Lüttich feiert zum Mariä Himmelfahrtstag mit Folklore und Schnaps

Fest in der freien Republik : Lüttich feiert zum Mariä Himmelfahrtstag mit Folklore und Schnaps

Das Viertel Outremeuse auf der Maasinsel in Lüttich feiert eine Woche lang zum Mariä Himmelfahrtstag am 15. August – mit Folklore und viel Schnaps. Es werden bis zu 100.000 Besucher erwartet.

Im alteingessenen Café mit dem originellen Namen Toussaint (Allerheiligen) treffen sich die Einwohner des Lütticher Stadtviertels Outremeuse zum Aperitif, zum Feierabendbier, zum Billard, zum Fachsimpeln über den jeden Freitag stattfindenden Flohmarkt und seine Trouvaillen direkt vor der Tür auf dem Boulevard de la Constitution. Im geräumigen „Toussaint“ mit den großen Fenstern und hohen Decken rund um die schweren Billardtische sitzt man, wenn es das Wetter irgendwie zulässt, zudem einfach an Tischen auf dem Bürgersteig, direkt vor der Tür, quasi mitten im Geschehen. Das ist Lüttich, einfach und authentisch. Das Café liegt zentral gegenüber der Kirche Saint-Pholien und ist einer der Treffpunkte vor, während und nach dem großen Festumzug an Mariä Himmelfahrt jedes Jahr am 15. August.

Ein anderer Protagonist, das Tchantchès et Nanesse, ist Kult und zugleich Stammlokal der gleichnamigen Bruderschaft und der Vereinigung der „Freien Republik Outremeuse“, deren Zweck die Wahrung und Förderung des Brauchtums in diesem Stadtviertel ist. Damit hat man etwas mit Paris gemeinsam, denn 1927 reiste eine Gruppe von Journalisten und Persönlichkeiten aus diesem Viertel in die Seine-Stadt und war von der „Freien Gemeinde Montmartre“ derart beeindruckt, dass man beschloss, so etwas auch in Lüttich zu gründen.

Das wurde im selben Jahr noch in die Tat umgesetzt. Die größte Herausforderung für diese „Regierung“ ist die Durchführung des jährlichen Festes zum Mariä Himmelfahrtstag am 15. August, das über drei Tage geht und zu dem bis zu 100.000 Besucher kommen. Es ist das größte folkloristische Fest in der Provinz Lüttich und der Euregio. Im Mittelpunkt steht, natürlich, Tchantchès. Nationalheld und Marionettenfigur. Er steht auf der gleichen Verehrungsstufe hier wie Georges Simenon, der berühmte Schriftsteller, der seine Kindheit in Outremeuse verbrachte. Tchantchès wird darge­stellt als Marionette mit Säufernase und etwas verbeultem Gesicht.

Er verkörpert den typischen Lütticher, im Grunde gutmütig und liebenswert, doch auch leicht reizbar, starrköpfig und trinkfest. Eine Legende erzählt, dass Tchantchès um 760 als Säugling zwischen zwei Pflastersteinen in Outremeuse gefunden wurde; sein erster Ausruf soll „pékèt“ (Wacholderschnaps) gewesen sein. Auf einer Steinplatte in der Gasse La Roture ist diese Sage verewigt. Nicht nur Tchantchès, sondern auch La Roture steht im Fokus der Festlichkeiten und die Taverne Tchantchès et Nanesse (16. Jahrhundert) in der Rue Grande Bêche 35 ist ein Refugium. Der Ort erscheint wie eine mittelalterliche Schenke. Über der Theke wacht ein Dutzend großer historischer Marionetten über das Geschehen.

Beim Besuch in Outremeuse können viele Details entdeckt werden, zum Beispiel diese Wandkapelle. Foto: Minderjahn

Die Legende erzählt, dass eines Tages Karl der Große durch Outremeuse ritt und die Rue Grande-Bêche durchquerte. Sein stolzes Paradepferd soll ihn schnurstracks in die beliebte Kneipe geführt haben. Tchantchès trank dort gerade einen Schoppen an der Theke. Als Tchantchès das stolze Gespann erblickte, fiel ihm vor Schreck sein Krug aus der Hand. Er flog in hohem Bogen durch die Kneipe und landet unglücklicherweise auf den feuchten Fliesen. Der Henkel zerbrach und Tchantchès geriet in große Wut.

Der gutmütige Kaiser war dadurch gerührt und sagte zu Tchantchès: „Kumpan, hier hast du eine meiner goldenen Sporen. Mach einen Henkel für deinen Krug daraus, ach, fügt er hinzu, nimm doch beide, sonst müsste ich ja humpeln“. Tchantchès Gefährtin Nanesse befestigte die beiden Sporen des Kaisers an diesen Krug. Seit jenem Tage lautet hier der Trinkspruch: „A vos’s santé … à deûs mains“ (Prosit, mit beiden Händen). Aus diesen typischen Krügen schmecken auch heute die hauseigenen Biere besonders gut.

Populäres Brauchtum

Wallonisches Brauchtum und Sprache werden in Outremeuse gepflegt. Ganz besonders intensiv, wenn die Puppen tanzen, im Tchantchès Museum, einem Marionettentheater in der Rue Surlet 6, das am Mariä Himmelfahrtstag einem Wallfahrtsort gleicht. Hier ist auch die umfangreiche Garderobe des schlaksigen Kerls zu sehen, um die ihn nicht wenige gekrönte Häupter beneiden würden.

Für die Festtage sind die vielen Wandkapellen mit Statuen der Jungfrau Maria oder anderer Heiliger geschmückt und erleuchtet. In nahezu allen Straßen des Viertels feiern die Menschen mit Pèket und Boûkètes (Buchweizenpfannkuchen mit Korinthen). Es gibt kaum eine, in der nicht Bierzeltgarnituren, Grillstände und Theken aufgebaut sind. Am 15. August gegen 15 Uhr ist es so weit. Dann zieht es vorbei, das Defilee der Riesen. Allen voran Tchantchès und Nanesse, seine Gefährtin. Diesmal nicht als Marionetten, sondern als gut vier Meter hohe Puppen. Sie befinden sich durchaus in illustrer Gesellschaft.

Der Heilige Lambertus, Pfeifenraucher Kommissar Maigret, der Lütticher Komponist Grétry und die Schöne Helene folgen ihnen unter anderen, dazu Soldaten in napoleonischen Uniformen und Spielmannszüge. Für viele wird der Tag noch lang werden, denn feiern können die Lütticher, und manch einer ist froh, im Café Toussaint noch ein relativ ruhiges Plätzchen gefunden zu haben.