1. Freizeit

Leverkusener Museum für Gegenwartskunst: Junge Kunst in barocker Pracht

Leverkusener Museum für Gegenwartskunst : Junge Kunst in barocker Pracht

Besonders die Gegensätze machen einen Besuch in Schloss Morsbroich und seinem Park so reizvoll. Zwischen historischen Mauern überrascht das Leverkusener Museum für Gegenwartskunst.

Vielleicht sind es die Gegensätze, die den Besuch in Schloss Mors­broich und seinem Park so reizvoll machen: barocke Architektur und Ausstattung sowie sehr moderne Kunst im Skulpturenpark rund um die Schlossanlage. Und in den wechselnden Ausstellungen im Inneren. Dabei hat hier niemals ein Fürst oder gar König residiert, sondern eher Untergebene, die es geschickt verstanden haben, sich die Gunst etwa des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs Clemens August zu erwerben. Letzteren kennen wir als Bauherrn des Brühler Schlosses oder des heutigen Hauptgebäudes der Bonner Universität.

Wechselnde Besitzer, darunter lange Zeit der Deutsche Ritterorden, haben ihre Spuren hinterlassen. Immerhin – im Zweiten Weltkrieg blieb es von Zerstörung verschont und konnte so in den ersten Nachkriegsjahren seiner Bestimmung als Museum übergeben werden. Der Gründungsauftrag lautete 1951, „ständige Ausstellungen lebender Künstler zu veranstalten“. Nach mehr als 60 Jahren ununterbrochener Aktivität wird deutlich, dass das Museum eine Vielzahl bedeutender Ausstellungen organisiert hat. Heute erinnert das Museum an diese Geschichte.

Viele der Kunstwerke im Park könnten Geschichten erzählen, manche haben eine Botschaft. Bleiben wir zunächst in der Natur rund um das Schloss. 14 Objekte regen die Aufmerksamkeit der Besucher an. Hinzu kommen in der weiteren Parklandschaft weitere vier Skulpturen. Das ist die Dauerausstellung.

Dr. Hase im weißen Kittel: Künstler Simon Schubert lädt derzeit in seine Schau „Schattenreich“. Foto: zva/Martin Thull

Unmittelbar vor der Haupttreppe ins Schlossinnere steht eine Brunnenschale mit vier Zugängen. Der dänische Künstler Jeppe Hein nennt sie „Water Island“. Die kreisförmige Wasserwand verändert sich ständig. Eine geheimnisvolle Programmierung der Fontänen erlaubt es, das Innere trockenen Fußes zu betreten, sich vom Wasser umhüllen zu lassen und im geeigneten Moment diese Insel wieder zu verlassen. Nicht nur Kinder können so moderne Kunst spielerisch erleben.

Vom Hochsitz zur Tür aus Stein

Sind wir an dem Brunnen, haben wir ein anderes Objekt bereits „links liegengelassen“: den Hochsitz, den Francis Zeischegg für die Ausstellung „Jäger & Sammler in der zeitgenössischen Kunst“ eigens für diesen Platz entworfen hat. Die Künstlerin nennt ihn „Blind“, so lautet der englische Begriff für das Jagdversteck. Der für alle Besucher begehbare Hochsitz schützt den Beobachter vor den Blicken seines Umfelds, gibt andererseits aber auch nur einen begrenzten Blick frei. Die schachtartigen, mit Lochgittern versehenen und daher nur zum Teil transparenten Fenster zitieren die Fensteröffnungen, wie sie an Beobachtungsbunkern von DDR-Grenzanlagen zu finden waren. „Blind“ ist damit eine Mischung aus Forstbauwerk und Überwachungsarchitektur.

Umrundet der Besucher das Hauptgebäude, gelangt er über eine schmiedeeiserne Brücke in eine Art Freigelände. Zweierlei beeindruckt: drei schutzwürdige sehr alte Bäume – eine Rotbuche, eine ahornblättrige Platane sowie eine Blutbuche. Kunst, die die Natur geschaffen hat. Und von Ferne „grüßt“ silberglänzend Erich Hausers unbetitelte Skulptur, die an ein überdimensionales Kissen erinnert. Weniger elegant zeigen sich zwei weibliche Akte, die Arnold d’Altri entworfen hat. „Genien“ nennt er den 1949 geschaffenen Betonguss.

Geradezu pompös barock: Im Spiegelsaal des Schlosses strahlt ein großer Kronleuchter - bei Konzerten, Lesungen oder Trauungen. Foto: zva/Martin Thull

Die „Tür aus Stein“ erhebt nicht einmal den Anspruch, sich zu schließen oder zu öffnen. Der Trachyt ist zu schwer und erinnert eher an römische Grabtafeln. Pinuccio Sciola hat diese Tür, die monolithisch auf der Wiese steht, 1985 geschaffen. Er sieht darin das Angebot zu einer Tür wie beispielsweise bei „Alice im Wunderland“ – vielleicht ein Eingang in eine andere Welt oder der Ausgang aus ihr heraus.

Von den Autobahnverteilerkreisen in Köln und Bonn kennen wir die meterhohen roten Säulen von Lutz Fritsch. Vor dem Schloss, leicht zu übersehen, steht ein kleiner „Bruder“. „Maßlos“ erinnert an einen Vermessungsstab und ist hier eine Markierung im Raum, ein roter Strich in der Landschaft.

Begeben wir uns ins Innere des Schlosses, so wirken die Räume im Erdgeschoss bei Sonnenschein lichtdurchflutet. Der Spiegelsaal ist geradezu pompös barock, der große Kronleuchter strahlt bei besonderen Anlässen, bei Konzerten und Lesungen etwa. Oder auch, wenn hier standesamtliche Trauungen stattfinden. Das gegenüberliegende Kaminzimmer ist eher düster, wie eine Höhle bietet es dem Besucher in den tiefen Sofas eine gewisse Geborgenheit.

Das Besondere an diesem Museum ist der Umstand, dass es keine Dauerausstellung der eigenen Sammlung anbietet, sondern stets wechselnde Präsentationen junger Kunstschaffender, die – wenn es die Thematik oder das Genre erlauben – durch eigene Sammlungsobjekte ergänzt werden. Das kann zu verblüffenden Erlebnissen führen, etwa wenn aktuell Simon Schubert sein „Schattenreich“ zeigt (noch bis zum 19. April 2020). Weiß ist die vorherrschende Farbe – wenn man Weiß denn als Farbe versteht. Der in Köln lebende Schubert entführt die Besucher in eine Pa­rallelwelt mit weißen Wänden aus gefaltetem Papier, mit doppelten Böden, perspektivisch verzerrten oder optisch erweiterten Räumen. Alles rundum weiß, der Gast wird gebeten, einen Überzieher über seine Schuhe zu streifen oder in große Pantoffeln zu schlüpfen.

Der Besucher begegnet rätselhaften Wesen wie dem entspannt auf einem Orientteppich platzierten überlebensgroßen (Oster)Hasen – vielleicht ist es aber auch das Kaninchen aus „Alice im Wunderland“? Oder einem kleinen Mädchen, das aus jeder Perspektive eine Ansicht von hinten bietet. Kein Gesicht, sondern eine Langhaarfrisur, die den Kopf rundum bedeckt. Das „Selbstbildnis“ ist eine Vitrine, deren Inhalt an einen Chemiebaukasten erinnert, als würde der Mensch auf seine chemische Zusammensetzung zurückgeführt.

In einer Ecke steht ein Rollstuhl, ganz in Schwarz mit einem roten Bremshebel. Und der Besucher vermag auf den ersten Blick nicht gleich zu unterscheiden, ob dieser auch zur Ausstellung gehört oder vielleicht einfach nur in einer Ecke abgestellt wurde. Selbst die riesigen Pantoffeln und Überzieher am Eingang zu dieser Schau wirken auf den ersten Blick wie ein, wenn auch eigenartiges, Stillleben.

Es ist ein Museum, wie es sein sollte. Es macht neugierig, schickt Augen und Ohren auf Entdeckungsreise, überrascht. Und dazu kann der Besucher noch im Park spazieren und die Gegensätze dort auf sich wirken lassen. Hier zeigt sich, dass „Kunst“ ein sehr weiter Begriff sein kann.