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„Eine größere Welt“: Die Geschichte einer Frau, die zur Schamanin wurde

„Eine größere Welt“ : Die Geschichte einer Frau, die zur Schamanin wurde

Fabienne Berthaud ist eine Regisseurin von großartigen Filmen, der es beispielsweise mit dem tief berührenden „Barfuss auf Nacktschnecken“ gelang, die bislang schauspielerisch nicht so gut aussehende Diane Kruger in ganz neuem Licht zu zeigen.

Ähnliches passiert hier mit dem Kinostar Cécile de France („Der Junge mit dem Rad“), deren grandioses Vermögen allerdings bereits weltweit anerkannt ist. Die belgische Schauspielerin gibt mit viel Mut zu einem sehr traurigen und fertigen Gesicht, mit rot umrandeten Augen und tiefen Ringen Corine Sombrun in deren wahren Geschichte.

Nach dem Krebstod des Partners ist die französische Tontechnikerin für nichts mehr zu gebrauchen. Ihr Chef schickt sie in eine abgelegene Steppenregion der Mongolei, um ethnographische Tonaufnahmen bei einer Schamanin zu sammeln. Die ungeduldige, hektische und unruhige Frau aus dem Westen ist dabei von der Übersetzerin kaum zu bremsen. Als Corine einem von Trommelschlägen angetriebenem Ritual beiwohnt, fällt sie in Trance und heult wie ein Wolf. Zuerst verweigert sich die irritierte Frau diesem Erlebnis, kehrt aber später zurück in die Steppe. Die harte Ausbildung zur Schamanin nimmt Corine vor allem auf, weil sie hofft, über diesen Weg ihren Mann wiedersehen zu können.

Die wahre Geschichte der Corine Sombrun, die ihre Erlebnisse im Buch „Mein Leben mit den Schamanen“ verarbeitet hat, ist vor allem alles andere als Ethnokitsch! Was Verfilmung von Erbauungsliteratur für westlichen Eskapismus in fern östliche Traditionen hätte werden können, begeistert nicht nur wegen der üblichen tollen Natur-Bilder.

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Auch die sehr eindrucksvolle Umsetzung der Trancezustände macht Eindruck. Regisseurin Fabienne Berthaud gelingt zusammen mit Cécile de France, selbst Skeptikern diese ungewöhnlichen Zustände glaubhaft zu machen. Und immer wenn Gefahr besteht, dass „Eine größere Welt“ in banale Selbstfindungs-Touristik abzudriftet, berauscht und beglückt die sagenhafte Kamera von Nathalie Durand mit unglaublichen Bildern.

Dabei sind ausgerechnet die Versuche, die Wirkungen von Trance und Meditation auf das Gehirn mit westlichen Mitteln zu erklären, eher zäh und unerfreulich. Corines Schwester beispielsweise reagiert aggressiv und verletzend. Erst als die zweifelnde frische Schamanin die schwere Krankheit eines Freundes erkennt, akzeptiert sie ihre Kräfte.

Die Ausbildung in Mongolien erinnert dann sogar spaßig an das berühmte „Put-Zen“ aus Doris Dörries „Erleuchtung garantiert“. Corine muss Holz hacken und Rentiere melken. Dass Sombrun nach ihrer Rückkehr nach Frankreich mit Neurologen und Gehirnforschern arbeitet, um die mentalen Mechanismen hinter den Trancezuständen zu verstehen, wird nur noch kurz erwähnt und verdirbt nicht diesen ästhetisch wunderbaren Film.

Frankreich, Belgien 2019 (Un monde plus grand), Regie: Fabienne Berthaud, mit Cécile de France, Narantsetseg Dash, Ludivine Sagnier, Tserendarizav Dashnyam, 100 Min., FSK ab 12

Aachen: Apollo

Düren: Lumen