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Doku über Christoph Schlingensief: Dieser Ausnahmekünstler fehlt!

Doku über Christoph Schlingensief : Dieser Ausnahmekünstler fehlt!

Vor zehn Jahren starb Christoph Schlingensief. Eine hervorragende Doku setzt dem Querdenker ein filmisches Denkmal.

Innovativ, unberechenbar, provokativ – nur wenige Theater-, Opern- und Filmregisseure haben den deutschsprachigen Kulturraum derart nachhaltig aufgewühlt wie Christoph Schlingensief. Am 24. Oktober 2020 wäre er 60 geworden, dabei durfte der unbändig Schaffende nicht einmal mehr seinen 50. Geburtstag feiern. Vor zehn Jahren, am 21. August 2010, starb der multimediale Künstler und Performer Christoph Schlingensief mit 49 an den Folgen einer Krebserkrankung. Schlingensief war ein Solitär, er kam aus keiner Schule und bildete keine Schule, war nicht nur Insidern bekannt, sondern überall präsent – auch heute erinnern sich viele an seine Dauer-Power-Performance auf etlichen Kanälen.

Ein pralles dokumentarisches Porträt setzt dem Ausnahmekünstler nun ein sehenswertes filmisches Denkmal. Bettina Böhler macht mit „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ – jenseits aller Jubiläen – deutlich: Schlingensief fehlt! Mit Kreativität und Aktionismus traf der Querdenker immer wieder exakt in die Wunden deutscher Befindlichkeiten.

Aufgekratztes Einzelkind

Als der Apothekersohn aus Oberhausen starb, konnte er auf ein „40-jähriges Schaffen“ zurückblicken. Seinen ersten Film drehte Schlingensief 1968. Mit einer Super-8-Kamera, die alle zehn Sekunden neu aufgezogen werden musste, was dem Regisseur ein Improvisieren mit einer bewusst fehlerhaften Stop-Motion-Technik abverlangte. Fasziniert staunte der junge Christoph über die Effekte reizvoll-seltsamer Doppelbelichtungen fehlerhaft behandelter Urlaubsfilme seines Vaters. Nach der Ablehnung durch die Film- und Fernsehhochschule München startete Schlingensief schnell richtig durch, drehte früh mit Tilda Swinton oder Udo Kier.

Die Cutterin Bettina Böhler („Die innere Sicherheit“, „Hannah Arendt“), die schon mit Schlingensief selbst arbeitete („Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“, „Die 120 Tage von Bottrop“), hat sich daran gemacht, das Leben und die Arbeiten Schlingensiefs noch einmal in gut zwei Stunden Revue passieren zu lassen: von den Anfängen 1960 bis zum Finale 2010. Ein Glücksfall, denn Böhler hatte offenkundig vollen Zugriff auf das Archiv, verfügt kenntnisreich und gewitzt über Material aus Privatfilmen der Familie Schlingensief, Interviews, Talkshow-Auftritten, TV-Berichten, Ausschnitten aus Spielfilmen, Theaterinszenierungen und -proben, den späten Kunstinstallationen und den visuellen Tagebuchnotizen des Erkrankten. Böhler braucht keinen nachträglichen Kommentar, keine huldvollen Würdigungen.

Ihre Doku ist auch insofern ein Glücksfall, als Böhler komplett da­rauf verzichtet, ihren Protagonisten mit Zeitzeugen und Weggefährten zu umstellen, die ihren Senf dazugeben. So erleben wir hier Schlingensief ziemlich pur: von den Anfängen als recht selbstbewusstes und aufgekratztes Einzelkind, über die das Publikum polarisierende Filmarbeit, die Hinwendung eines Verächters des Theaters zum Theater und zur Oper („Parsifal“ in Bayreuth) bis hin zu den experimentellen Fernseharbeiten und schließlich den Plänen für ein Festspielhaus in Afrika.

Es dürfte nicht allzu viele Menschen geben, die das Gesamtwerk überschauen, zumal ja die Filme bis heute keine vollständige Retrospektive erfahren haben, Theaterinszenierungen und Kunstinstallationen zumeist ortsgebunden sind und keine Monografie zum Werk vorliegt. Dahin ist dieser Film nun ein erster Schritt. Man kann verfolgen, wie treffsicher Schlingensief überlieferte Formate derart zu überschreiben vermochte, bis sie wieder produktiv wurden.

Schlingensief drehte Underground-Werke wie „Menu total“ (1985/86) oder die Wiedervereinigungs-Satire „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990). Nicht alles erschließt sich beim Betrachten. Das Enfant terrible selbst fand seine Arbeiten „auch immer etwas verwirrend“.

Attacken gegen Helmut Kohl

Zudem schaffte er es instinktsicher und höchst effektiv, Fernsehformate wie „Big Brother“, die Talkshow oder auch die Quizshow („Sortieren Sie bitte folgende vier Konzentrationslager in der richtigen Reihenfolge von Nord nach Süd!“) entweder zu politisieren oder zu demaskieren. Auf der documenta 1997 wurde er für das Skandieren des Slogans „Tötet Helmut Kohl!“ kurzzeitig festgenommen und schüttete Jürgen Möllemann für dessen antisemitische Impulse tote Fische in den Vorgarten.

Unvergessen auch die Gründung der Partei „Chance 2000“ mit dem Slogan „Scheitern als Chance“ und dem Aufruf an alle Arbeitssuchenden, den Kanzler im Urlaub am Wolfgangsee zu besuchen und durch ein gemeinsames Bad den dortigen Wasserpegel so zu heben, dass der Regierungschef nasse Füße bekommt. Im Jahr 2000 stellte Schlingensief in Wien Container vor die Staatsoper, wo das Publikum täglich einen Ausländer zum Abschieben auswählen durfte.

Böhler kennt ihr Material so gut, dass es ihr gelingt, auch höchst unterhaltsame Volten anzubieten. Etwa die Marotte des Filmemachers, bei Besuchen seiner Eltern immer eine Kamera dabeizuhaben und sie in der Begegnung damit zu konfrontieren. Auch bei einer Feier hält der Sohn eine Rede - und man bemerkt, wie Familie und Bekannte darauf hoffen, dass der Junge jetzt nichts „Falsches“ sagt, also etwas Wahres.

Am Ende, so stellt der Sterbenskranke selbst klar, hätte er das Wiedersehen mit den Eltern gerne noch etwas herausgezögert, aber dann wird der Film elend und traurig. Davor jedoch . . . ­(Aachen: Apollo) ★★★★★

„Schlingensief – In das Schweigen hi­neinschreien“ (Deutschland 2019), Regie: Bettina Böhler, 130 Min., FSK: ab 12