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„Cortex“: Willkommen im Labyrinth

„Cortex“ : Willkommen im Labyrinth

Was ist Traum, was Wirklichkeit? Moritz Bleibtreu gibt mit dem Psychothriller „Cortex“ sein düsteres Regiedebüt.

Moritz Bleibtreu probiert mal etwas anderes aus: Nachdem er in mehr als 90 Filmen als Schauspieler mitgewirkt hat, wagt der 49-Jährige sich nun für seinen Kinofilm „Cortex“ erstmals auf die andere Seite der Kamera. Für sein Regiedebüt, das er nach eigenem Drehbuch inszeniert, hat er zudem einen Stoff ausgewählt, der weit entfernt von klassischen Vorlagen ist.

Denn „Cortex“ ist ein Film wie ein Labyrinth. Mit Sackgassen, mit Irrwegen, scheinbar ohne Ausgang. Dabei ist der in Hamburg gedrehte Film mit seinen vielen Erzählebenen gleichzeitig eine Mischung aus düsterem Körpertausch-Film und einer klaustrophobischeren Version von „Inception“. Und am Ende fragt man sich: Was war jetzt eigentlich Traum und was Wirklichkeit?

Zehn Jahre bis zur Realisierung

Im Mittelpunkt des unvorhersehbaren, komplexen Thrillers steht der biedere Familienvater und Supermarkt-Sicherheitsmann Hagen (auch Moritz Bleibtreu). Der kann wegen seiner aufwühlenden Träume nicht gut schlafen und ist tagsüber entsprechend gerädert. So müde, dass er sogar beim Autofahren an der Ampel und am Arbeitsplatz einschläft. Dabei träumt er von einem jungen Mann (Jannis Niewöhner), den er zuvor noch nie gesehen hat. Aber hat ihn nicht genau dieser Mann erst kürzlich über die Videokamera des Supermarktes angeschaut? Hat am Ende genau dieser Kerl eine Affäre mit seiner Frau (Nadja Uhl)? Oder bildet er sich das nur ein? Déjà-vus, Flashbacks, Erinnerungen, Wunschvorstellungen – die Leben der beiden Männer verweben sich immer mehr zu einer gemeinsamen Welt.

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Wer ist hier eigentlich wer? Vermischen sich die Persönlichkeiten der beiden? Wie viel des Erlebten ist nur ein Wunsch? Gibt es den zweiten Mann doch nur in Hagens Vorstellung? Am Ende des Films bleiben viele Fragen offen. Und genau das ist angeblich auch von Bleibtreu gewollt. Selbst die Hauptdarsteller Niewöhner und Uhl mussten das Buch mehrfach lesen und waren selbst dann nicht sicher, ob sie alles richtig verstanden hatten. „Es ist einfach eine spannende und neue Geschichte, die mit einer außergewöhnlichen Erzählstruktur versehen ist. So etwas kennt man aus dem Kino in letzter Zeit gar nicht“, meint Niewöhner.

Bleibtreu hatte die Idee zu diesem undurchdringbaren Psychothriller schon vor rund zehn Jahren. „Das Genre des Bodyswitch-Films mochte ich schon immer. Allerdings wollte ich es nie auf die amüsante Art betrachten, sondern mich dem Thema von der psychologischen Seite nähern“, sagt Bleibtreu. Der Film beschäftige sich mit der Frage „Was wäre, wenn die Vorstellung, jemand anderes zu sein, Wirklichkeit wird?“.

Hitchcock, Nolan, Lynch

Für seinen ersten Film als Regisseur habe er möglichst kompromisslos das gemacht, was er schon lange machen wollte. Zudem habe er an kompliziertem Zeug im Allgemeinen einfach Spaß. An sein Debüt sei er recht unbefangen herangegangen, sagt. „Ich wollte eigentlich nichts weiter machen, als einen kleinen rotzigen Debütfilm. Und wenn mir das gelungen ist, dann freue ich mich. Mehr sollte es gar nicht sein.“

Vor allem auf der visuellen Ebene wirkt sein Film aber sehr ambitioniert. Die düstere Geschichte von „Cortex“ wird ergänzt durch eine ebenso klare wie passende starke Bildsprache (Kamera: Thomas W. Kiennast). Zum Teil erinnert sie an alte Hitchcock-Filme, an Hollywoods Film-Noir-Werke. Das ist großes Kino, beeindruckt und macht visuell richtig viel Spaß.

Auch inhaltlich hallt „Cortex“ nach. Nach dem Film dürften viele Kinogänger einzelne Szenen noch mal abrufen, sortieren, nach verräterischen Spuren für eine mögliche Auflösung suchen. So mancher dürfte dabei aber ratlos zurückbleiben. Wer Filme mit eindeutigem Abschluss mag, wird den bei „Cortex“ nicht finden. Die zahlreichen Fäden der Geschichte scheinen in der Luft hängen zu bleiben. Wer sich hingegen gern auf karussellartige Gedankenspiele einlässt und Christopher Nolans „Inception“, John Woos „Im Körper des Feindes“ und David Lynchs „Lost Highway“ mochte, der dürfte auch vom Bleibtreu-Debüt gut unterhalten werden.

(Aachen: Cineplex; Alsdorf: Cinetower; Düren: Lumen)

„Cortex“ (Deutschland 2020), Regie:
Moritz Bleibtreu, mit Moritz Bleibtreu, Jannis Niewöhner, Nadja Uhl, Nicholas Ofczarek, 96 Min., FSK: ab 16