Milieustudie „Les Misérables“: Frankreichs Vorstädte brennen in „Die Wütenden“

Milieustudie „Les Misérables“ : Frankreichs Vorstädte brennen in „Die Wütenden“

Vergessen Sie alles, was Sie an „Problemfilmen“ aus Banlieues, Kiezen oder Ghettos gesehen haben: Regisseur Ladj Ly macht als Debütantin aus zwei Tagen mit drei Polizisten im Hexenkessel der Straßen von Montfermeil eine erschütternde Film-Sensation.

„Les Misérables“ gewann den Preis der Jury in Cannes und ist französischer Oscar-Kandidat. Noch hängt die französische Fahne sehr symbolträchtig auf den Schultern des jungen dunkelhäutigen Issa (Issa Perica) und dann geht es nach Paris zum Eiffelturm, um die Nationalhymne zu singen und die Nationalmannschaft zu feiern. Aber schon der nächste Tag sieht anders aus: Die Polizisten Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga) gehen mit dem Neuen, Stéphane (Damien Bonnard), um als wenn der ein Häftling wäre. Er wird grob und deftig vorgeführt, bis die Albernheiten in dramatischen Ernst umkippen.

Ein Zigeuner genannte Zirkustruppe aus lauter Muskelschränken baut sich vor den Schwarzen um den „Bürgermeister“ auf, weil Johnny entführt wurde. Das Aufeinandertreffen von viel zu viel Steroiden und Adrenalin explodiert fast, ohne dass die eine Gruppe überhaupt weiß, wer dieser Johnny ist, von denen die andern so wütend reden. Es stellt sich heraus, dass ein Löwenbaby geklaut wurde und der sogenannte Bürgermeister bekommt eine Frist von 24 Stunden, das Tier zu finden.

Die drei Polizisten stecken mitten drin in diesem drohenden Kleinkrieg und entdecken bald, dass Issa den kleinen Löwen geklaut hat. Beim Versuch den Jungen festzunehmen, müssen sich die Ordnungshüter einer ganzen Schar wütender Jugendlicher erwehren. Ein Schuss mit Gummigeschoss verletzt Issa schwer und eine Drohne hat alles aufgezeichnet.

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Viktor Hugos siedelte im Handlungsort Montfermeil seinen Roman „Les misérables“ (Die Elenden) an, Regisseur Ladj Ly wuchs dort auf und hier begannen auch 2005 schwere Bevölkerungsunruhen, die sich im nahen Paris fortsetzten. Während die Drohnen-Aufnahmen im wahrsten Sinne des Wortes einen Überblick des Problem-Viertels verschaffen, zeigt die Handlung dramatische Sozialstrukturen. Muslimische Seelenfänger kümmern sich um die vom guten Weg abgewichene Jugend, kriminelle Organisationen sorgen selbst für ihre eigene Ordnung.

Das interessante Trio aus übergriffigem weißen Rassisten („Rosa Schwein“ genannt), einem zurückhaltenden Nordafrikaner und dem Neuling, der noch weiß, wie die Gesetze eigentlich lauten, zeigt dank sehr, sehr guter Schauspieler vielschichtige Figuren. Ladj Ly zaubert in seinem Spielfilmdebüt direkt einen enormen einnehmender Wechsel zwischen extrem spannenden und intensiven ruhigen Szenen.

Das Bild dieses Viertels ist erschreckend wie „Gomorrha“ und „Paranza“, die italienischen Filme über extrem brutale jugendliche Gangster. Aber im Geist des Films steckt auch das mahnende Moment des Victor Hugo-Zitates vom Abspann: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.“

Frankreich 2019 Regie: Ladj Ly, mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga, Issa Perica, 102 Min.

Aachen: Apollo