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Goldenen Palme für „Shoplifters“: Eine leicht verrückte, aber äußerst sympathische Familie

Goldenen Palme für „Shoplifters“ : Eine leicht verrückte, aber äußerst sympathische Familie

Wenn der Vater mit dem Sohn einkaufen und klauen geht. Das ergibt zu Hause in typisch japanischer Enge eine schrecklich nette, liebevolle Familie. Der Serien-Sieger von Cannes, Regisseur Hirokazu Kore-eda („Vater und Sohn“, Jury-Preis 2013), schaut sich erneut mit viel Humor und Gefühl an, was Familie eigentlich bedeutet.

Vater geht mit dem Sohn zum Klauen in den Supermarkt. Die eine Tante arbeitet in einer Pepshow, die andere stiehlt auf ihrer Arbeitsstelle. Oma besorgt bei der Familie ihres verstorbenen Mannes ihre „Rente“. Diese besondere Familie hat nicht viel, doch als sie in einer kalten Nacht ein kleines Mädchen frierend auf einem Balkon entdecken, nehmen sie das Kind mit und geben ihm zum Essen. Dann sehen sie die blauen Flecken und Narben bei Yuri (Miyu Sasaki). Trotzdem soll das Mädchen zurück nach Hause, aber dort hören die Retter, wie ein Mann seine Frau misshandelt...

Mit den Augen der kleinen Yuri erleben wir diese leicht verrückte, aber äußerst sympathische Familie. Und mit den Augen des „Sohns“ Shota (Kairi Jyo), der allerdings Zweifel an den moralischen Richtlinien des Vaters Osamu Shibata (Lily Franky) bekommt: Aus einem Supermarkt zu klauen, mag ja in Ordnung sein, weil die Sachen dort noch niemandem gehören. Aber aus einem Auto? Ein Moment des Zweifels, der in der späteren, spannenden Entwicklung des Films noch eine ironische Fußnote bekommen wird.

Denn bei der scheinbar fast normalen Familiengeschichte, mit Neuzuwachs und dem Abschieden, ist alles ist ein klein wenig anders. Als sich der Junge Shota beim Klauen erwischen lässt und die Polizei die Familie „aushebt“, zeigt sich eine andere Geschichte: Aus behördlicher Sicht wird alles, was so natürlich und harmonisch passierte, als Verbrechen angesehen. Denn biologisch haben die fünf Menschen nicht viel miteinander zu tun.

„Normalerweise kann man sich seine Eltern nicht aussuchen.“ Dieser stille sowie sehr, sehr anrührende und beglückende Film stellt eine ungewöhnliche aber fast heilige Familie einer biologischen Verbindung gegenüber, in der körperlich und seelisch misshandelt wird. Regisseur und Autor Hirokazu Kore-eda vermittelt ein anderes Bild von Japan, aber „Shoplifters“ ist mit seiner humorvollen Leichtigkeit niemals Sozialdrama.

Der exzellente und kluge Regisseur Hirokazu Kore-eda vertauschte schon in „Vater und Sohn“ (Jury-Preis in Cannes 2013) die Söhne einer wohlhabenden und einer armen Familie direkt nach der Geburt, um japanische Ideale des Erfolgs bloßzustellen. Und im legendären „Nobody Knows“ (Darstellerpreis Cannes 2004) überzeugte ein Gruppe verlassener Kinder mit herzzerreißender Fürsorge abseits gesellschaftlicher Normen. Auch „Shoplifters“, diese durch Inszenierung und Spiel so anrührende Geschichte, wird durch die latente Frage spannend: „Was ist richtig, was ist eine richtige Familie?“ Diese ganz besondere Familienbande wurde jedenfalls bei den Filmfestspielen von Cannes 2018 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und ist als japanische Einreichung noch im Rennen zum Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film“.

Japan 2018 Regie: Hirokazu Kore-eda, mit Lily Franky, Sakura Ando, Mayu Matsuoka, Kirin Kiki 122 Min. FSK ab 12

Aachen: Apollo