Der unverhoffte Charme des Geldes von Denys Arcand startet im Kino

„Der unverhoffte Charme des Geldes“ : Ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit

Der kanadische Regisseur Denys Arcand zeigt in seinem neuen Film über einen Philosophie-Professor, der ungewollt reich wird, die Auswirkungen von Steuerbetrug und Geldwäsche.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Wittgenstein zitieren, kann Eindruck machen. Aber nicht, wenn die Freundin gerade fragt, ob man sie liebt. Doch Pierre-Paul Daoust (Alexandre Landry), Kurierfahrer und Philosophie-Professor, ist Spezialist für solche Fettnäpfchen. Viel Geld verdienen oder erfolgreich sein, das könne er nicht – dazu müsse man dumm sein. Siehe Bush, Trump und so weiter. Und Bücher schreiben wie andere Idioten – der Spieler Dostojewski oder der Faschist Céline – wolle er auch nicht.

Stattdessen gibt Pierre-Paul jedem Bettler etwas und hilft bei der Essensausgabe für Obdachlose. Als das Schicksal ausgerechnet ihm bei einem blutigen Raubzug zwei Taschen voller Millionen vor die Füße schmeißt, ist der unglaublich naive und gutherzige Intellektuelle überfordert.

Doch das Team, mit dem der Professor diese Herausforderung an kriminelle Fähigkeiten und moralische Grundwerte meistert, hat es in sich: Camille Lafontaine (Maripier Morin), die teuerste Prostituierte Montréals, die mit Texten von Racine antwortet. Der frisch aus dem Knast entlassene Altrocker Sylvain „The Brain“ Bigras (Rémy Girard) mit BWL-Studium durch Gefängnis-Fortbildung. Und Maître Wilbrod Taschereau (Pierre Curzi), der als Finanzberater mit ehemaligen Präsidenten Vermögen in Steuerparadiese schmuggelt.

Aus Spaß wird blutiger Ernst

Aber da die illegalen Millionen brutalen Gangstern gehörten, wird der Spaß plötzlich blutiger Ernst. So wie hinter der Fassade einer Spedition mit dem Namen Hollywood das Geld reicher Investoren bewacht und gewaschen wird, so nutzt Regisseur Denys Arcand die Fassade einer kleinen Gangster-Geschichte, um internationale Geld-Ströme vorzuführen.

Der ausgezeichnete kanadische Filmemacher, der für „Die Invasion der Barbaren“ einen Oscar erhielt, zeigt hier gute Gauner, die mit Schwerverbrecher-BWL aus einer Sackgasse rauskommen. Das Weißwaschen erfolgt über Stiftungen, der Witz im Witz ist dabei: Als Beispiele werden immer das Internationale Olympische Komitee IOC und der Fußball-Weltverband Fifa genannt.

Dass der katastrophal verlaufende Raub tatsächlich in der „Hollywood Spedition“ stattfindet, macht auch Regisseur Arcands Verhältnis zur Traum- oder Schrott-Fabrik schnell klar. Seine Schauspieler sind in unserer Hollywood-Kolonie nicht bekannt, aber trotzdem gut.

Noch eindrucksvoller sind im Abspann die Aufnahmen von echten obdachlosen Inuit und Ureinwohnern Montréals, die auch im Film mitwirkten. Auch wenn der tragikomische Held so unbeholfen in seinem Leben wie in seinem Körper steckt: Das Anliegen ist ernst und liegt auf der Straße. In Form der Armen, deren Geld von den gierigen Steuervermeidern um die Welt geschickt wird. Selten kam sozialistische Philosophie und ein Aufruf zur Vermögensteuer unterhaltsamer daher.

Der unverhoffte Charme des Geldes Kanada 2018 (La chute de l’empire américain) Regie: Denys Arcand, mit Alexandre Landry, Maripier Morin, Rémy Girard 122 Min. FSK ab 12

Aachen: Apollo

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