„Alles unter dem Himmel“: Im Ostasiatischen Museum in eine fremde Welt eintauchen

„Alles unter dem Himmel“ : Im Ostasiatischen Museum in eine fremde Welt eintauchen

Rettich? Der Weltbürger kennt sich aus. Im Zweifel schaut er bei Google oder Wikipedia nach. Und erfährt dort, dass die Rettiche eine Pflanzengattung in der Familie der Kreuzblütengewächse bilden.

Schon im alten Ägypten wurde der Rettich – einer anderen Quelle zufolge – als heilkräftige Nahrungspflanze geehrt. Die Erbauer der Pyramiden erhielten demnach neben Rettich auch Zwiebeln und Knoblauch als Nahrung, um gesund genug für die harte Arbeit zu sein.

Und dann steht der Besucher des Museums für Ostasiatische Kunst (MOK) in Köln vor der Tuschezeichnung eines übergroßen Rettichs. Und ihm wird erklärt, dass der Künstler Ikeno Taiga (1723-1776) darauf anspielt, dass die Buddha-Natur und das Potenzial zur Erleuchtung allen Lebewesen innewohnt. In einem Bild von Buddhas Eingehen in das Nirwana habe ein Maler sogar den sterbenden Buddha in einer Zeichnung durch einen Rettich ersetzt.

Fremdes vertraut machen

Was für einen Europäer schwer nachzuvollziehen ist, mag umgekehrt auch für einen Buddhisten gelten. Wie ist ihm zu vermitteln, dass Christen in der Taube das Symbol für den Heiligen Geist sehen? Oder welche Bedeutung Brot und Wein für Christen bei Eucharistie oder Abendmahl besitzen? Museum als Lernort – hier ist die Erfüllung dieser Aufgabe immer wieder neu zu erleben.

Natürlich gehören auch zahlreiche Buddha-Figuren zur Ausstellung. Foto: Thull

Das ist ein Beispiel, wie viel der europäisch aufgewachsene Besucher in diesem Museum lernen kann. Sich Fremdes vertraut machen, oder zumindest einmal die Perspektive wechseln, andere Denk- und Lebensweisen kennenlernen, einen Hauch anderer Kulturen erschnuppern.

Die Ankäufe aus 40 Jahren

Die Sonderausstellung „Alles unter dem Himmel“ (noch bis 30. Juni 2019) bietet aber neben dieser Art Schnupperkurs einen Überblick über die Neuzugänge des Museums in den vergangenen 40 Jahren. Hochkarätige Ankäufe wurden möglich, nicht zuletzt durch Dauerleihgaben der Peter-und-Irene-Ludwig-Stiftung. Ob es sich um Schreibkunst der japanischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, buddhistische Skulpturen des 6. bis 16. Jahrhunderts, Gelehrtenmalerei, klassische chinesische Möbel oder ein Prinzessinnengewand aus dem 18. Jahrhundert handelt – zusammen genommen bilden diese in thematischen Gruppen präsentierten Kunstwerke ein facettenreiches, asiatisches Universum. Der Besucher kann eintauchen in fremde Welten. Einige Beispiele mögen neugierig machen:

Denn der Besucher kann Entdeckungen machen – etwa wie im 17. Jahrhundert die Pinseltechnik vereinfacht und radikal verkürzt wird. Der Kenner mag Parallelen zur farbenfrohen europäischen Malerei des 20. Jahrhunderts sehen. Wobei in Ostasien die schwarze Tusche vorherrschend zu sein scheint. Und die Kalligraphie.

Großen Raum nehmen Grabbeigaben aus bunter Keramik ein, die teilweise an Puppenstubenmobiliar erinnern. Gräber waren nach diesem Verständnis „Wohnungen für die Ewigkeit“. Und deshalb sollte der Tote die Annehmlichkeiten des Lebens im Miniaturformat genießen können.

Oder der Gelehrtenschreibtisch aus dem 17. Jahrhundert, den Irene Ludwig dem Museum zur Verfügung stellte. Die Szene zeigt das typische Ambiente des Literaten: auf dem Schreibtisch ein tragbarer Kasten mit Schubfächern für Dokumente, Tusche und Siegel. Und einen „Literatenstein“ als Sinnbild für den Kosmos.

Sehnsüchtig aufs Meer schauen

Farbig wird es bei einem Fächer, der den Prinzen Genji zeigt, der während seines Exils sehnsüchtig auf Schiffe im Meer blickt. Eine Laute aus Japan ist mit einem viereckigen Korpus gefertigt, hat vier Saiten und eine Spitze, mit der sie auf den Boden Halt finden sollte. Die Laute spielte der Musiker in einer ähnlichen Haltung wie ein Cello.

Eine japanische Laute mit quadratischem Korpus und vier Saiten: Der Musiker spielte sie ähnlich wie ein Cello. Foto: Thull

Sie wurde mit anderen Instrumenten als Hintergrundmusik im Puppentheater und zur Volksmusik eingesetzt. Beim Porträt von General Mingliang (1735-1822) erfahren wir, dass es Jesuitenmissionare gefertigt haben, die als Hofmaler beschäftigt waren. Die Szenen von Strafvollzug durch Folter und Hinrichtung zeigen dann die Grausamkeit der damaligen Herrscher.

Asiatische Porzellankunst

Aus dem Wrack eines 1752 gesunkenen niederländischen Frachtschiffes stammt ein Spucknapf, damals ein beliebtes Exportgut für die bürgerlichen Häuser in Europa. Oder einfach nur ein attraktives Porzellanschmuckstück aus Asien für den Geschirrschrank in Amsterdam oder Berlin.

Eine der Attraktionen der ständigen Sammlung sind neun Bronzeglocken. Sie sollen die Ahnengeister im Jenseits günstig stimmen. In Köln wird das einzige vollständige Glockenspiel der Periode von 850 bis 650 vor Christus außerhalb Chinas gezeigt  – und bespielt. Wird ansonsten eher das Auge angesprochen, so erleben hier zu jeder vollen Stunde die Besucher das Glockenspiel. Eine zu Beginn fremd wirkende Tonfolge, die aber in zwei eher meditative Melodien überleitet. Die Präsentation von einem Datenträger dauert etwa zehn Minuten. Und die Zeit sollte der Besucher aufbringen für diesen wichtigen zusätzlichen Eindruck.

Ein Dokument der japanischen Textilkunst: Die Staatsrobe aus dem frühen 19. Jahrhundert trug wahrscheinlich eine kaiserliche Kurtisane oder eine Prinzessin. Die Farben sind sorgsam ausgesucht und die Motive mit großer Detailgenauigkeit gewebt. Foto: Thull

Ganz in der Nähe ist ein Gelehrtenstudio mit „Tagesbett“ aufgebaut. Die Möbel sind von einer zeitlosen Schönheit und erinnern in Teilen an Jugendstilarbeiten. Die Staatsrobe einer kaiserlichen Kurtisane oder Prinzessin zeigt die hohe Handwerkskunst in der Textilbearbeitung im frühen 19. Jahrhundert. Der in einer Nische hockende Bodhisattva Guanyin aus dem 14./15. Jahrhundert aus China mag an Heiligenfiguren in unseren Kirchen erinnern.

In der „Korea-Abteilung“ fasziniert ein „Knabenhafter Diener“ aus Holz aus dem 17./18. Jahrhundert. Der Knabe gilt als Sinnbild kindlicher Reinheit und Unschuld. Er hält einen Phoenix wie ein Spielzeug in beiden Händen vor der Brust. Und wir erfahren, dass vergleichbare Figuren sich im buddhistischen Kontext als Begleiter der zehn Höllenkönige finden. Beenden wir den Rundgang mit einer fünfteiligen Medizindose aus Elfenbein mit Lackdekor sowie Gold- und Silberstreifen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Buddhistische Skulpturen aus verschiedenen Jahrhunderten zwischen dem 6. und 16. Jahrhundert bereichern die Kunst an den Wänden. Hier wird zum Teil die japanische Avantgarde des 20. Jahrhunderts gezeigt. Foto: Thull

Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln ist inzwischen das einzige seiner Art in Deutschland. Das Gebäude plante der japanische Architekt Kunio Maekawa, 1977 wurde es eingeweiht. Um einen japanischen Innengarten mit Wasser, Kies, Steinen und einer sparsamen Bepflanzung sind die flachen Bauten für ständige Sammlung und Sonderausstellung gruppiert. Der Blick auf den Aachener Weiher, der weitläufige Park und der nahegelegene Melatenfriedhof als besonderes Zeugnis Kölner Stadtgeschichte machen einen Ausflug über das MOK hinaus zu einem Erlebnis.

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