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Fahrenheit 11/9 von Michael Moore ist Politkino vom Feinsten

Fahrenheit 11/9 : Politkino vom Feinsten

Die Dokumentation „Fahrenheit 11/9“ ist eine unbedingt sehenswerte und sehr unterhaltsame Politik-Geschichte von Regisseur Michael Moore, der schon mit „Bowling for Columbine“ für geschockte Zuschauergesichter sorgte. Schon innerhalb von nur fünf Minuten schafft er es, einen historischen Umbruch mit Fakten und Gefühlen zusammenzufassen.

Das ist modernes Politkino vom Feinsten. Der vielfach ausgezeichnete Politfilmer und Oscar-Preisträger Michael Moore seziert die präsidentielle Irrfahrt von Trump mit Witz, Geist und überraschenden Perspektiven – weit entfernt von dem bislang erfolglosen Verspotten seiner Handlungen durch die Satire.

Der sichere Sieg von Hillary Clinton kippt ins Entsetzen angesichts des Sieges eines unbedarften Polit-Clowns. „Wie verdammt noch mal konnte das passieren?“ lautet nun die Frage von Moore. Die Antwort ist vielschichtig und enthält sogar eine Selbstanklage: Obwohl Moore Dank der guten Kenntnis seiner Mitbürger in Michigan von dem Potenzial für Populismus wusste, hatte auch der Regisseur den Kandidaten lange nicht ernst genommen.

So sehen wir Bilder und Erinnerungen an frühere Begegnungen Moores mit Trump und seiner Familie. Die Ausschnitte zeigen die Fehler, welche die Medien gemacht haben. Das ist mit Pop-Songs und Opernmusik so gut präsentiert, dass es glatt als Propaganda durchgeht. Und die Frage „Ist das noch politisch?“ bleibt auch beim nächsten Themenblock, welche es viele gibt.

Der Zuschauer sieht gleich mehrere Journalisten, die extrem aggressiv gegen Hilary Clinton vorgingen und tatsächlich alle wegen sexueller Übergriffe angezeigt wurden. Nimmt man dazu Trumps eigene, extrem seltsame Aussagen in Richtung seiner Tochter, kommt zur Abscheu die Frage hinzu, ob das hier hingehört.

Doch immer wieder zeigt sich Moore als einzigartiger Aufdecker und Provokant: Vor allem in der Geschichte aus seiner Heimat Flint, in der die Wasserversorgung durch eine neoliberale Seilschaft extrem dreist ausgebeutet wurde. Wieder wird in wenigen Minuten das erschütternde Drama skizziert, wie vor allem Farbige über das Trinkwasser mit Blei vergiftet wurden. Erst als das miserable Wasser die Autoindustrie gefährdet, bekommt diese wieder gutes Wasser, während die Menschen weiter aus einem verschmutzten Fluss versorgt werden. Das ist ein typischer Moore – bitter, sarkastisch und unerbittlich. Bis zu dem Moment, wo er die Villa des verantwortlichen Gouverneurs eigenhändig mit dem vergifteten Wasser berieselt.

Selbst Obama macht hier keine gute Figur. Ebenso wie die ganze etablierte Demokratische Partei, die auch ihr Fett abbekommt. Bei all den kleinen und den himmelschreienden Anklagen behauptet der Filmemacher jedoch, dass die USA eine linke und eine liberale Bevölkerung hätten, der nur ein undemokratisches Wahlsystem im Wege steht. Neu an diesem Film ist, dass sich die Hoffnung zeigt, dass es für die Demokraten angesichts einer starken Gruppe von jungen Kongress-Kandidatinnen auch demokratisch geht. Unter ihnen ist übrigens die momentan sehr populäre, tanzende Kongress-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez.

Eine Gruppe rebellierender Schüler schafft es, einen rassistischen und sexistischen Kandidaten, der von der Waffenindustrie finanziert wurde, aus seinem Wahlbezirk zu schmeißen. Es sind eine Menge unglaublicher, schockierender, aber auch hoffnungsvoller Geschichten, die Michael Moore hier schon für den Wahlkampf 2020 in Position bringt. Frech und flott präsentiert, unterhaltsam und lehrreich. Spätestens, wenn Moore Hitler mit Trump vergleicht und dessen Ambitionen auf mehr als zwei Amtszeiten deutlich macht, kann diesmal niemand mehr sagen, man hätte Trump nicht ernst genommen.

USA 2018 Regie: Michael Moore, mit Michael Moore, Donald Trump, Barack
Obama, Katie Perry 128 Min.

Ab 17. Januar in Aachen: Apollo