Der „Wilde Weg“ im Nationalpark Eifel: Im „Rolli“ über den Kermeter

Der „Wilde Weg“ im Nationalpark Eifel: Im „Rolli“ über den Kermeter

Das Sonnenlicht blitzt durch die Baumkrone am frühen Nachmittag. Auf einem Parkplatz mitten in einem Waldstück auf dem Eifeler Bergrücken namens „Kermeter“ hält ein roter Wagen. Die Fahrerin arbeitet sich auf ihre eigene Weise aus dem PKW hinaus, packt und klappt mit geübten Griffen einen Rollstuhl aus, in dem sie kurze Zeit später sitzt.

Rita Breuer, gelernte Bankkauffrau und ehemalige Teilnehmerin der Paralympischen Spiele in Barcelona, möchte den Nationalpark Eifel näher kennenlernen. Kein Problem auf dem barrierefreien „Wilden Weg“ im Erlebnisraum „Wilder Kermeter“. Die Infrastruktur an dieser Stelle im Wald, die zwischen Wolfgarten, Mariawald und Schwammenauel zu finden ist, ist beachtlich. Sanitäre Anlagen gibt es am Einstig des „Wilden Weges“ ebenso wie eine behindertengerechte Toilette, die mit einem „Euroschlüssel“ geöffnet werden kann.

Tobias Wiesen, Mitarbeiter des Fachgebiets Kommunikation und Naturerleben im Nationalpark Eifel, begleitet Rita Breuer heute, obwohl diese den Weg Dank der besonderen Baumaßnahmen auch ohne Begleitung hätte zurücklegen könnte. Die rund 1,7 Kilometer lange Route „Wilder Weg“ weist auf dem steilsten Stück ein maximales Gefälle von sechs Prozent auf. Wer mit diesem als Lehrweg angelegten Rundweg noch nicht genug hat, der kann sich auf ein weiteres, barrierefreies Stück, das nochmal 4,5 Kilometer lang ist, in Richtung Hirschley begeben. Das Stück zur Hirschley im „Wilden Kermeter“ wurde 2011 ins Leben gerufen, der Wilde Weg im Jahr 2014.

Das Wegenetz ist geeignet für Menschen mit Einschränkungen, dazu zählen auch Gehörlöse und Blinde. Über einen gut 200 Meter langen Holzsteg, der zum Teil bis zu zwei Meter über dem Waldboden schwebt, betritt der Besucher des „Wilden Weges“ den Wald. Für Rollifahrer ist der Untergrund optimal ebenso wie für Fußgänger, da es sich bei dem Holz am Boden um geriffelte und damit griffige Douglasie handelt. Die zaunartigen Absturzverhinderungen rechts und links sind aus Robinie, zudem gibt es einen Handlauf in Form eines Seiles, an dem sich auch Blinde exzellent orientieren können.

Über Baumstämme: Dieser Kletterpfad ist nicht barrierefrei, für Kinder und Jugendliche ohne Handicap ein schönes Zusatzangebot. Foto: klinkhammer Gudrum/klinkhammer Gudrun

Tobias Wiesen versichert, dass auch bei Regen der Untergrund nicht glitschig wird, sondern seine Griffigkeit behält. An diversen Stationen wird im Laufe der gemütlichen Wanderung die regionale Fauna und Flora erklärt. Diese Erklärungen gibt es auf Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch und in leichter Sprache. Die leichte Sprache beinhaltet Fakten in wenigen, schlichten Worten. Nach dem Einstieg erfolgt als eine der ersten Stationen die „Pilzstation“. Wie weitere Halte- und Lehrpunkte auf dieser Tour ist die Pilzstation mit einer großen, einladenden Sitzbank ausgestattet und überdacht.

In Holz gefertigt und als Foto werden die schwammartigen Baumbewohner präsentiert und beschrieben. Weiter geht es zum begehbaren, nachgestellten Baumstamm. Darin werden Wege von Borkenkäfern wie dem Buchdrucker oder dem Kupferstecher etwa in Form eines Fraßgangs nachgezeichnet. Die Nadelbäume links und rechts des Weges harzen an auffallend vielen Stellen, was darauf hinweist, dass der Borkenkäfer zuschlägt, wie Tobias Wiesen ausführt. In diesem Jahr ist der Borkenkäferbefall von Bäumen leider keine Seltenheit. Weiter geht es durch den Wald, nun aber auf einem wassergebundenen Untergrund, der für Rollifahrer auch gut geeignet ist.

Die Distanz zum Wald auf dem höher angeordneten Weg ist vorbei, nun ist der Besucher mittendrin im Nationalpark Eifel. Eine Station mit Tierabbildern, die aus Cortenstahl gefertigt wurden, zeigt, welche Tiere bereits im Nationalpark Eifel beheimatet sind, etwa die Wildkatze und natürlich das Rotwild. Die Station zeigt aber auch, welche Arten zudem noch hier Fuß fassen könnten, etwa der Bär, der Wisent oder der Luchs.

Foto: nationalpark forstamt eifel

Was Rita Breuer besonders zu schätzen weiß, sind die Sitzbänke am Wegesrand mit viel Platz drumherum und die dazugehörenden Tische, die ebenfalls kompatibel mit Rollifahrern und ihren speziellen Anforderungen sind. Die Station „Urwalddimensionen“ zeigt die Entwicklung des Buchenwaldes auf, ein Ruheplatz mit geschwungenen Bänken jeweils in Form eines Buchenblattes lädt zum Verweilen und zum Studium der Baumkronen ein.

An der so genannten Forscherstation verlässt der Besucher den Wald und findet sich auf einer Lichtung wieder, die mit einer überdachten Infostation lockt, in der auch Schulungen und Infoveranstaltungen durchgeführt werden können aufgrund der wie in einem Hörsaal angeordneten, zahlreichen Sitzmöglichkeiten. Des weiteren gibt es an dieser Stelle einen Kletterpfad, der über umgestürzte Baumstämme hinauf und hinab führt.

Barrierefrei ist dieser Kletterpfad nicht, aber Kinder und Jugendliche nehmen das abenteuerlich anmutende Angebot besonders gerne wahr, während die Eltern beziehungsweise Begleiter sich in aller Ruhe auf einer der entsprechend ausgerichtet aufgestellten Bänke niederlassen und ihren Nachwuchs bestens im Auge behalten können. Hunde dürfen übrigens auf den Weg mitgenommen werden, solange sie angeleint bleiben.

Schwamm oder Lamelle? An der Pilzstation gibt es Erklärungen zu diesen besonderen Waldbewohnern. Foto: klinkhammer Gudrum/klinkhammer Gudrun

Die letzte Station auf dem Wilden Weg, der bei entsprechendem Interesse für die einzelnen Stationen durchaus zwei Stunden in Anspruch nehmen kann, beinhaltet eine Ansammlung von Zitaten zum Thema Wald. „Wo der Mensch die Natur tötet, trifft er seine eigene Seele“, soll etwa Kardinal Paolo Bertoli gesagt haben. Wer den Wilden Weg als Rundweg laufen möchte, der hält sich weiterhin linker Hand und landet dann nach einigen Hundert Metern wieder auf dem Parkplatz, dem Ausgangspunkt der Wanderung.

Wer noch nicht genug hat, der kann sich rechter Hand halten und das barrierefreie Wanderangebot bis hin zur Hirschley und dann allerdings auf dem gleichen Weg auch wieder zurück nutzen. Als Rundweg ist die Tour zur Hirschley für Menschen mit Einschränkungen nicht unbedingt geeignet, da das letzte Stück, würde man den Weg zur Hirschley als Rundweg gehen, eine größere Steigung aufweist als die für die Barrierefreiheit vorgeschriebenen sechs Prozent. Für die Orientierung befinden sich vor Ort Karten und Schautafeln.

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