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Anspruchsvolles Musical „Jeannette“: Die Kindheit der Jeanne d’Arc

Anspruchsvolles Musical „Jeannette“ : Die Kindheit der Jeanne d’Arc

Was hat eigentlich Jeanne d’Arc gemacht, bevor sie beritten in glänzender Rüstung Frankreich rettete? Schafe gehütet, mit Nonnen auf Metal-Musik abgerockt und sich mit schwebenden Heiligen unterhalten.

So jedenfalls in dieser Musical-Version der Kindheit der Jeanne d’Arc vom genialen Filmemacher Bruno Dumont. Im Jahr 1425 tobt der Hundertjährige Krieg auch im Norden Frankreichs. Im kleinen Dorf Domremy erlebt die achtjährige Jeannette die Grauen des Krieges und erzählt beim Schafhüten ihrer Freundin Hauviette davon. Jeannette will die bösen Engländer vertreiben. Die Nonne Madame Gervaise versucht, es ihr auszureden, doch Jeannette besteht darauf, von Gott persönlich beauftragt worden zu sein.

„Jeannette - Die Kindheit der Jeanne d’Arc“ ist im Stil so simpel wie seine Figuren. In einer Dünenlandschaft bewegt sich die Kamera so gut wie nicht. Auch wenn Jeannette und die Nonnen immer wieder zu Hard-Rock in Tanz und Gesang ausbrechen, ist dies kein Lars von Trier-Musical. Alles ist bei allem Können Dumonts bewusst nicht perfekt inszeniert und gespielt. Ein Hilfe suchender Blick geht schon mal an der Kamera vorbei. Gesang und Tanz sehen nach Laientruppe aus.

Die radikale Einfachheit steht dabei für einen radikalen Glauben: Die Bevölkerung wünscht sich nach Jahrzehnten des Krieges einen endgültigen Sieg der Engländer, sie seien schließlich gute Christen und disziplinierter im Brandschatzen als die Franzosen. Doch die Gottes-Kriegerin Jeannette will den „guten französischen Boden“ von den Fremden befreien. Ziemlich nationalistisch dieser Text des französischen Schriftstellers Charles Pierre Péguy (1873 - 1914). Das Unten und Oben derer, die an göttliche Ordnungen und an die passende weltliche Unterdrückung glauben, manifestiert sich in den fixen Kamera-Standpunkten.

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Aber Dumont durchbricht dies alles mit den rauen Songs des französischen Metal-Musikers Igorrr und den Choreographien von Philippe Decouflé, der bereits für Beyoncé und New Order arbeitete. Wie auch in seinen früheren, „gegenwärtigeren“ Filmen „La vie de Jésus“ (1997), „L'Humanité“ (1999) oder „Flandern“ (2006) irritiert und fasziniert der aus der Küstenregion Nordfrankreichs stammende Dumont gleichermaßen. Schwebende Figuren sind quasi ein Markenzeichen des französischen Flamen geworden.

In letzter Zeit setzte er der mit Fabrice Luchini, Valeria Bruni Tedeschi und Juliette Binoche sehr prominent besetzten, skurrilen und absurden Komödie „Die feine Gesellschaft“ (2016) die herrlich komischen TV-Serien „KindKind“ / „Quakquak und die Nichtmenschen“ (2014/18) entgegen. Dabei sind bei allen verdrehten Umsetzungen Glaubens- und existentielle Fragen immer in seinen Filmen eingewebt. „Jeannette“ wird schon Anfang Januar mit „Jeanne d’Arc“ fortgesetzt.

Frankreich 2017 (Jeannette - L'Enfance de Jeanne d’Arc) Regie: Bruno Dumont, mit Lise Leplat Prudhomme, Jeanne Voisin, Lucile Gauthier, Aline Charles 114 Min.