Wie geht es der Demokratie?: Die Bibliothek als Zufluchtsort in „Ein ganz gewöhnlicher Held“

Wie geht es der Demokratie? : Die Bibliothek als Zufluchtsort in „Ein ganz gewöhnlicher Held“

Es ist kalt in Cincinnati, sehr kalt: Morgens werden die erfrorenen Obdachlosen vom Krankenwagen eingesammelt. Auch deswegen ist die Öffentliche Bibliothek sehr gut besucht.

Zig Wohnungslose stehen Schlange, machen sich im Waschraum frisch, verbringen den Tag im Warmen beim Schachspielen, Internetsurfen und Lesen. Der engagierte Bibliotheksmitarbeiter Stuart (Emilio Estevez) kümmert sich. Nicht nur um einen reibungslosen Betrieb, er sorgt sich wirklich um die Menschen, die bei ihm Unterschlupf finden. Vor den Minustemperaturen, aber auch der sozialen Kälte, denn es gibt in der Stadt viel zu wenig Schlafplätze für Obdachlose.

Als diese eines Abends beschließen, nicht mehr in die Kälte rauszugehen und die Bibliothek besetzen, macht ein karrieregeiler Politiker den völlig harmlosen Stuart zum Geiselnehmer der Hilfesuchenden. „Ein ganz gewöhnlicher Held“ wider Willen wird Stuart erst, als auch die Medien anrücken...

In den ersten Szenen sehen wir morgens vier Obdachlose, die sich in der öffentlichen Toilette frisch machen. Vier Charaktere, wie sie der Film gerne sieht. Mit kleinen und großen Ticks, seltsam aber harmlos. Doch Oberflächlichkeit kann man diesem tollen und engagierten Film nicht vorwerfen. Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Emilio Estevez breitet packend ein weites Feld menschlicher Belange aus. Vom kleinen Schicksal bis zum Staatsanwalt, der Bürgermeister werden will.

„Ein ganz gewöhnlicher Held“ ist dabei bis in die kleinste Nebenrolle sorgfältig und hochwertig besetzt. Es gibt eine ganz wunderbare Rolle für den Trump-Parodisten Alec Baldwin als Polizei-Verhandler Bill, dessen Sohn drogenabhängig irgendwo da draußen auf der Straße ist. Christian Slater ist abstoßend glatt als skrupelloser Politiker, der Goodson mit Fake News zum Geiselnehmer macht. Neben diesem Goodson, der mit seiner Vergangenheit als Obdachloser schon alleine eine sehr interessante, gebrochene Figur gibt, gefällt als sein ungewöhnliches „love object“ eine Hausmeisterin, die mit dem Hammer probiert, eingefrorene Heizungen wieder fit zu kriegen.

Ergänzend zum ausnahmsweise guten deutschen Filmtitel, beschreibt der Originaltitel „The Public“ (Library) die wunderbare Hymne auf die Institution Öffentliche Bibliothek: Zwischendurch erzählen Menschen die Kamera, was sie in der Bibliothek suchen - wortwörtlich und im übertragenen Sinne. In der bekannten Liste der schönsten Bibliotheks-Filmszenen nimmt „The Public“ nun einen Platz neben dem „Himmel über Berlin“ von Wim Wenders ein. Engagiert, politisch, spannend und sehr klug: „Ein ganz gewöhnlicher Held“ gibt Mitgefühl und Idealismus einen (öffentlichen) Raum, verbreitet Optimismus und Hoffnung.

Ein ganz gewöhnlicher Held USA 2018 (The Public) Regie: Emilio Estevez, mit Emilio Estevez, Jena Malone, Alec Baldwin, Christian Slater 119 Min.

Aachen: Apollo

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