„Ray & Liz“: Roher Sozialrealismus in Großbritannien

„Ray & Liz“ : Roher Sozialrealismus in Großbritannien

Richard Billingham zählt zu den bekanntesten Fotografen Großbritanniens, mit Ausstellungen unter anderem in der Tate Modern und im Victoria and Albert Museum. Bekannt wurde er mit dem Fotoband „Ray’s a Laugh“, der die Alkoholkrankheit seines Vaters dokumentiert.

In „Ray & Liz“, seinem Debüt als Spielfilmregisseur, steht wieder der Vater zentral: Aus dessen verwahrlosten, von vielen Fliegen mitbewohntem Schlafzimmer eines Sozialbaus geht die Erinnerung in zwei Episoden zurück zum Familienleben mit den Eltern Ray (Justin Sallinger) und Liz (Ella Smith), sowie dem kleinen Bruder Jason. Dieses Leben kennzeichnet die flehende Bitte von Richard an den Mann vom Jugendamt, der letztlich Jason mitnimmt: „Kann ich auch zu Pflegeeltern, bitte?“ Das Kaninchen köttelt auf das Sofa, der Hund pinkelt auf ungeöffnete Briefe, der kleine Jason hat eine Tupper-Dose voller Schnecken und die Eltern verschlafen das alles komatös besoffen.

Es sind atemberaubend asoziale Zustände, die „Ray & Liz“ im altmodischen Rahmen des 4:3-Formats, mit satten Farben und einem historischen Müll-Dekor des Birminghams der 80er Jahre einfängt. Die Kindheit in einer Sozialwohnung im verarmten Black Country, dem Schwarzen Land Englands, will nicht auf die Gefühlsdrüse drücken und auf keinen Fall jemanden lächerlich machen. Auch wenn die lakonische Weise, mit zum Beispiel Jasons nächtliche Ausflüge gezeigt werden, durchaus komisch wirkt. Man kann man sich über diesen rohen Sozialrealismus begeistern, über die Kamera und ihre äußerst detailliert dargestellte Verwahrlosung in vom Kitsch überfüllten Sozialwohnungen.

Im Vergleich zu den wunderbaren Sozial- und Familien-Dramen von Terence Davies („Distant Voices - Still Lives“, „The Long Day Closes“) passiert weniger, das Drama erregt nicht viel Aufsehen. Und letztlich berührt es nicht sehr. Es bleibt Staunen über eine heftige Kindheit und den vielleicht ästhetisch reizvollen Nachbau im Film.

Ray & Liz Großbritannien 2018 Regie: Richard Billingham, mit Ella Smith, Justin Sallinger, Joshua Millard-Lloyd 108 Min. FSK ab 12

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