1. Freizeit

Ein Kleinod der Architektur: Abstrakte Skulpturen im entweihten Raum

Ein Kleinod der Architektur : Abstrakte Skulpturen im entweihten Raum

Es war einmal eine Kirche, die der heiligen Ursula geweiht war. 1954 hatte sie der Kölner Architekt Gottfried Böhm in Hürth-Kalscheuren gebaut: Heute heißt sie Böhm Chapel und lohnt den Besuch.

Dort, wo heute Fernsehstudios ihre Hallen haben, gab es damals viel Platz für einen bemerkenswerten Kirchenbau: Eine Kuppel wird von 24 schlanken weißen Säulen getragen, große Fenster rundum lassen Licht hinein, ein wellenförmiger Fensterkranz setzt die weißen Wände gegen die mit dunklen Zedernschindeln verkleidete Decke ab.

Man sollte nicht meinen, dass Gottfried Böhm auch diesen Entwurf geliefert hat. Stammt von ihm doch zehn Jahre später die Kirche St. Hubertus in Aachen-Hanbruch. Allerdings erinnern deren äußere Formen in keiner Weise an dieselbe Schöpferhand. Ist St. Hubertus gekennzeichnet von der schroffen Dachlandschaft mit vielen Zacken und ist durch die schwarze Verschieferung ein dunkles Monument entstanden, das die Aachener „Backenzahn Gottes“ nennen, so ist St. Ursula eher elegant und einladend. St. Ursula wurde im März 1993 aufgrund seiner „künstlerischen, architekturgeschichtlichen wie auch städtebaulichen Akzente“ unter Denkmalschutz gestellt. Derzeit prägen abstrakte Skulpturen von William Tucker den säkularisierten Raum.

Was aber wie ein Märchen beginnt, endet an einem Sommertag 2006 mit der Entweihung dieser Kirche. Wieder eine, könnte man sagen. Und wie wir inzwischen wissen, auch nicht die letzte Profanierung eines katholischen Gotteshauses. Man kann es drehen wie man will: Die Entweihung einer Kirche ist eine Beerdigung. Jedenfalls für die Menschen, die hier getauft wurden, zur ersten Beichte und Heiligen Kommunion gingen, gefirmt wurden und manchmal auch die Ehe schlossen. Es ist ein Abschied für immer, wenn das Ewige Licht erlischt und die Hostien aus dem Tabernakel geholt werden.

Ein Tag der Trauer

Erhebend: Der Innenraum der „Böhm Chapel“mit den eleganten und geschwungen Formen und den Glasfenstern wirkt meditativ. Foto: thull

So mag auch der damalige stellvertretende Generalvikar Hans-Josef Radermacher in seiner Predigt gedacht haben, als er versöhnliche Worte zu finden suchte für die Menschen in St. Ursula in Hürth-Kalscheuren: „Ich ahne die Trauer angesichts des Abschieds, die Enttäuschung und Verletzung bei denen, die Liebgewordenes zurücklassen müssen, vielleicht auch die Wut und den Ärger bei denen, die um St. Ursula gekämpft haben“, so wird der Geistliche zitiert.

„Aber die Entscheidung zur Aufgabe der Kirche schmerzt nicht nur den betroffenen Gemeindeteil und die Freunde dieser Kirche, sondern auch die, die entschieden haben.“ Radermacher mahnte: „Auch wenn Tränen fließen, wir feiern hier keine Beerdigung. Wir geben zwar diese Kirche auf, nicht aber unseren Glauben.“ Was bleibe, sei die Erinnerung so Radermacher, und die werde die profanierte Ursula-Kirche auch zu einem „Mahnmal des schwindenden christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft“ machen.

Nicht jedes aufgegebene Gotteshaus hat eine Renaissance erlebt wie St. Ursula. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude und Grundstück erwarb ein Investor, der aber bald die Lust an dem Objekt verlor. Während ringsum Reihenhaussiedlungen entstanden, blieb die Zukunft des Kuppelbaus mit dem freistehenden Glockenturm im Ungewissen. Immerhin: „Carrée Campanile“ wurde eines der Bauprojekte getauft. Der italienische Name für Glockenturm.

Ausstellungsraum

Schließlich erwarb die Kölner Galerie Jablonka die Immobilie und nutzt sie seit Herbst 2010 als Ausstellungsraum und Konzertsaal. Zuvor: Die „Kirchen“-Glocken wurden an eine Gemeinde in Elmshorn verkauft, wo sie seit Ostern 2009 zum Gottesdienst einladen. Die „Möblierung“ wie Altar und Taufstein, Tabernakel und Lesepult von St. Ursula wurden ausgelagert, die für die Messliturgie und andere Funktionen nun nutzlosen Treppen und Podeste entfernt. Entstanden ist ein Ehrfurcht gebietender Raum.

Licht durchflutet den Raum durch bodentiefe Fenster, deren Struktur Fischernetzen ähnelt. Die sich schneidenden Achsen der Eisenstränge sind mit farbigen Glaskristallen ausgestaltet. Und schon beginnen die Assoziationen: Ist in der Bibel nicht von Menschenfischern die Rede? Erinnert der wellenförmige Fensterkranz oben an das Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“? Mit anderen Worten: Kann ein Gebäude die ursprüngliche Bestimmung völlig leugnen? Hier jedenfalls nicht. Und der in der Mitte eingelassene Mühlstein war ursprünglich das Symbol für das Sakrament der Firmung. So wie jede der sechs geräumige Nischen von Böhm symbolhaft für die übrigen Sakramente der katholischen Kirche standen: Taufe, Beichte, Kommunion, Eheschließung, Priesterweihe und Krankensalbung. Dennoch: Die nun „Böhm Chapel“ genannte ehemalige St. Ursulakirche ist kein geistlicher Raum mehr.

Rechte Winkel in der Architektur bestimmen das äußere Bild des naheliegenden Gewerbegebietes sowie der Reihenhäuser ringsum. Die runde Form der ehemaligen Kirche wirkt da wie ein kostbarer Solitär. Und auch die von dem belgischen Landschaftsarchitekten Piet Blankaert gestaltete Gartenanlage bevorzugt gerade Linien, wenn die Kronen der Buchen so geschnitten werden, dass gerade Umrisse entstehen. Kontrast und Ergänzung zugleich.

Der Stadtteil hat eine neue Attraktion erhalten, auch wenn diese ihre Wurzeln nicht verleugnen kann. Der Turm ist von Umbauten befreit, die Glocken sind ersetzt durch ein sechsstimmiges Glockenspiel nach einer Komposition des amerikanischen Musikers Philip Glass. Immer samstags und sonntags erklingt um 12 Uhr eine etwa zweiminütige Melodie aus den „Metamorphosis“ von Glass. Alles wird von CIT Art Foundation und Rafael Jablonka finanziert.