Spielend ausprobieren: Eine Familienausstellung im Deutschen Museum in Bonn

Spielend ausprobieren : Eine Familienausstellung im Deutschen Museum in Bonn

Das Deutsche Museum Bonn lockt mit einer Mitmachausstellung Kinder, Jugendliche und Familien. Überraschende und ungewöhnliche Eigenschaften von Materialien stehen hierbei im Mittelpunkt.

Nehmen wir einmal Papier zur Hand. Ein normales DIN-A4-Blatt und falten es viermal, mehr geht – auch bei größter Anstrengung – nicht. Dann haben wir acht Lagen Papier übereinander. Das Deutsche Museum Bonn bietet in seiner „Experimentierausstellung für Kinder, Jugendliche und Familien – Ist das möglich?“ (bis 23. Februar 2020) einen Versuch mit einem Fallhammer, bei dem man einen stumpfen Stift mit Tempo und Gewicht darauf niedersausen lassen kann. Und acht Lagen gewöhnlichen Papiers zeigen so gut wie keine Spuren. Dagegen bleibt beim gleichen Experiment, nur dieses Mal mit einem Stahlblech, eine deutlich sichtbare Delle im Material zurück.

Und mit Kevlar, einem sehr dichten Kunststoffgewebe, zeigt sich der gleiche Effekt. In der Vitrine nebenan ist zu sehen, wie sich Kugeln aus gängigen Handfeuerwaffen verformen, denn Kevlar ist auch der Grundstoff für Sicherheitswesten, wie sie etwa Polizisten in Nordrhein-Westfalen bei Einsätzen überziehen. Die Kugeln durchdringen den Schutz nicht, machen kaum einen Kratzer, höchstens einen Bluterguss beim Träger.

Warum aber zeigt die Ausstellung dann eine chinesische „Rüstung“ aus Papier? Weil es zu Zeiten der Tang-Dynastie – von 618 bis 907 – noch kein Kevlar gab, sehr wohl aber die Kenntnis davon, dass mehrere Lagen Papier eine hohe Widerstandskraft entwickeln. Verständlich, dass es keine Originale aus dieser Zeit gibt, denn Papier ist zwar widerstandsfähig, aber nicht unbedingt lange haltbar. Zu sehen ist eine Nachbildung – ursprünglich für die ZDF-Sendereihe „Terra X“ gefertigt – die einleuchtend sehr viel leichter zu tragen ist als die zu dieser Zeit in Mitteleuropa gängigen Eisenrüstungen. Allerdings ist sie nur geeignet in Schlachten bei trockenem Wetter. Denn bei Regen verliert auch diese Erfindung ihre Wirkung…

Experimente und Spielstationen

Die Ausstellung besteht aus fünf Modulen, die sich thematisch mit industriellen Materialien und ihren meist überraschenden, manchmal aber auch ganz gewöhnlichen Eigenschaften beschäftigen. Jedes Modul bietet interaktive Elemente, die entweder als wissenschaftliches Experiment oder als Spielstation gestaltet sind. Es gibt vieles zum Ausprobieren und zum Experimentieren und auch das Spielen kommt nicht zu kurz.

Infotainment von seiner besten Seite. Denn oft denken wir gar nicht über die Tauglichkeit von Dingen und Materialien nach, die wir im Alltag nutzen. Was wäre, wenn wir uns nicht auf ihre Funktionsfähigkeit verlassen könnten? Wenn der Fallschirm oder das Klopapier im falschen Moment reißen würden, oder gleich ganze Bauwerke einstürzten? All diesen und anderen Fragen geht die vom LVR-Industriemuseum entwickelte Ausstellung auf unterhaltsame und witzige Weise nach. Unterstützt wird die Ausstellung vom Förderverein des Museums sowie der Telekom-Stiftung.

Lernen mit allen Sinnen: Bei der Fühlwand muss man „blind“ ertasten, welche Materialien ,die „die Welt verändert haben“, sich darin verbergen. Gar nicht so leicht. Auch die Fragen im Quiz haben es in sich. Foto: zva/Martin Thull

Das informelle Lernen und der Kompetenz­erwerb stehen im Vordergrund. Das liest sich jetzt wie aus dem Handbuch für Lehrkräfte der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Mögliche Lernziele zu erreichen, soll durch sinnliche, haptische, kognitive und verbale Zugänge erreicht werden. Noch so eine theoretische Aussage. In der Ausstellung selbst steht aber das Spielerische im Vordergrund, alle Lerneffekte ergeben sich dabei wie von selbst.

Das Angebot zum Ausprobieren ist groß: auf Papierstreifen laufen und auf Fasern schweben, Papier zum Platzen bringen und auf einer Slack­line balancieren. Fünf Stationen werden angeboten mit Tests zu Stabilität und Reißfestigkeit, zu extremer Belastung und harten Prüfungen. Alltagsgegenstände an fünf Säulen laden ein, mit Händen zu greifen und Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten festzustellen.

Dort werden auch Fragen gestellt wie: „Warum kratzen Wollstrümpfe auf der Haut?“ (Weil Wollfasern schuppig sind!) oder „Warum war es ein Fortschritt, aus Kupfer und Zinn Bronze herzustellen?“ (Weil Bronze härter ist als Kupfer!) oder „Wie schwer war der Gegenstand/das Tier, das ein Team auf 40 Aludosen gestellt hat, ohne dass die einknickten?“ (Ein 6,5 Tonnen schwerer Gabelstapler, nicht der Elefant!) Das ist unterhaltsam und so etwas wie die Vorbereitung auf die Quizshow.

Begleitprogramm zur Ausstellung

Gleich zu Beginn geht es darum, in 24 Fächern zu fühlen, welche Materialien die „Welt verändern“ (etwa Granulat für den 3D-Drucker), die „Geschichte schrieben“ (Kreide) oder die „Spitze sind“ (Diamanten an Schleifmaschinen). Übrigens wird Teamarbeit gewünscht, nicht nur beim Quiz. In der „Fühlwand“ etwa geht es nur zu zweit, wenn der Kandidat an der einen Seite in einem dunkles Loch ertastet, was seine Finger empfinden. Und auf der gegenüberliegenden Seite dem Partner die Lösung bestätigt oder richtigstellt. Oder bei der Lichtlupe, bei der nicht nur die unterschiedlichsten angebotenen Materialien genauer in ihrer Oberfläche erforscht werden können, sondern auch der eigene Pullover, der Daumennagel oder ein Kopfhaar.

Umfang- und abwechslungsreich ist das Begleitprogramm zur Ausstellung für Kinder und Familien: Mit dem Rätselspiel „Wo ist das möglich?“ können sich Familien im Museum auf die Suche nach Materialien und deren Eigenschaften begeben. Da sind auch Fragen, die eher augenzwinkernd gestellt werden – etwa, wenn es um das Modell des Forschungsschiffes „Polarstern“ geht. Die Expedition des Schiffes ging kürzlich durch die Medien, weil es sich ins ewige Eis aufgemacht hat, um am Nordpol die Folgen der Erderwärmung zu erforschen. Zwölf Monate lang.

Auch die Fragen im Quiz haben es in sich. Foto: zva/Martin Thull

Im Spiel lautet die Frage „Eine Beule holt sich, wer dem Schiff zu nahe kommt. Welches Material hat Schuld?“ Die Antwort auf diese „durchsichtige Frage“ lautet „Glas“. Denn die Museumsmitarbeiter haben festgestellt, dass sie immer besonders die Spuren der Stirn beseitigen müssen, die die Besucher an der Vitrine hinterlassen. Das Rätselspiel gibt es kostenlos an der Museumskasse und versucht erfolgreich, die museumseigenen Ausstellungsstücke in die aktuelle Sonderschau einzubeziehen.

 Den Höhepunkt der Sonderausstellung bildet die große Quizshow: Am Ende der Ausstellung erwartet die Besucherinnen und Besucher die Kulisse eines Fernsehstudios. Hier kann gemeinsam ein Quiz gespielt werden – mit Buzzern, Showmaster und allem Drum und Dran. Beim Antworten auf die Fragen zeigen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, was sie in der Ausstellung alles erfahren haben und wer am schnellsten die Hand auf dem Buzzer hat. Im Familienworkshop „Knistern, Rascheln, Falten!“ geht es begleitend zur Ausstellung für Kinder schon ab vier Jahren gemeinsam mit ihren Familien um das Bauen und Forschen mit Papier. Schließlich wird in der Experimentierküche bei der Ferienüberraschung und an manchem Tüfteltag nicht nur getüftelt, sondern auch „pulverisiert“. Nähere Informationen zu diesen beiden letzten Angeboten gibt es unter: www.deutsches-museum.de/bonn/ausstellungen