Deutsches Museum Bonn: Playmobil-Figuren-Sammlung von Oliver Schaffer

Playmobil-Figuren-Sammlung : Im Deutschen Museum wird der Punker zu Albert Einstein

Das Deutsche Museum Bonn erzählt mit der Playmobil-Figuren-Sammlung von Oliver Schaffer Technikgeschichte(n). Wer genau hinschaut, entdeckt skurrile Details und umfunktionierte Bauteile. Kinder sind ebenso begeistert wie Erwachsene.

Im Playmobil-Hafen arbeitet ein Kran an einem Container: Hebt er ihn nach oben? Lässt er ihn in den Schiffsbauch hinab? Oder stürzt er gar ab, das Schiff sinkt und Rettungskräfte müssen alarmiert werden? Oliver Schaffer gibt keine Antwort. Er will genau diese Ungewissheit bei den ungezählten Szenen aus der Playmobil-Kollektion, „damit bei den Besuchern die Fantasie angeregt wird“.

Er verfügt über eine der größten Sammlungen weltweit und stellt noch bis zum 25. August im Deutschen Museum Bonn in mehreren Themenbereichen seine Szenen aus. „Ich will Fantasie mit Realität verbinden.“ Manchem Aachener mag Schaffer übrigens bekannt vorkommen, weil er vor Jahren in der Grenzlandtheater-Inszenierung im Musical „Ein Käfig voller Narren“ gastierte.

Wie ein dreidimensionales Wimmelbild

Es geht um Transport und Verkehr, um eine Weltraum-Bodenstation, um Meeres- und Polarforschung, um Archäologie, eine Autofabrik und ein Museum sowie um ein Haus der Forschung. Was nun alles ziemlich kompliziert klingt, ist in Wirklichkeit eine bunte Vielfalt des Alltags. Wie ein dreidimensionales Wimmelbild reiht sich Szene an Szene, alles liebevoll arrangiert.

Ein Hafen zum Staunen. Foto: Deutsches Museum Bonn.

Und oft mit einem kleinen Augenzwinkern. Der Besucher muss schon genau hinsehen, dann entdeckt er etwa den Pizza-Karton im Tower der Weltraum-Bodenstation – die war im Übrigen einmal das Eingangsportal einer Einkaufsgalerie. Beim Umwidmen von Bauteilen hat Schaffer keine Hemmungen. Im Tower des Flughafens geht ein Fliesenleger seiner Arbeit nach, während die Lotsen für unfallfreie Starts und Landungen sorgen. In einem anderen Tower startet ein Kind einen Papierflieger.

Der 40-jährige Schaffer erzählt, dass er im Alter von drei Jahren von Playmobil „infiziert“ worden sei. Besonders habe ihn der Zirkus fasziniert. Und nachdem ihm sein Vater ein Zirkuszelt gebastelt habe – „rotes Tuch und echte Sägespäne in der Manege“ – habe er zunächst Zirkusnummern geprobt und sie dann seinen Eltern vorgespielt. Raubtierdressur oder Pferdenummern, Artisten in der Kuppel und Clowns vor den Logen. Für ihn war der Spaß mit den Spielfiguren auch eine kleine Flucht aus der Wirklichkeit, weil er mit „Playmos“ seine Fantasiewelt nachspielen konnte.

Im Alter von drei Jahren „infiziert“: Sammler Oliver Schaffer. Foto: Martin Thull.

Wenn er heute seine Sammlung in Ausstellungen zeigt, dann will er seine Zuschauer mitnehmen in diese Welten. Er erzählt in den sorgfältig gestalteten Szenen kleine Geschichten: das Geschehen im Hafen oder der Trubel am Flugplatz, das Fertigen eines Autos in einer großen Halle oder die Bodenstation eines Weltraumprojekts, archäologische Ausgrabungen oder ein ägyptisches Museum. Der Besucher kann dabei auch die Entwicklung der Playmobil-Figuren nachvollziehen.

Die ist „Ergebnis“ der Ölkrise in den 1970er Jahren. Die inzwischen millionenfach verbreiteten Figuren – allein die Sonderedition „Martin Luther“ brachte es 2017 auf über eine Million verkaufter Exemplare – sicherten die Existenz der Firma „geobra“ Brandstätter mit Sitz in Zirndorf bei Nürnberg. Hauptelement ist seit damals eine 7,5 cm große Spielfigur aus Kunststoff. Der Entwickler Hans Beck hatte den Auftrag, kleine Spielfiguren zu entwerfen. Für den Plastikwerkstoff benötigt man (teures) Erdöl. Deshalb der Wechsel ins „kleine Fach“. Die ersten Entwürfe zeigen noch eine Nase, die später wegfiel. Und ein mürrisches Gesicht.

Auch das wurde nicht weiter verfolgt. Die Beine sind nicht abknickbar, um die Standfestigkeit nicht zu gefährden, die „Hände“ waren erst ab 1982 beweglich. Der Siegeszug war unaufhaltsam. Angeblich sind derzeit rund drei Milliarden Playmobil-Figuren weltweit unterwegs. Übrigens immer noch überwiegend männlich. Erst allmählich setzten sich auch weibliche Figuren durch. Jetzt gibt es etwa auch Polizistinnen, Bauarbeiterinnen und Pilotinnen.

Wer genau hinschaut, findet den Pizzakarton im Weltraumbahnhof. Foto: Martin Thull.

Schaffer zeigt in Bonn zum 36. Mal Teile seiner Sammlung, Höhepunkt war 2009 eine Präsentation im Westflügel des Pariser Louvre. Er erlebt seine Besucher stets mit einem Lächeln – so wie seine Figuren. „Es gibt nur eine, die die Mundwinkel nach unten zieht: ein Häftling bei den Piraten. Lächeln hätte da wirklich nicht gepasst“, sagt er. Entweder kommen Eltern mit ihren Kindern oder der Opa mit den Enkeln. Aber auch viele erwachsene Besucher erinnern sich gerne daran, wie sie früher mit diesen Figuren gespielt haben.

Ohne Waffen

Szenen, die nach 1900 spielen, sind waffenfrei. „Natürlich haben Cowboys Revolver und Ritter Schwerter“, weiß Schaller zu berichten. Aber Soldaten, Panzer oder Raketen – mit Ausnahme in den Weltraumbildern – sind schon beim Hersteller tabu. Und er fügt hinzu: „So wie die leere Leinwand für den Maler der Ausgangspunkt für seine Kunst ist, so für mich das leere Podest im Ausstellungsraum, auf dem ich meine Geschichten erzählen kann.“

Dem Deutschen Museum Bonn ist es wichtig, nach Möglichkeit den Bezug zur eigenen Dauerausstellung herzustellen. Am ehesten gelingt das im „Haus der Forschung“. Schaller hat jede Etage einer wissenschaftlichen Disziplin gewidmet. Und da Albert Einstein nicht gerade eine der gängigen Figuren darstellt, wird ein Punk-Rocker „umgewidmet“, nicht zuletzt, weil dessen zu Berge stehenden Haare dem Wissenschaftler so ähnlich sind.

Auch die Garage von Steve Jobs ist zu sehen, in der er der Legende nach die Fundamente für das Apple-Imperium legte. Chemie und Physik sind vertreten und die Astronomie.

Einen Eindruck von der Herstellung der Spielfiguren bietet eine Spritzgussmaschine des Weltmarktführers Boy, die (nach dem Vorbild des Hasen von Albrecht Dürer) Minihasen fertigt. 250 Stück in der Stunde. Nicht nur zur Osterzeit eine witzige Ergänzung im heimatlichen Playmobil-Bauernhof.

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