Buchautor Kaminer geht für 3sat dem Heimatgefühl auf den Grund

„Wie ein großes Muttermal“ : Buchautor Wladimir Kaminer auf der Suche nach einem Gefühl

Wladimir Kaminer hat sich auf die Suche nach dem „Heimatgefühl“ begeben. Was er dabei gefunden hat, zeigt eine dreiteilige 3sat-Dokumentation. Ein Gespräch über Bräuche, Riten und Knoblauch.

Er ist in Moskau geboren, lebt aber seit bald 30 Jahren in Deutschland: Der Bestsellerautor Wladimir Kaminer, der den Deutschen in seinen Büchern und TV-Reportagen regelmäßig den Spiegel vorhält. In seiner  dreiteiligen Dokumentation „Kaminer Inside – Auf der Suche nach dem Heimatgefühl“ (Mittwoch, 21. August, 20.15 Uhr, 3sat) erkundet der 52-Jährige in Deutschland, Österreich und der Schweiz, was Heimat eigentlich ausmacht und wieso der Begriff gerade wieder so aktuell ist. Wladimir Kaminer kam 1967 in der damaligen Sowjetunion zur Welt, machte eine Ausbildung zum Toningenieur und studierte Dramaturgie.

Im Sommer 1990 übersiedelte er nach Ost-Berlin und lebt seitdem in Deutschland. Kaminers 2000 veröffentlichter Erzählband „Russendisko“ machte ihn bekannt, seitdem schreibt der Autor in seinen Büchern mit humoristischem Unterton über die Eigenheiten der Deutschen und seinen Alltag als Familienvater. Wladimir Kaminer lebt mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg.

Herr Kaminer, in Ihrer neuen Dokureihe erkunden Sie das Thema Heimat. Wobei bekommen Sie selbst heimatliche Gefühle?

Wladimir Kaminer: Bei der Küche meiner Mutter. Sie ist 87 und kocht noch immer sow­jetisch – mit westlichen Produkten, weil sie in Berlin lebt. Sie hat diese Gerichte immer für meinen Vater gekocht, aber der ist schon tot, und aus meiner Familie will das sonst niemand essen, denn die sowjetische Küche ist teigig, fettig und irgendwie kindisch.

Was kommt denn zum Beispiel auf den Tisch?

Kaminer: Es gibt da einen Salat aus Eiern, Mayonnaise und Knoblauch, den mochte mein Vater sehr. Aber ich bin Schriftsteller, ich kann nicht jeden Tag Knoblauch essen, das kann ich meinen Lesern nicht antun. Niemand in meiner Familie will das essen, aber irgendjemand muss es tun, also esse ich es, obwohl ich nicht so ein großer Fan bin.

Wie definieren Sie den Begriff Heimat?

Kaminer: Heimat ist ein Ort, der den Menschen prägt. Ein Stück davon hat man immer mit sich, so wie ich die Sowjetunion, die es seit 30 Jahren nicht mehr gibt, noch immer im Herzen trage. Heimat ist wie die Eltern, etwas, das jenseits der kritischen Betrachtung steht. Man liebt die eigene Mutter ja auch nicht für besondere Eigenschaften, dafür dass sie toll aussieht oder gut singen kann. Mama ist Mama.

Gibt es im Russischen eine Entsprechung für das Wort Heimat?

Kaminer: Natürlich: Rodina. Das ist ein lustiges Wort, denn das ähnliche Wörtchen Rodinka bedeutet Muttermal, und Rodina ist sozusagen ein größeres Muttermal. Heimat als ein größeres Muttermal, das passt doch.

Sie haben Ihre sowjetische Heimat vor langer Zeit verlassen und leben seitdem in Deutschland. Haben Sie manchmal Heimweh?

Kaminer: Nein, gar nicht. Ich habe zwar noch heimatliche Gefühle, aber leider habe ich ja die Heimat nicht mehr, denn die Sow­jetunion ist über Nacht verschwunden. Deshalb war das Thema für mich so spannend. Es gibt heute eine Verflüssigung des Heimatgefühls, viele Leute schauen aus dem Fenster und haben den Eindruck, als wäre die eigene Straße auf Reisen gegangen. Dieses Gefühl kenne ich.

Ist Deutschland für Sie inzwischen zur Heimat geworden?

Kaminer: Für mein Verständnis kann Heimat nicht so groß sein, das ist etwas Kleines. Mein Bezirk in Berlin oder mein Dorf in Brandenburg, da habe ich Heimatgefühle, das sind Orte, wo ich mich mit geschlossenen Augen zurechtfinden kann.

Was macht das Thema Heimat gerade jetzt wieder so aktuell?

Kaminer: In einer immer globaler werdenden Welt heben die Leute die kleinen Unterschiede ihrer Orte immer deutlicher hervor, das ist doch nachvollziehbar. In Deutschland sind die Regionen sehr wichtig geworden. Wo ich auch hinkomme geht es um regionale Unterschiede, regionale Küche, eigene Volksfeste, dörfliche Trachten. Ich finde das super, weil das Deutschland umso spannender macht. Es ist wie ein Flickenteppich aus vielen kleinen Bräuchen und Riten.

Sind Heimatgefühle in der globalisierten Welt wirklich noch wichtig?

Kaminer: Heimatgefühle sind unheimlich wichtig, denn nur, wenn man sie liebt und hütet, in sich trägt, kann man die Heimat retten. Die Heimat wird ja nicht besser durch die Abneigung gegen das, was sich ändert, sondern dadurch, dass man über sie spricht, sie vielleicht auch besingt, sie einfach liebt. Dadurch kann sie sich erhalten.

Ist Heimat auch ein Begriff, der politisch missbraucht wird? Die Nähe zum rechten Rand ist ja immer latent vorhanden.

Kaminer: Der rechte Rand hat ein konservatives Bestreben, den Lauf der Zeit zu bremsen oder sogar den Rückwärtsgang einzulegen. Weil das aber zum Scheitern verurteilt ist, versuchen sie, mit dem Begriff Heimat an etwas anzuknüpfen, das nicht mehr da ist. Sie sagen: In Wahrheit sind wir alle Römer oder Nibelungen oder meinetwegen auch Nazis – Geschichten aus der Vergangenheit.

Was raten Sie jemandem, der nach Deutschland kommt und sich möglichst bald heimisch fühlen will?

Kaminer: Zuerst soll er so schnell wie möglich die Sprache lernen, denn ohne Kommunikation kann er hier nicht glücklich werden. Aber die meisten Menschen, die hierher kommen, wissen, warum sie kommen. Sie schätzen die Freiheit, sie schätzen die Möglichkeiten, die Deutschland den Menschen gibt. Deshalb erlernen sie die Sprache, studieren, suchen sich einen Job und haben ein neues Leben.

Gibt es auch so etwas wie ein europäisches Heimatgefühl?

Kaminer: Auf jeden Fall. Europa ist eine kulturelle Einheit, es gibt viele Gemeinsamkeiten. Es ist sehr schade, dass im europäischen Projekt immer über die Interessen der einzelnen Mitglieder gesprochen wird, über die Frage, welches Land mehr oder weniger vom Kuchen bekommt. Die gemeinsamen Werte sind die Trumpfkarte der EU. Man muss auch mal wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen, um Werte zu retten, nur sie können die EU retten.

Für die Reihe haben Sie sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz umgeschaut und mit Leuten gesprochen.

Kaminer: Die Menschen suchen immer das, was nicht mehr da ist – ihre Heimat. Manche suchen im Meer ihre Heimat, weil die Wellen das einzige sind, das unverändert bleibt. Egal wie sich Deutschland verändert, Ostsee bleibt Ostsee. Ich habe Menschen getroffen, deren Dörfer im Saalekreis geflutet wurden, dort ist ein künstlicher See entstanden. Da saßen die Leute am Ufer und stritten, wo irgendeine Garage früher stand, links von der Schule oder rechts davon. Dass da unter Wasser für jemanden noch Heimat liegt, war schon ziemlich skurril.

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