnte, darunter auch der Mitbegründer des Siedlungsprojekts Kalltalgemeinschaft, das war der Graphiker Franz Wilhelm Seiwert. Nach dem Krieg verlegte die Gruppe ihren Wohnort nach Simonskall, um dort zu arbeiten und Schriften zu verlegen.

Der abgelegene Ort wurde fortan zum Zufluchtsort für viele linksidealistische Intellektuelle und Künstler, die der Not und den Repressalien rechter Bewegungen in den großen Städten entfliehen wollten. Weitere Mitglieder des Experiments waren Otto Freundlich, Heinrich Hoerle, Angelika Hoerle, Anton Räderscheidt und Martha Hegemann. Wegen wirtschaftlicher Not musste das „Experiment Kalltalgemeinschaft“ letztlich 1921 aufgegeben werden. Inzwischen wird das Junkerhaus vom Verein „HöhenArt Hürtgenwald“ bespielt, dessen Geschäftsführer Stefan Grießhaber, gleichzeitig allgemeiner Stellvertreter von Bürgermeister Axel Buch, ist.

Schwindelerregend

Ostern öffnet das Junkerhaus nach der Winterpause wieder seine historische Pforte. Die erste Ausstellung in diesem Jahr, die bis zum 26. Mai zu sehen sein wird, befasst sich mit Marlene Dietrich. Die Wanderschau trägt den Titel „Marlene Dietrich – Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis.“ Der Zweite Weltkrieg tobte im Hürtgenwald, auch in Simonskall sind noch deutliche Spuren zu finden. So existiert ein Sanitätsbunker, in dem regelmäßig Führungen zwischen März und November durchgeführt werden. Erichtet wurde der Sanitätsbunker in Simonskall im Zuge der zweiten Ausbauphase des Westwalls 1938. Er war für vier Sanitäter zur Erstversorgung von 20 bis 30 Verwundeten ausgelegt. Im Herbst 1944 befand sich die Hauptkampflinie im Hürtgenwald nahe Simonskall. Der Sanitätsbunker ist heute von einem modernen Wohnhaus überbaut.

Für Bikebegeisterte ist der ­Mountainbike-Park Hürtgenwald ein immer beliebter werdender Anlaufpunkt. Der Hang bietet fünf Strecken über fünf Kilometer, jeweils von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Vom Franziskus-Gymnasium in Vossenack geht es schwindelerregend steil bergab nach Simonskall. Nach der Tour bergab geht es für die Bikes und ihre Fahrer per Busshuttle wieder bergauf zur nächsten Runde. Der 2015 eröffnete Mountainbike-Park wird vom Verein Nordeifel Gravity betrieben und gilt unter Insidern bereits als Geheimtipp in Deutschland. Der Park hat von April bis Oktober an Wochenenden, Feier- und Brückentagen geöffnet. Parkmöglichkeiten sind an der K 36 (Simonskaller Straße) vorhanden, die von Vossenack nach Simonskall führt.

 Die Wanderungen im Tal von Simonskall führen immer am Kallbach entlang.
Die Wanderungen im Tal von Simonskall führen immer am Kallbach entlang. Foto: Gudrun Klinkhammer

Als Wanderweg sei der Weg zur Mestrenger Mühle empfohlen, der immer an der Kall entlangläuft. Er ist Teil des Historischen Wanderwegs, an dessen Strecke die Geschichte der Eisenütten aufgegriffen wird. Für Freunde des geselligen und gemächlicheren Sports könnte Kallbach’s Adventure Golf passend sein. Auf Kunstrasenbahnen geht es wie beim „großen“ Golf um 18 Löcher.

Hügel, Senken, Geländeübergänge und allerlei spannende Überraschungen müssen auf den Greens mit bis zu 40 Metern Länge bewältigt werden. So schlagen die Besucher beispielsweise über Bachläufe hinweg, um Findlinge herum, in Fenster von Holzhütten hinein, über Sandbunker und durch Tunnelsysteme. Auch ein sich drehendes Mühlrad ist ein Hindernis. Abenteuer und Golf auf über 3000 Quadratmeter, die Anlage befindet sich direkt neben dem Landhotel Kallbach. Wenige Kilometer entfernt von Simonskall, in Raffelsbrand, gibt es auch noch einen Kletterpark.

Hat der Besucher diesen verwunschenen Ort in der Eifel erst einmal gefunden, wird er ihn eventuell so schnell gar nicht wieder verlassen wollen.