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„Der Junge muss an die frische Luft“: Auf und Ab einer Kindheit im Ruhrpott

„Der Junge muss an die frische Luft“ : Auf und Ab einer Kindheit im Ruhrpott

Hape Kerkeling ist ein Phänomen, wie es die deutsche Unterhaltungsbranche nur sehr selten hervorbringt. Als TV-Komiker hat er ein Multimillionen-Publikum erreicht.

In der Rolle des windigen Lokalreporters Horst Schlämmer oder als Königin Beatrix etablierte er sich als Oberbespaßer der Nation.

Kerkeling beherrscht im Gegensatz zu so manchem anderen Comedy-Star die Kunst, sich über Menschen lustig zu machen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Hinter seinen Parodien und genauen Menschenbeobachtungen steckt immer auch ein humanistischer Kern. „Woher nimmt der Kerl das?“, haben sich Fans und Feuilletonisten immer wieder gefragt.

Ode an die Großfamilie

In seinem zweiten Buch „Der Junge muss an die frische Luft“ (2014) ging Kerkeling selbst dieser Frage nach und versuchte zu erklären, wie er zu dem wurde, der er heute ist. Die Verfilmung des Bestsellers feierte am Dienstagabend in Essen „Weltpremiere“ und läuft ab 25. Dezember bundesweit im Kino.

Eingebettet in anekdotische Erinnerungen an eine Kindheit im Ruhrpott der 70er Jahre schrieb sich Kerkeling ein schweres Trauma von der Seele. Gerade einmal acht Jahre alt war er, als sich seine depressive Mutter das Leben nahm. Dass „Der Junge muss an die frische Luft“ trotz seines schrecklichen Kernereignisses über weite Strecken ein ungeheuer heiteres und in seiner Grundhaltung überzeugend optimistisches Buch ist – das macht die emotionale Aufrichtigkeit von Kerkelings Lebensbekenntnissen aus. Ein solcher Stoff erfordert bei seiner Übertragung auf die Leinwand eine hohe Sensibilität, zumal angesichts der Popularität des Autors in einem Mainstream-Format gearbeitet werden muss. Drehbuchautorin Ruth Toma („Emmas Glück“) hat Kerkelings Buch von allem Ballast befreit. Die lästige Erzählklammer, die den Bezug zur Gegenwart herstellt, ist ebenso über Bord geflogen wie die weltpolitischen und spirituellen Bekenntnisse des Autors.

Einzig und allein die Sicht des achtjährigen Hans-Peter (Julius Weckauf) zählt in diesem Film. Hin und wieder lässt ihn Regisseurin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“) auch kommentierend ins Geschehen eingreifen. Der Junge wächst im Schoße seiner Großfamilie in Recklinghausen auf. Der Vater (Sönke Möhring) ist oft auf Montage und meist nur am Wochenende zu Hause. So ist es an dem aufgeweckten Sohn, seine Mutter Margret (Luise Heyer) mit kleinen Späßen und Show-Einlagen bei Laune zu halten. Ein steter Quell der Inspiration bietet das Umfeld: Im Lebensmittelladen der Großmutter lässt sich die tratschende Nachbarschaft bestens studieren, aber auch die feierlustige Verwandtschaft sorgt für kreativen Input. Die Tante, die bei jedem Fest zu Zarah-Leander-Imitationen ausholt, nur um danach angesichts eigener Kriegserinnerungen in einen halbstündigen Heulkrampf zu verfallen.

Oder Oma Änne (Hedi Krieges­kotte), die einfach mal so fragt: „Hans-Peter, willst du ein Pferd?“ und wenig später mit dem Jungen in der eigenen Kutsche durch Recklinghausen fährt. Es sind die patenten Frauen, die in dieser Familie das Sagen haben und den Jungen mit ihrem beherzten Zweckoptimismus prägen. Die Verwandtschaft wird umso mehr für das Kind zum Rettungsanker, wie sich die eigene depressive Mutter zunehmend aus der Welt zurückzieht – bis hin zu jener Nacht, als sie dem Sohn sagt, dass er heute bis zum Sendeschluss Fernsehen darf. Der Junge gehorcht misstrauisch, schleicht sich nachts zu ihr ins Bett und liegt wie gelähmt neben der Mutter, die eine Überdosis Schlaftabletten genommen hat. Es ist eine Szene, die einem fast das Herz zerreißt, gerade weil Caroline Link sie ohne verstärkende Effekte in Szene setzt.

Wie schafft es ein Kind, nach einem solchen Erlebnis nicht verrückt zu werden? Die Antwort, die Kerkeling und mit ihm dieser Film gibt, ist von überzeugender Schlichtheit: durch die Liebe derer, die die Verantwortung für den Jungen übernehmen. Vor allem Oma Bertha (Ursula Werner), die mit 72 Jahren keine Minute zögert, zu dem Enkel zieht und erst einmal Rouladen kocht. Aber es ist auch das gesamte Verwandtschaftsgeflecht, das die Lebensgeister des Kindes aufrechterhält.

Genauso wie Kerkelings Buch ist auch dieser Film eine Ode an die Wirkungskräfte der Großfamilie – ein Modell, das es so in dieser Form im Zeitalter beruflicher Mobilität nur noch sehr selten gibt. Natürlich ist „Der Junge muss an die frische Luft“ ein ungeheuer sentimentales, aber auch ein ebenso aufrichtiges Werk, von dem man sich – sieht man von der etwas zu zielführenden Musikuntermalung ab – ohne faden Nachgeschmack zu Tränen rühren lassen kann. Link versteht, dass Komik und Tragik einander bedingen, lässt die gegensätzlichen Elemente miteinander verschmelzen und trifft damit die Essenz des Kerkelingschen Geistes.

Hat am Ende selbst einen Mini-Auftritt: Hape Kerkeling. Foto: Warner Bros. Pictures

„Der Junge muss an die frische Luft“ (Deutschland 2018), Regie: Caroline Link, mit Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring, Hedi Kriegeskotte, 95 Min., FSK: ab 6

(Aachen: Capitol, Cineplex, Eden; Alsdorf: Kinopark; Erkelenz: Gloria)