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Biopic: „Astrid“ zeigt die Wendejahre der Astrid Lindgren

Biopic : „Astrid“ zeigt die Wendejahre der Astrid Lindgren

Was für eine tolle, quicklebendige junge Frau, diese Astrid Ericsson (Alba August)! Sie lacht über die Protestanten-Predigt mit den vielen Drohungen. Ist zu klug, zu geistreich und gelangweilt von der Rolle eines braven Mädchens im ländlichen Schweden der Zwanziger Jahre.

Die Eltern sind nicht von ihrer wilden Art begeistert, auch die Jungs am Tanzabend nicht. Dann tanzt sie halt allein! Während die Mutter das herzlose Regime der Kirche zuhause fortführt, besorgt ihr der verständnisvolle Vater einen Job bei der Zeitung des Dorfes.

Genau das richtige, würde sich Astrid nicht in den Chef Blomberg (Henrik Rafaelsen) verlieben. Sie wird schwanger und die Kirche verhindert, dass Astrids eigene Familie das Kind aufnehmen könnte. Der Liebhaber muss die Ehefrau und das Gesetz fürchten, so zieht Astrid zu einer Sekretärinnen-Ausbildung nach Stockholm und bringt das Kind Lasse im fortschrittlicheren Dänemark zur Welt. Dort muss Lasse aber wegen Kirche und Gesetz auch bleiben, was Astrid kaum ertragen kann.

Nun nimmt herzzerreißende Entfremdung vom eigenen Kind einen großen Teil ein, Lasse wächst schnell, viel Zeit vergeht, Astrid besucht ihn und die Ersatz-Mutter Marie (Trine Dyrholm) gelegentlich. Dabei hört man Briefe von jungen Lesern, die das Gezeigte sehr deutlich mit vielen bekannten Geschichten und Figuren verbinden. Die Traurigkeit von „Mio, mein Mio“ oder „Die Brüder Löwenherz“ entstammt also dieser Lebensphase der Kinderbuch-Autorin.

„Astrid“ erzählt einen Teil des Lebens von Astrid Lindgren, der Autorin von „Pippi Langstrumpf“, „Ronja Räubertochter“ und „Michel aus Lönneberga“. Zu selten blitzt im weiteren Verlauf die kecke Pippi hervor, der Film reduziert Astrid auf die unglückliche Mutter. Nur eine, wenn auch sehr dramatisch dargestellte Phase aus dem auch ansonsten bewegten Leben der außerordentlichen Frau. Wäre es pure Fiktion, hätte man dem Drehbuchautor das Rührstück so nicht durchgehen lassen. Überhaupt hätte „Astrid“ sicher etwas mehr Lindgren vertragen, auch die Kriegszeiten und die Tragik mit weiteren Todesfällen um sie herum geben packende Geschichten her.

Die Konzentration auf die Hauptfigur belohnt der Film mit einer großen Entdeckung: Hauptdarstellerin Alba August (Netflix: „The Rain“, Shooting Start der Berlinale 2018) lässt die Freude aufs Leben, auf neue Herausforderungen, die Sehnsucht nach dem eigenen Kind Lasse in Dänemark, die Enttäuschung durch den Liebhaber intensiv mitfühlen.

Das mit den Gefühlen kann auch Regisseurin Pernille Fischer Christensen hervorragend: Ihr tief erschütterndes Meisterwerk „Eine Familie“ (2010) über den selbst gewählten Tod eines Familienvaters blieb nachhaltig haften. Hier inszenierte sie allerdings eher brav und unauffällig - Pippi Langstrumpf und die junge Astrid hätten sich gelangweilt.

Astrid Schweden, BRD, Dänemark 2018 (Unga Astrid) Regie: Pernille Fischer Christensen, mit Alba August, Maria Bonnevie, Trine Dyrholm, Henrik Rafaelsen 123 Min. FSK ab 6.

(Aachen: Eden)