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„Das geheime Leben der Bäume“: Peter Wohlleben im Interview

Peter Wohlleben im Interview : Der mit den Bäumen spricht

Peter Wohlleben erklärt mit Bestsellern wie „Das geheime Leben der Bäume“ den Wald. Nun tut er das auch im Kino. Ein Gespräch über Darwin, „Fridays for Future“ und Politik.

Ein Förster aus der Eifel fängt an aufzuschreiben, was er Waldbesuchern erzählt. Buch um Buch verfasst er.Sein 16. Werk wird schließlich ein in viele Sprachen übersetzter Weltbestseller: „Das geheime Leben der Bäume“. Darin zeigt Peter Wohlleben auf, wie die Holzgewächse kommunizieren, Schmerz empfinden und ihren Nachwuchs ebenso Pflege angedeihen lassen wie alten und kranken Artgenossen. Inzwischen hat der 56-Jährige sechs weitere Bücher veröffentlicht. Er ist in Talkshows präsent, vier Mal im Jahr erscheint seine Zeitschrift „Wohllebens Welt“.

In den Rummel mischt sich aber auch Kritik: Wohlleben vereinfache und verzerre die Wirklichkeit. Er selbst weist diese Vorwürfe zurück. Nun ist auf Grundlage von „Das geheime Leben der Bäume“ ein großer, abendfüllender Dokumentarfilm entstanden, der Wohlleben bei seiner Arbeit begleitet. Der Film ist seit Donnerstag in den Kinos zu sehen. Ein Gespräch.

Wie war Ihre Reaktion, als die Produzenten an Sie herangetreten sind mit dem Wunsch, aus „Das geheime Leben der Bäume“ einen Film zu machen?

Peter Wohlleben: Es ist ja nicht die naheliegendste Idee, aus einem solchen Buch einen Film zu machen, aber ich fand es einfach spannend. Ich war neugierig, wie sie das angehen wollten, und dachte: „Lass dich mal überraschen.“

Bäume sind, wie Sie in Ihrem Buch zeigen, sehr langsame Wesen. Ist Film als Medium nicht zu schnell für dieses Sujet?

Wohlleben: Wenn es um die Rezeption geht, ist Film im Vergleich zum Buch ein sehr viel schnelleres Medium. Aber bei der Entstehung gestaltet sich ein Film deutlich langwieriger. Das Kamerateam und Regisseur Jörg Adolph haben mich über eine Zeit von eineinhalb Jahren begleitet. Von daher hat die Arbeit am Film zum langsamen Baumtempo gepasst. Für mich waren es sehr lange Dreharbeiten. Aber ich empfand das nicht als anstrengend, weil sie mich nur bei den Dingen begleitet haben, die ich sowieso vorhatte zu tun.

Was haben Menschen und Bäume gemeinsam?

Wohlleben: Das, was uns Menschen wirklich wichtig ist im Leben, das sind ja nicht das schicke Auto oder der Flug zum Mond, sondern die menschlichen Beziehungen, die Emotionen, die Familie. Die meisten Menschen wollen ja einfach nur ein glückliches Leben führen. Im weitesten Sinne ist das bei Bäumen nicht sehr viel anders: Wir wissen mittlerweile, dass Bäume nicht nur Reflexe, sondern auch Gefühle haben. Das ist durch einige wissenschaftliche Studien inzwischen bewiesen. Da überholt die Grundlagenforschung mittlerweile die Esoterik. Das Soziale ist bei Bäumen sehr stark ausgeprägt. Und das ist kein Zufall, sondern ein Naturprinzip. Bei sehr vielen Arten herrscht das Sozial- und nicht das Ellenbogenprinzip.

Zeichen setzen: Peter Wohlleben im September 2018 bei einem Protestspaziergang gegen die Rodung des Hambacher Forsts. Foto: dpa/Caroline Seidel

Das bietet eine andere Sicht auf den Darwinismus.

Wohlleben: Darwins Evolutionstheorie wird oft falsch interpretiert. Der Begriff „survival of the fittest“ bedeutet, dass sich der Passendste durchsetzt, und nicht der Stärkste. Das ist lange falsch übersetzt und auch im englischen Sprachraum fehlinterpretiert worden. Wenn Wölfe Hirsche reißen, dann kämpfen sie nicht gegen die Hirsche, sondern besorgen sich Frühstück. Die Wölfe wollen ja nicht die Hirsche ausrotten. Für sie könnten es zehnmal so viele Hirsche sein, weil sie dann viel einfacher zu jagen wären. Es gibt keinen Kampf der Arten gegeneinander, wie es etwa der Nationalsozialismus fälschlicherweise behauptet hat. Eine Art, die sich einpasst und das Ökosystem nicht beschädigt, ist logischerweise länger überlebensfähig, weil sie ihre eigenen Grundlagen nicht zerstört. Natur ist Kooperation und nicht Kampf.

Was können wir von Bäumen lernen?

Wohlleben: Zuerst einmal Langsamkeit. Das ist auch ein Naturprinzip: Wer langsam macht, wird alt. Bäume, die schnell wachsen, leben weniger lange, während Bäume, die langsam wachsen, uralt werden können. Das kann man bei vielen Arten sehen und auch bei uns: Wer ein schnelles, stressiges Leben führt, hält meistens nicht so lange durch. Neben der Langsamkeit ist es aber auch das Sozialverhalten, bei dem wir uns Bäume zum Vorbild nehmen können. Gemeinsam können sich Bäume in Wäldern trotz des Klimawandels langsam runterkühlen, während ein alleinstehender Baum vertrocknen würde.

Bräuchte man auch in der Politik ein globales, „bäumisches“ Sozialverhalten?

Wohlleben: In verschiedenen Staaten hat in den letzten Jahren die nationalistische Ellenbogenmentalität zugenommen. Und man sieht deutlich: Bis auf eine kleine Elite tut das niemandem gut. Gerade auch, wenn es um den Klimawandel geht.

Sehen Sie den Film auch als politisches Statement?

Wohlleben: Wir wollten durch die Dreharbeiten gezielt Dinge anstoßen. Dadurch, dass wir etwa einen Indianerstamm in Kanada besucht haben, konnten wir Öffentlichkeit für deren Anliegen erzeugen. Das hat dazu geführt, dass die Leute dort zum ersten Mal einen Termin bei dem zuständigen Forstminister hatten und sich Lösungsmöglichkeiten abzeichnen, dass dieses 500 Quadratkilometer große Waldgebiet nicht abgeholzt wird. Dennoch hat es mich, als ich den fertigen Film gesehen habe, überrascht, wie politisch er geworden ist.

Im Film sehen wir, dass Sie sich auch den Protesten im Hambacher Forst angeschlossen haben. Wie wichtig ist es Ihnen, durch Ihre Popularität auch politischen Einfluss zu gewinnen?

Wohlleben: Das mache ich seit einem Jahr sehr gezielt, weil ich finde, dass meine Popularität ja auch zu etwas gut sein muss. Wenn ich bestimmten Bürgerinitiativen, die lokal Wald retten wollen, helfen kann, mache ich das gern. Da reicht ja manchmal ein Facebook-Video, das sie auf ihrer Seite einbauen können. Ich finde es wichtig, dass diese engagierten Menschen das Gefühl haben, nicht allein zu sein.

Stimmt Sie der klimapolitische Aufbruch der Jugend mit „Fridays for Future“ optimistisch?

Wohlleben: Die Demonstrationen von „Fridays for Future“ und die Bürgerinitiativen, die jetzt zum Schutz der Wälder aufblühen, sind ein demokratisches Instrument. Wir haben in Deutschland über Jahrzehnte vergessen, dass Demokratie mehr ist, als nur alle vier Jahre sein Kreuz zu machen. Es geht darum, dass wir uns auch zwischen den Wahlen für das Gemeinwohl einsetzen. Da kommt jetzt mit „Fridays for Future“ vieles in Bewegung. Das war ja auch alles schon mal da: „Jute statt Plastik“, die Umweltbewegung der 80er jahre – das ist in Vergessenheit geraten und wird nun gerade von einer Jugend wiederentdeckt, der wir immer nachsagen, dass sie nur vor dem Computer hängt. Aber die geht jetzt auf die Straße und zeigt uns, was zu tun ist: Unsere demokratischen Rechte wahrnehmen, um die Regierung in die richtige Richtung zu bewegen. Ich bin sehr optimistisch, auch weil ich weiß, dass wir wirklich etwas tun können. Ein Buchenwald kann sich auch in Zeiten des Klimawandels um 15 Grad herunterkühlen. Wenn es in München 40 Grad ist, kann ein Wald vor den Toren der Stadt nur 25 Grad haben. Das zeigt, dass wir in Zeiten der Klimaerwärmung mehr stabile, alte Wälder brauchen.

Wie erklären Sie sich den ungeheuren Erfolg Ihres Buches „Das geheime Leben der Bäume“? Sie hatten vorher ja schon einige andere Bücher zum Thema geschrieben, die weniger erfolgreich waren.

Wohlleben: Der Erfolg hat alle überrascht. Aber vielleicht liegt es daran, dass das Buch optimistischer war als die Vorgängerwerke. Davor habe ich all die negativen Erscheinungen beschrieben, die sich im Wald abzeichneten. Aber das kann man ab einem gewissen Punkt nicht mehr hören. Denn diese Art von Alarmismus endet irgendwann zwangsläufig im Fatalismus. Ich wollte mit diesem Buch erst einmal das Lebewesen Baum vorstellen und zeigen, was es da an wunderbaren Sachen gibt, um dann zu schauen, wie wir die Wälder retten können.

Sie sind mit Ihrem Buch, das in zahlreichen Sprachen übersetzt worden ist, in verschiedene Länder gereist. Was verbindet die Menschen der Welt mit dem Wald?

Wohlleben: Die Liebe zum Wald ist kein deutsches Phänomen. Hier denkt man ja oft, das käme aus der deutschen Romantik. Aber es zeigt sich, dass sehr viele Menschen auf der Welt das Gefühl haben, dass der Wald ihr grünes Wohnzimmer ist. Der Bezug zu Bäumen ist etwas zutiefst Menschliches. Das ist in uns genetisch verankert. Es ist mittlerweile auch von der konservativen Wissenschaft anerkannt, dass wir über Gerüche mit der Baumkommunikation interagieren und ein Spaziergang im Wald blutdrucksenkend wirkt. Wir sind mit Bäumen so stark verknüpft, dass unser Körper darauf reagiert. Das ist nicht nur ein romantisches Gefühl, sondern lässt sich auch rein biologisch begründen.