Gewebter Reichtum: Fotoschau in Euskirchen über die regionalen Tuchmacher

Gewebter Reichtum : Fotoschau in Euskirchen über die regionalen Tuchmacher

Das LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller in Euskirchen zeigt den Wohlstand der Fabrikanten und die Mühen der Arbeiter. Eine aktuelle Fotoausstellung ergänzt das Bild der Tuchmacher-Industrie.

Strukturwandel ist ein aktueller Begriff und bezieht sich derzeit auf den Kohleausstieg und die zunehmende Digitalisierung, die althergebrachte Gewohnheiten infrage stellen, wenn nicht gar überholen. Einen radikalen Strukturwandel hat bis in die 1960er Jahre hinein die Textilindustrie in der Region um Aachen diesseits und jenseits der Grenzen erlebt: eine Tuchfabrik nach der anderen musste schließen.

Die Arbeitsgruppe „Euregio Wollroute“, die 2004 mit Teilnehmern aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland entstand, hat sich zum Ziel gesetzt, die Bauten und Museen der gemeinsamen Wolltuch-Geschichte wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Beteiligt sind Tourismusexperten, Historiker und Museumsfachleute.

Dass mit dieser Industrie drei Jahrhunderte erfolgreich und profitabel gewirtschaftet wurde, zeigt eine Fotoausstellung im LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller in Euskirchen. Der Fotograf Willi Filz hat Zeugnisse aus der Vergangenheit anspruchsvoll fotografiert. Und lässt so goldene Zeiten in Verviers, Monschau, Euskirchen, Vaals, Eupen und Aachen wiederaufleben.

Das repräsentative Von-Clermont-Haus in Vaals, das heute als Rathaus genutzt wird. Foto: Willi Filz

Die Tuchfabrikanten verdienten zeitweise offenbar sehr gut. Und sie zeigten ihren Reichtum auch gerne nach außen, indem sie repräsentative Fabrik- und Wohnbauten errichten ließen. Viele werden heute in anderer Funktion immer noch genutzt. So ist das Tuchkaufmannshaus „Grand Ry“ in Eupen heute Sitz der Regierung der deutschsprachigen Gemeinschaft, das Von-Clermont-Haus in Vaals ist heute das Rathaus der niederländischen Nachbarstadt von Aachen.

Das Tuchmacherhaus am Markt in Eupen ließ ein Mitglied der weit verzweigten Familie, Tuchkaufmann André de Grand Ry, im 18. Jahrhundert bauen, heute beherbergt das Gebäude Verlag und Redaktion des „Grenz-Echos“, der deutschsprachigen Tageszeitung Ostbelgiens. Die „Barockfabrik“ in Aachen dient kulturellen Bürgerinitiativen und der Puppenbühne „Oecher Schängche“ als Heimstatt.

Links: Zahlreiche Maschinen verdeutlichen, wie hochwertiges Tuch entstand. Mit dieser Apparatur wurde die Wolle zum Spinnen vorbereitet. Foto: Martin Thull

Die Fotos von Willi Filz zeigen Gebäude, keine Menschen. Kein Wunder, denn die Menschen, die in diesen Gebäuden gearbeitet haben, gibt es nicht mehr. Es sind die Mauern, die sprechen. Sie zeugen vom ästhetischen Empfinden der Bauherren, die Wert auf Repräsentation legten und nicht zuletzt die Konkurrenz beeindrucken wollten. Sie hatten es nicht nötig, sich und ihr Tun zu verstecken. Gelegentlich dachten sie dabei aber auch an ihre Arbeiter und deren Familien, wie etwa in Verviers mit der Arbeitersiedlung „Les Grandes Rames“, der wahrscheinlich ältesten auf dem europäischen Kontinent.

Die Wollroute in der Euregio Maas-Rhein – das war in den letzten 300 Jahren die Hochburg der Wolltuchproduktion. Wolltuche aus der Region waren weit über die Grenzen der Region bekannt. Tausende Menschen arbeiteten bereits seit dem 18. Jahrhundert für die Tuchverleger in Eupen, Monschau, Vaals und Verviers. Mit der Einführung der Dampfmaschinen und der Eisenbahn verlagerten sich die Schwerpunkte der Produktion in die Fabriken in Städten am Rande der Eifel mit Eisenbahnanschluss – nach Aachen, Euskirchen und Verviers. Ab den 1950er Jahren wurde die internationale Konkurrenz immer stärker, und in den 60er Jahren mussten fast alle Tuchfabriken der Region ihren Betrieb einstellen. Heute gibt es kaum noch Tuchproduktion in der Euregio Maas-Rhein, aber zahlreiche herausragende Denkmäler und Museen dieser großen Ära.

Ein historisches Musterbuch in der Tuchfabrik Müller. Foto: Martin Thull (2). Foto: Martin Thull

Das LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller ergänzt die Fotoausstellung anschaulich: Mächtige Krempelmaschinen kämmen Wolle, filigrane Spinnmaschinen formen einen feinen Garnfaden. Die Webschützen sausen hin und her. Aus loser Wolle wird feines Tuch gefertigt. Und wenn die alten Webstühle wieder losstampfen, dann bekommt der Besucher einen Eindruck davon, unter welchen harten Bedingungen jahrhundertelang Tuch hergestellt wurde. Dabei ist es in der Weberei vor allem laut. In anderen Fertigungsbereichen stank es nach den Chemikalien der Farbe, Dampfwolken zogen durch die Räume, wenn die Wolle gewaschen wurde, es war heiß und feucht, keine idealen Arbeitsbedingungen.

Und dann kommt man bei der öffentlichen Führung (anders ist eine Besichtigung der Fabrik nicht möglich) zu den Disteln. Auf schmalen Brettern aufgereiht sind Disteln aus Südfrankreich, deren feine kleine Stacheln auf Walzen das Tuch aufrauten. Aber nicht in zerstörerischer Absicht, sondern um es an der Oberfläche weicher zu machen. Und der staunende Besucher erfährt, dass dies auch heute noch mit diesem Naturmaterial geschieht, weil alle Versuche, Distelstacheln mit Metall oder Kunststoff „nachzubauen“, keine befriedigenden Ergebnisse zeigten. Disteln aus Südfrankreich, Merinowolle aus Südafrika oder Australien – frühe Zeichen einer Globalisierung, die der 1894 gegründeten Tuchfabrik Müller am Ende den Garaus machten.

Filme, kleine Installationen und Modelle unterstützen das Erlebnis der Fabrikwelt und erzählen von der Arbeit, vom faszinierenden Mechanismus der Transmission mit ihren zahllosen Rädern und Rädchen. Kurze Auszüge aus Interviews mit den ehemaligen Beschäftigten lassen deren Erfahrungen und Gefühle wieder lebendig werden.

Auch die Häuser in der Eupener Gospertstraße erzählen vom Reichtum, der durch die Tuchmacher-Industrie entstand. In der gesamten Region gibt es diese Zeugnisse, wie eine Ausstellung in der Tuchfabrik Müller in  Euskirchen zeigt. Foto: LVR Industriemuseum Willi Fils/Willi Filz

1988 übernahm das LVR-Industriemuseum die ehemalige Tuchfabrik Müller. Der einzigartige Gesamteindruck von Gebäuden, Maschinen und vielen tausend Inventarteilen sollte durch den Museumsbetrieb nicht beeinträchtigt werden. Trotzdem mussten die Gebäude natürlich umgestaltet werden, um den modernen Anforderungen eines Museums gerecht zu werden. So gibt es beispielsweise behindertengerechte Zugänge. Sensibel und liebevoll restauriert präsentiert sich die Tuchfabrik den Besucherinnen und Besuchern heute im „gepflegten Gebrauchszustand“ und fasziniert mit einer authentischen Atmosphäre.

Wie selbstbewusst die Tuchfabrikanten in der Blütezeit waren, das mag ein Spruch verdeutlichen, den in Vaals der Bauherr des heutigen Rathauses an den Giebel über dem Haupteingang schreiben ließ: „Spero invidiam“. Übersetzt heißt das: „Ich hoffe auf Neid“.