KuK zeigt „Bilder aus einem vergangenen Land“: Alltag, Aufbruch, Widersprüche

KuK zeigt „Bilder aus einem vergangenen Land“ : Alltag, Aufbruch, Widersprüche

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer: Rund 130 Fotos zeigt das Kunst und Kulturzentrum in Monschau in der Ausstellung „Bilder aus einem vergangenen Land“. Die Moment-Geschichten, die ausschließlich in Schwarz-Weiß aufgenommen worden, stammen von sieben Fotografinnen und Fotografen.

Marx und Engels als Denkmal in Ost-Berlin, Frauen im Kosmetik-Kombinat, strahlende Augen eines jugendlichen Fans des 1. FC Union, Massen vor dem Brandenburger Tor, eine Straßenflucht mit Trabis: „Bilder aus einem vergangenen Land. Fall der Berliner Mauer“ heißt die Ausstellung, die ab Sonntag im Kunst- und Kulturzentrum (KuK) der Städteregion Aachen in Monschau zu sehen ist. Die rund 130 Arbeiten stammen von sieben Fotografinnen und Fotografen, die als Chronisten der Zeit große Momente und kleine Begebenheiten aus der ostdeutschen Vergangenheit aufgenommen haben.

Einige der Fotografen sind Gründungsmitglieder der Agentur Ostkreuz, die einige Bildjournalisten 1990 gründeten, um sich auch in einem neuen politischen und kulturellen System zu behaupten. Mit dem Namen Ostkreuz, zugleich Verkehrsknotenpunkt und S-Bahnstation, markierten sie ihren Standort, von dem aus man „in jede Richtung aufbrechen kann“, wie sie es selbst formulierten. Nun sind die Bilder also im tiefsten Westen zu sehen.

Die Berühmteste unter ihnen ist wohl die Fotografin Barbara Klemm. Die heute 80-Jährige war mehr als 40 Jahre für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unterwegs, manche ihrer Bilder wurden zu Ikonen. Am tiefsten ins Bewusstsein eingebrannt hat sich der Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker zum 30. Jahrestag der DDR 1979 in Ostberlin. Neben anderen ist auch dieses in der Ausstellung zu sehen.

Bedrückende Stimmung: die Grenzbefestigung der DDR, Bernauer Straße in Berlin, 1971. Foto: zva/Grenzbefestigung der DDR, Bernauer Straße Berlin, 1971_c_Barbara Klemm

Die Fotografin, die aus Münster stammt und seit Jahrzehnten in Frankfurt lebt, prägte mit ihrem feinfühligem Stil, einen Ausschnitt des Geschehens aufzunehmen, die Bilder, die sich Zeitungsleser von Ereignissen machen konnten. Stellvertretend für sie war Klemm dabei, ganz nah dran, aber zugleich distanziert genug, um einzuordnen und den „richtigen“ Ausschnitt zu wählen. Einen, der etwas erzählt.

Diese Moment-Geschichten gibt es in ihren ausschließlich in Schwarz-Weiß aufgenommenen Fotografien zu entdecken. Und auch in den Fotos von Harald Hauswald, Ute Mahler, Werner Mahler, Barbara Köppe, Arno Fischer und Norbert Bunge finden sich diese Momente, die überraschen, die bedrücken, die anklagen, die manchmal auch zum Lachen sind, wie etwa das Bild des Marx-Engels-Denkmals von der Rückseite aufgenommen. Ein Schmierfink hat auf Engels’ Hinterteil „Arsch“ gekritzelt.

Glänzende Augen eines Union-Fußballfans 1986: aus der Serie „Der Verein“. In Ostberlin gab es zwei Vereine, der BFC Dynamo war der Sportklub des Ministeriums für Staatssicherheit, der 1. FC Union Berlin war der Außenseiter. . Foto: OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH/Werner Mahler/OSTKREUZ

Zwei Jahre lang hat Nina Mika-Helfmeier die Ausstellung vorbereitet, sich mit den Fotografinnen und Fotografen getroffen und in Archiven nach Fotos gesucht, die auch Jahre nach ihrem Entstehen wirken. Dabei sollte es nicht nur um den Mauerfall gehen, sondern auch um die Jahre vorher, um den Alltag in der DDR. „Natürlich ist der Mauerfall das Herzstück, dieser historische Moment, die Euphorie und das Feiern, aber ich wollte auch gerne die Zeit davor zeigen.

Bilder, die noch nicht so im Gedächtnis eingebrannt sind. Die Ambivalenz eines Alltags, der zwar irgendwie funktionierte, der aber aus Arrangements und Repressalien bestand, wenn man dem System kritisch gegenüberstand“, erzählt die Kuratorin. Da sind zum Beispiel die Bilder von Barbara Köppe, die in der DDR zunächst als freie Fotografin arbeitete und sich seit Ende der 70er Jahre mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen beschäftigte.

In ihrer Serie „Frauen-Schönheit-Schicht. Frauen im VEB Kosmetik-Kombinat“ porträtiert Köppe den ungeschminkten Alltag der Arbeiterinnen, die in völlig maroden Betriebsstätten arbeiten müssen. Oder die spannende Geschichte zweier Fußballvereine, die Werner Mahler in seiner Serie „Der Verein“ erzählt. „Es gab den BFC Dynamo, der als Sportklub des Ministeriums für Staatssicherheit in allem unterstützt wurde und den 1. FC Union Berlin, der sich als Außenseiter begriff. Begegneten sich die beiden, ging es um mehr als um ein Spiel“, erklärt Mika-Helfmeier. Um wie viel mehr es ging, sieht der Betrachter, blickt er in das gebannte Gesicht des jugendlichen Union-Fans.

Daneben gibt es Bilder der Subkultur im Osten: Wenn Verhältnisse nicht klar sind, Dinge nicht ausgesprochen werden dürfen, suchen Menschen im privaten Raum mit Verbündeten nach Nischen der Freiheit. Kulturabende in Wohnzimmern, Protestaktionen im Geheimen . Auf einem der Bilder von Harald Hauswald, dessen dicke Stasiakte „Radfahrer“ hieß und 2009 unter dem gleichnamigen Titel verfilmt wurde, sieht man den Dramatiker Heiner Müller und den Schriftsteller Sascha Anderson bei einer privaten und geheimen Lesung 1983 in Magdeburg. Diese Bilder sind Teil der Serie „Am Rande der Republik“ (1978-1989). Sie besteht fast ausschließlich aus privaten Fotografien von Hauswald: Freunde und Bekannte, Künstler und Oppositionelle bei Versammlungen, bei Mahnwachen oder Umweltaktionen.

Distanzierter zeigt sich der Fotograf in der Serie „Berlin, gestern und heute“, zu der auch das Bild des Marx-Engels-Monuments gehört. Die jüngsten Arbeiten stammen von dem Fotografenpaar Ute Mahler und Werner Mahler, die 2011 und 2012 die ehemalige Grenze abgefahren sind. Was die Beseitigung der Vergangenheit angeht, zeigt sich die Natur wenig zaghaft. Die Rückeroberung von Grenzen, Schienen oder Betonzäunen verläuft reibungslos. Lediglich ein paar rostige Schienen erinnern an alte Zeiten.

Dramatiker Heiner Müller (mit Buch) und Schriftsteller Sascha Anderson (links von ihm), 1983 bei einer Lesung in einer Privatwohnung in Magdeburg. Foto: Harald Hauswald. Foto: OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH/© Harald Hauswald/OSTKREUZ

All diese Fotos zusammen ergeben ein mosaikhaftes Bild der DDR, von dem, was war. Dokumentarisch, aber wertfrei. „Die Ausstellung zeigt Momentaufnahmen des Zusammenlebens und auch der Widersprüche. Die Ereignisse einordnen kann der Besucher hoffentlich nach dem Rundgang durch die Ausstellung“, glaubt Nina Mika-Helfmeier.

Einige der ausstellenden Fotografen, darunter auch Barbara Klemm,  haben angekündigt, dass sie zur Eröffnung kommen.

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