„Leid und Herrlichkeit“: Almodóvar in Bestform

„Leid und Herrlichkeit“ : Almodóvar in Bestform

Das „Achteinhalb“ von Almodóvar müsste „21 1/2“ heißen, denn diese autobiografische Geschichte einer Sinn- und Schaffenskrise ist schon der 22. Film des Spaniers. Bei Fellini war es der 9 im Jahr 1963. „Leid und Herrlichkeit“ ist mit viel Depression und Melancholie kein Meisterwerk, aber als erstaunlich ruhiger Almodóvar sehenswert.

Aus Anlass der Wiederaufführung seines letzten Films vor 30 Jahren wird Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) mit seinem zerstrittenen Hauptdarsteller Alberto Crespo (Asier Etxeandia) und der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Dabei hatte er sich nach einer schweren Rückenoperation und dem Tod der Mutter endgültig in Krankheiten und Depression zurückgezogen. Doch der alte Mann ist immer noch neugierig - auf das Heroin, das Alberto raucht.

Der entdeckt im Computer vom schlafenden Mallo ein unveröffentlichtes Manuskript. Während der Schauspieler nun für dieses Stück namens „Die Abhängigkeit“ absolut clean sein will, wird der Autor immer abhängiger. Bis seine alte Liebe Federico (Leonardo Sbaraglia) sich nach 30 Jahren selbst in dieser Theatervorstellung erkennt. Es ist schön, die bärtigen alten Herren in der Wiedersehensfreude zu erleben. Sie stehen spürbar immer noch aufeinander.

Doch die vorherrschenden Stimmungen sind Depression und Melancholie mit einem Hauch Humor. „Ich war der einsamste Mensch, den der Tod jemals gesehen hat“, liest Mallo beim Portugiesen Joaquim Paço d'Arcos. Die Erinnerung an die Kindheit in den Höhlenwohnungen von Paterna, der Abschied von der Mutter mit einer Aussprache als gefühlvolle und liebevolle Pflichtübung sind Rückblenden in warmen Farben aus dem „Kino meiner Kindheit“.

Die popigen Töne von Almodóvars früheren Filme blitzen ab und zu auf. Die autobiografischen Elemente sind unübersehbar, wenn ein Script „Die erste Begierde“ heißt, in Anlehnung an „Das Gesetz der Begierde“ aus 1987. Doch eine Lebensbeichte ist es nicht - zum Glück hörte der spanische Meister nicht vor 30 Jahren mit dem Filmen auf. So erleben wir Banderas, der seit über 30 Jahren mit Almodóvar zusammen arbeitet, als alten Mann. Das andere Familienmitglied Penélope Cruz hat nette Szenen und ein himmlisches Schlussbild. Auch mit dem Kameramann José Luis Alcaine („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“) gibt es eine jahrelange künstlerische Freundschaft.

So ist Nummer 22 weniger raffiniert, weniger melodramatisch, zurückhaltender auch von der Musik her als alle anderen Werke zuvor. Niemand ist schrill, selbst die Frauen nicht. Nur die eine Geschichte von der fieberhaften ersten Begierde des Knaben wird rund. Das gesamte Werk dieses großen Künstlers der letzten Jahrzehnte erlebt mit „Leid und Herrlichkeit“ keine Vollendung, aber eine schöne, gefühlvolle und selbstverständlich kunstvolle Abrundung.

Leid und Herrlichkeit Spanien 2019 (Dolor y Gloria) Regie: Pedro Almodóvar, mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Penélope Cruz 113 Min.

Aachen: Apollo

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