Comic-Ausstellung in Belgien: Stavelot, Louvain-la-Neuve und La Hulpe

Für Fans der „neuen Kunst“ : Dreimal Comic à la Belge

Liebhaber von (guten) Comics kommen beim Streifzug durch die belgische Landschaft, den neuen temporären Ausstellungen in Stavelot und La Hulpe sowie dem bekannten Museum „Musée Hergé“ in Louvain-la-Neuve auf ihre Kosten. Andere aber auch.

In Stavelot

„Vermutlich ist er der schönste bärtige Zeichner“, beschreibt Virgil Gauthier, Direktor der Abtei Stavelot, den Comic-Künstler Didier Comès, den er persönlich kannte und dessen aktuelle Ausstellung er auch kuratiert. Für die Ausstellung „l´encrage ardennais“ in den Räumen der alten Benediktiner-Abtei, die noch bis Anfang Januar 2020 zu sehen ist, hat das Team der Abtei ganze Arbeit geleistet. Wie ein einfühlsamer Tauchgang in die esoterische Welt des belgischen Künstlers ist die gesamte Ausstellung mit 80 original Zeichnungen.

Den bärtigen Dieter Hermann Comès – den Akzent fügte er erst später für seinen Künstlernamen hinzu – begegnen wir tatsächlich. Verschmitzt schaut er auf dem Ausstellungsplakat, verträumt blickt er, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, am Eingang des ersten Ausstellungsraums. Ein Mann mit vielen Stimmungen. Comès, 1942 im Venndorf Sourbrodt geboren, bezeichnete sich als „Bastard zweier Kulturen“. Sein Vater sprach Deutsch, die Mutter aus Malmedy bevorzugte Französisch. So war seine Kindheit geprägt von dieser Mischung aus Kulturen und Sprachen. Und die vom Krieg zerrissene Region mit den Narben der Ardennenoffensive gab ihren Teil noch hinzu.

Eine Außenansicht des alten Klosters in Stavelot: Davor sind noch die Ruinen der Abtei zu sehen. Foto: zva/Neitz

Comès arbeitete zuerst als Industriedesigner bevor er sich ganz seinen Zeichnungen widmete. Die stille Schönheit der Moorlandschaft und die heimische Tierwelt waren seine stetige Inspiration.

Obwohl die Anziehungskraft der Natur und Tiere einem Großteil seiner Arbeiten als Hintergrund diente, setzte er sich auch mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Menschen in Randbereichen zogen ihn an. Zeichnerisch versuchte er diese Polarisierung mit den Farben Schwarz und Weiß aufzufangen. Dies erklärt auch, warum er nur mit Tusche arbeitete. Zurückhaltung vor Effekthascherei war eine weitere Maxime des Künstlers. So hat er nie Augenbrauen, sondern stattdessen maximal einen Strich gezeichnet. Das Wechselspiel von Hell und Dunkel haben auch die Ausstellungsdesigner aufgenommen. Schwarze Säulen und weiße Wände dominieren in den Ausstellungsräumen, die im zweiten Stock des Hauptgebäudes beginnt und in der Kapelle der Abtei weitergeführt wird.

Er selbst bezeichnete sich als „Bastard zweier Kulturen“: Didier Comès. Foto: zva/Neitz

Der Ausstellungsort der temporären Ausstellung könnten nicht besser gewählt sein. Die Abtei Stavelot liegt nur 25 Kilometer von Sourbrodt, dem Geburts- und Wohnort des Künstlers Didier Comès, entfernt. Das Venndorf ist umgeben von einer steppenartigen Moorlandschaft wie sie auch in den Zeichnungen von Comès hin und wieder auftauchen. Hinter dem Dorf auf einer Waldstraße, die nach Küchelscheid führt, erinnert ein Gedenkstein an den großen Künstler der Region, der 2013 gestorben ist.

In La Hulpe

Wie Comès war auch Hugo Pratt von mehreren Kulturen geprägt. Doch war der 1927 in Venedig geborene Comic-Zeichner ein Nomade. Comès entwickelte seine Geschichten vor der Kulisse der magischen Welt im Hohen Venn während Pratt auf der Suche nach vielfältigen Begegnungen durch die Welt reiste. In La Hulpe in den Räumen der Foundation Folon, die sich in dem Park des Schlosses Solvey befindet, sind die Werke des Italieners unter dem Titel „Les chemins du rêve“ (Die Wege des Traums) noch bis Ende November zu sehen. Es ist die erste Pratt-Ausstellung, die sich mit dem Thema Traum beschäftigt.

Bekannt von Pratt sind seine Geschichten um Corto Maltese, einen Kapitän ohne Schiff. Leicht, beschwingt und voller Elan sind die Zeichnungen des sorglosen Kapitäns und ebenso die Aquarelle, die von den Kuratorinnen Patrizia Zanotti und Christina Taverna für die Ausstellung ausgewählt wurden. Die Ausstellung ist in drei Bereiche gegliedert: Natur, Zeit und Figuren. Ein Aufbau, der es auch Nicht-Experten leicht macht, die Pratt’sche Welt der Fabeln und Geschichten zu verstehen. Eine Welt, in der Raben und Katzen reden und Feen und Ritter regieren. Eine traumhafte Welt, die sich auch in der permanenten Ausstellung der Fondation Folon zeigt. Eine enge Beziehung bestand zwischen dem Gründer der Fondation Folon, also Jean Michel Folon, und Hugo Pratt.

Hugo Pratts berühmteste Figur: Der Kapitän ohne Schiff, Corto Maltese, bildet einen Meilenstein des literarischen Comics. Foto: zva/Neitz

Sie trafen sich am Anfang der 70er Jahre in Venedig und stellten die gemeinsame Leidenschaft für das Malen mit Aquarellfarben fest. Jean Michel Folon war ein Künstler, der in den 60er Jahren mit Aquarellmalerei und Skulpturen in der internationalen Szene bekannt war. Im Gehöft des Schlosses Solvay hat er sich sein eigenes Museum geschaffen und lädt den Besucher in seine geheimnisvolle Bilderwelt ein. Optische Effekte, Spiegelspiele und Musik unterstreichen die fast mystische Atmosphäre.

In Louvain-la-Neuve

Der 1907 in Brüssel geborene Georges Remi, der seine Initialen umdrehte und sie in Lautschrift zu seinem Künstlernamen Hergé machte, schuf den rasenden Reporter Tintin mit dem blonden Haarschopf, der stets von seinem Foxterrier Milou begleitet wurde. Seine Abenteuer sind in Deutschland unter „Tim und Struppi“ bekannt. Vor zehn Jahren eröffnete das „Musée Hergé“ in Louvain-la-Neuve. Zum Jahrestag grüßt nun am Eingang Hergé den Besucher. In edle Bronze gegossen und in Gesellschaft seiner geliebten Katze sowie mit Tim und Struppi. Eine Skulptur des belgischen Künstlers Tom Frantzen.

Das Hohe Venn: Für den Zeichner Didier Comès war diese Landschaft Heimat und Inspiration. Foto: zva/Neitz

Auf drei Etagen und in acht Räumen – also ziemlich umfangreich und detailliert – wird der Werdegang des Künstlers und seiner Geschichten vorgestellt. Hergé gilt als der Erfinder der sogenannten ligne claire, der klaren Linie. Sein Prinzip war die Vereinfachung des Zeichenstils mit klaren, geometrischen Strichen. Daher bestimmen auch klare Linien und spitze Winkel die Innenräume des Museums, die oftmals einen überraschenden Perspektivwechsel erzeugen. Mit großen Glaswänden und durch Brücken sind die verschiedenen Baukörper miteinander verbunden.

„Die neunte Kunst“

Keine Frage, die Belgier sind stolz auf ihre Comic-Kunst, die sie respektvoll „die neunte Kunst“ (neben Architektur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Literatur, Tanz, Film und Fernsehen) nennen. Wie sonst lässt sich die große Ausstellungsvielfalt erklären?!

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