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„Drei Tage und ein Leben“: Der Preis des Schweigens

„Drei Tage und ein Leben“ : Der Preis des Schweigens

Eine wirklich gelungene Bestseller-Verfilmung: „Drei Tage und ein Leben“ erzählt von einem Kriminalfall in den belgischen Ardennen.

Olloy, ein kleines Dorf in den belgischen Ardennen, ist der Schauplatz einer unglaublich abgründigen Geschichte. Mit dem Kriminaldrama „Drei Tage und ein Leben“ bringt der französische Regisseur Nicolas Boukhrief den gleichnamigen Bestseller-Roman von Pierre Lemaitre auf die Leinwand, auf Deutsch ist er 2017 erschienen. Der französische Autor („Wir sehen uns dort oben“) hat auch das Drehbuch zu dem spannend und psychologisch fein inszenierten Film geschrieben.

Wir befinden uns im Jahr 1999. Der zwölfjährige Antoine erlebt eine scheinbar unbeschwerte Kindheit. Er zieht stundenlang durch Wald und Wiesen, begleitet vom sechsjährigen Nachbarskind Rémi und dessen Hund. Alterstypisch schwärmt Antoine für die nette Nachbarstochter Emilie Desmedt, Rémis Schwester. Doch als sie mit einem älteren Jungen auf dem Mofa knutscht, ereignet sich drei Tage vor Weihnachten eine menschliche Katastrophe: Erst verjagt Antoine den lieben Hund der Desmedts, so dass der genau vor die Räder eines rasenden Autos gerät, worauf der grimmige Sonderling Michel Desmedt (Charles Berling), Rémis und Emilies Vater, den leidenden Vierbeiner mit dem Gewehr erlöst.

Aus Wut und Trauer zerlegt der eigentlich nette und freundliche Junge eine selbstgebaute Hütte im Wald. Dabei trifft er den anhänglichen kleinen Freund Rémi unglücklich mit einem Ast am Kopf. Die hastig verbuddelte Leiche bleibt verborgen, weil ausgerechnet in der folgenden Nacht ein Jahrhundertsturm die ganze Gegend verwüstet. Der Film lässt das Publikum zu Zeugen und Mitwissern werden – nicht nur der Tat, sondern auch des inneren Dramas des Jungen. Er hütet voller Angst sein Geheimnis und schweigt.

15 Jahre später kehrt Antoine nach seinem Medizinstudium an den Weihnachtstagen wieder zu seiner einsamen Mutter (Sandrine Bonnaire) nach Olloy zurück. Die ereignisreichen drei Tage des Titels mit dem Verschwinden des kleinen Rémi (nur wenige Jahre nach den Verbrechen des wallonischen Sexualstraftäters Marc Dutroux), mit Suchaktionen und nächtlichem Versteckspiel bestimmen nur die erste Hälfte des Films. Die zweite Hälfte des Schuld-und-Sühne-Dramas widmet sich dem Leben danach, mit Trauer und Schuld, grandios erzählt mit der Tragik russischer Romane à la Dostojewski, mit einem raffinierten und heimtückischen Plot sowie spannenden Figuren

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Rémis Vater ist vom Unruhestifter zum Alkoholiker geworden. Die schöne Tochter Emilie hat immer noch etwas übrig für Antoine. Und der Hauptverdächtige von damals, ein polnischer Metzger, trägt ebenfalls ein Geheimnis mit sich herum.

Eigenartigerweise sehen in Olloy alle ein wenig wie typische Serientäter aus, doch tatsächlich sind die interessanten Figuren alle sehr tief und meist tragisch gezeichnet. Schauspielerisch hätte man bei Pablo Pauly, dem erwachsenen Darsteller des Antoine, noch etwas mehr herausholen können. Er wirkt etwas zu lieb und brav, unberührt von seinem schweren Geheimnis. Dem französischen Filmstar Sandrine Bonnaire gelingt auch die Routine der Mutter gut.

Was ahnt sie? Sandrine Bonnaire als Antoines Mutter. Foto: Atlas Film

Mehr als ein Ardennen-Krimi ist „Drei Tage und ein Leben“ eine sehr bewegte und bewegende Studie menschlichen Verhaltens. Was macht ein tragisches Ereignis aus einer kleinen Dorfgemeinschaft und aus einem Menschen? Regisseur Nicolas Boukhrief hat die exzellente Vorlage Pierre Lemaitres eindrucksvoll sicher und gekonnt umgesetzt. Ohne große Effekte, wenn man vom apokalyptischen Hollywood-Sturm absieht, und in jeder Szene stimmig.

(Aachen: Apollo)

„Drei Tage und ein Leben“ (Frankreich, Belgien 2019), Regie: Nicolas Boukhrief, mit Sandrine Bonnaire, Charles Berling, Pablo Pauly, 120 Min., FSK: ab 12