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„Die Wege des Lebens- The Roads Not Taken": Wenn ein Schriftsteller in die Demenz abdriftet

„Die Wege des Lebens- The Roads Not Taken" : Wenn ein Schriftsteller in die Demenz abdriftet

Regisseurin Sally Potter verfolgt einen Tag lang das zerrüttete Leben des demenzkranken Leo und seiner Tochter Molly in New York. Inklusive vieler verschiedener Zeitebenen und Rückblicken.

Ein Mann (Javier Bardem) liegt regungslos im Bett. Es klingelt ununterbrochen. Am Telefon ist Tochter Molly (Elle Fanning) in Panik, während Leo (Bardem) nicht reagiert. Als sie die Tür des New Yorker Apartments öffnet, kann sie langsam zu dem dementen Mann vordringen. Mit bewundernswürdiger Energie zieht sie den geistig Abwesenden an, heute geht es zu zwei Ärzten.

Was Leo, der Schriftsteller, der die richtigen Worte nicht mehr findet, sagt, bleibt rätselhaft. Auch für die Zuschauer, die allerdings mehr und mehr Erinnerungsfragmente sehen und zusammensetzen können: ein leidenschaftliches Drama um Leos Jugendliebe Dolores (Salma Hayek) in Mexiko und das etwas peinliche Anbaggern einer jungen Frau durch Leo, ein erbärmliches Schriftsteller-Klischee auf griechischer Insel.

Sally Potter (70), die ausgezeichnete und renommierte Regisseurin von „Orlando“ und „The Party“, erlebte die Demenz ihres jüngeren Bruders. Aus dem Rätseln, wo sich der Abwesende wohl befindet, entstand ihr großartiges Drama eines Tages: „Wege des Lebens“. Äußerst fesselnd und berührend ist dieser Versuch, innere Vorgänge auf die Leinwand zu bringen. Ebenso wie die Emotion der verzweifelten Angehörigen.

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Potter versucht, mit wechselnden Lautstärken und Bildausschnitten, die Verwirrung nachfühlbar zu machen. In den parallelen Erinnerungen wechseln die Farben, wie die der Tapeten von Rosa zu dreckigem Eierschalen-Gelb. Ein erneut absolut außergewöhnlicher Javier Bardem bleibt seltsamerweise über Jahrzehnte sehr ähnlich. Ein künstlerisches Konzept, auf zu viel Maske zu verzichten? Oder ein Mensch, der sich in seiner Erinnerung gleicht?

Derweil versucht seine Tochter mit enormer Geduld, alltägliche Dinge zu erledigen. Das Unvermögen der Zahnärztin, einen Demenzkranken zu verstehen, ist schockierend. Aber auch Mollys Weigerung, den Gesundheitszustand zu benennen, irritiert. Nur Leos zweite Frau Rita (Laura Linney) geht klar damit um.

Kamera, Schnitt und (die auch von Potter geschriebene) Musik fügen sich perfekt ein in diesen in der Erinnerung zerstückelten, aber emotional sehr schlüssigen Lebensweg. Ästhetisch und psychologisch ein Meisterwerk.

„Wege des Lebens – The Roads Not Taken“ (Großbritannien 2019), Regie: Sally Potter, mit Javier Bardem, Elle Fanning, Branka Katic, Salma Hayek, 86 Min., FSK: ab 0

Aachen: Apollo

★★★★★

(gjh)