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Dunja Hayali im Interview: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“

Dunja Hayali im Interview : „Ich lasse mich nicht mundtot machen“

Sie gehört zu den profiliertesten Politjournalistinnen im deutschen Fernsehen: Dunja Hayali. Im Interview spricht sie über die neuen Folgen ihres ZDF-Politmagazins, Rassismus im Alltag und ihren Kampf gegen Beleidigungen im Internet.

Am Donnerstag startet im ZDF eine neue Staffel ihres Talkmagazins „dunja hayali“ mit einer Folge über Altenpflege. Im Gespräch mit Cornelia Wystrichowski erläutert die 46-Jährige Hayali, wie sie in den neuen Folgen aktuelle Themen wie Corona, Bildung oder Rassismus näher beleuchtet und spricht über Urlaubspläne sowie Anfeindungen im Netz.

Frau Hayali, in den Sommerwochen präsentieren Sie fünf neue Folgen Ihres Talkmagazins. Müssen Sie wegen Corona auf Studiopublikum verzichten?

Dunja Hayali: Leider ja. Das finde ich schade, weil mir der Austausch mit dem Publikum großen Spaß macht und weil mir die spontanen Reaktionen auf bestimmte Aussagen oder Gäste fehlen werden. Trotzdem ist es richtig, denn Abstandhalten ist das oberste Gebot, auch wenn viele glauben, Corona sei vorbei. Ich glaube das nicht.

Welche Rolle wird Corona in Ihrer Sendung spielen?

Hayali: Eine monothematische Corona-Folge planen wir nicht. Aber Covid-19 hat glasklar und ohne Rücksicht offengelegt, wo es in unserer Gesellschaft Nachholbedarf gibt, und das ist unter anderem die Pflege, die ja sowieso mein Herzensthema ist. Gleich in der ersten Folge kümmern wir uns um die Altenpflege, ich gehe dafür im Vorfeld in ein Altenheim und drehe eine Reportage, und im Studio wird mit Gesundheitsminister Jens Spahn ein Entscheidungsträger zu Gast sein. Wir überlegen außerdem, uns in den weiteren Folgen das Thema Bildung anzuschauen, häusliche Gewalt, Rassismus, Massentierhaltung, Integration nach über fünf Jahren „Wir schaffen das“, und noch mehr. Themen gibt‘s genug.

Ist es schwierig, in diesen Ferienwochen Entscheidungsträger zu finden, die als Talkgast zu Ihnen ins Studio kommen?

Hayali: Es ist nicht leicht. War es in den letzten Jahren nie, weil PolitikerInnen ja auch irgendwann mal Luft holen müssen, und dieses Jahr, nach den Corona-Monaten, die wir alle gemeinsam durchgestanden haben, gilt das besonders. Außerdem ist parlamentarische Sommerpause. Aber wir nehmen die Herausforderung an.

Machen Sie selber auch Urlaub, wenn die Staffel vorbei ist?

Hayali: Ja, ich fahre ein paar Tage an die Ostsee. Die habe ich vor ein paar Jahren für mich entdeckt. Mit dem Hund am Meer spazieren zu gehen, zu kochen, Thriller zu lesen, Serien zu gucken, Fünfe gerade sein zu lassen, tut gut. Insbesondere wenn ich zuvor wochenlang unter Hochdruck mit meinem Team an der Sendung gearbeitet habe und selbst Reportagen gedreht habe.

Welche Reportagen zum Beispiel?

Hayali: Für die Ausgabe über Pflege bin ich in ein Altenheim gegangen, und für die geplante Sendung über fünf Jahre „Wir schaffen das“ stand ein Dreh im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos an.

Zuletzt wurden Journalisten mehrmals tätlich angegriffen. Haben Sie selbst bei Ihren Außeneinsätzen nun mehr Angst als zuvor?

Hayali: Wenn ich rausgehe und arbeite, bin ich so fokussiert, dass ich solche Gefühle nicht zulasse. Natürlich spielt es auch eine Rolle, wo man hingeht. Im Altenheim habe ich kein mulmiges Gefühl, aber wenn ich zu einem Neonazi-Konzert fahre, weiß ich, was mich erwartet. Ich lasse mich davon aber nicht abschrecken, das wäre ja noch schöner.

Ihnen persönlich brandet in den Sozialen Medien seit Jahren dumpfer Hass entgegen. Ist das schlimmer geworden?

Hayali: Der Hass und die Hetze sind subtiler geworden. Die Leute haben registriert, dass ich zweimal geklagt und zweimal gewonnen habe, dem wollen sie aus dem Weg gehen. Unsere Gesetze gelten online wie offline, und ich habe jedes Recht, sie anzuwenden, wenn jemand mich bedroht, beleidigt oder erniedrigt. Zwischendurch gab es eine Zeit, da hatte ich eine Schere im Kopf und habe mir vor jedem Posting fünfmal überlegt, ob ich mir wieder den nächsten Shitstorm antun will. Aber das ist ja genau das, was die wollen. Uns beziehungsweise mich mundtot machen, nur wir dürfen diese Idioten nicht bestimmen lassen, was wir sagen dürfen.

Klingt, als wären Sie eine ziemliche Kämpfernatur…

Hayali: Ich finde, das ist alternativlos. Aber vielleicht ist es auch nur meine Herzensbildung. Okay, oder mein Dickkopf.

Sie engagieren sich seit Jahren gegen Rassismus. Sind Sie froh, dass es nun eine breite gesellschaftliche Debatte über das Thema gibt?

Hayali: Ehrlich gesagt dachte ich schon vorher, die Debatte wäre in der Gesellschaft angekommen, aber das habe ich wohl überschätzt. Mein Engagement gegen Rassismus habe ich immer als Kampf für jede Minderheit begriffen. Durch George Floyd und die Rassismus-Debatte ist die Diskussion jetzt noch mal größer geworden. Das ist gut, weil Menschen jetzt sensibler werden und nicht zuletzt auch verstehen, dass es auch einen positiven Alltags-Rassismus gibt.

Wie äußert der sich zum Beispiel?

Hayali: Wenn jemand sagt: „Hey, du kannst gut tanzen, aber klar, du bist ja schwarz“, dann meinen das die meisten Menschen sicher nicht böse. Dass allerdings auch der sogenannte positive Rassismus ein No-Go ist und das Gegenüber verletzt, dafür ist genau jetzt die Zeit es zu erklären und den Wandel in den Köpfen und in der Sprache herbeizuführen.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung?

Hayali: Ich bin selbst Dinge schon tausend Mal gefragt worden: Wo kommst du her? Sag doch mal was auf Arabisch. Für eine Ausländerin sprechen Sie aber gut Deutsch. Aber derjenige weiß ja nicht, dass ich das schon zig Mal gehört und erklärt habe. Deshalb wäre es unfair, denjenigen abzukanzeln und ihm per se Rassismus vorzuwerfen – es kommt ja auch auf die Intention meines Gegenübers an. Wenn ich merke, dass jemand echtes Interesse hat, dann rede ich mit ihm. Wenn es ein Rassist ist, der mir mit seinen Fragen zu verstehen gibt, dass ich ja unmöglich Deutsche sein kann beziehungsweise hierher gehöre, spüre ich das sehr schnell, dann drehe ich mich um und sage: „Auf Wiedersehen, viel Spaß in deiner kleinen Welt.“

Unlängst haben Sie in einem Video gepostet, dass Sie sich eine Glatze schneiden und das Geld spenden, wenn Ihnen jemand 100.000 Euro schenkt. Sie durften Ihre Haare ja offensichtlich behalten.

Hayali: Das war eine spontane Idee, als ich in Datteln bei meiner Schwester war und von den finanziellen Problemen der dortigen Tafel und der Kinderklinik gehört habe. Aber noch während ich den Satz live gesagt habe, habe ich mir auf die Zunge gebissen. Und ehrlich gesagt bin ich dankbar, dass ich mir keine Glatze schneiden musste. Die 100.000 Euro sind am Ende nicht zusammengekommen, aber meine Follower haben kleine Beträge gespendet, und ich habe die Summe verdoppelt, so sind es jetzt ein paar tausend Euro geworden. Also danke an alle, die das mit unterstützt haben.