Kommentar zum Zentralabitur: Es wäre die Revolution

Kommentar zum Zentralabitur : Es wäre die Revolution

Ein Zentralabitur für Deutschland wäre eine wahrhafte Revolution. Mutmaßlich sind sich die Mehrheit der Politiker und die 80 Prozent der Deutschen, die ein Zentralabitur fordern oder befürworten, nicht der Auswirkungen bewusst. Es bedeutete nämlich Nichts weniger als das Ende der deutschen Bildungstradition.

Die Forderungen nach einem bundesweit einheitlichen Abitur sind nachvollziehbar, doch die Einführung hätte massive Konsequenzen. Und es bedarf einer reiflichen Überlegung, ob man diese bereit ist zu tragen. Denn: Wenn Zentralabitur, dann auch bitte ein richtiges!

In den 16 Bundesländern gibt es 16 unterschiedliche Schulsysteme. Die einen machen das Abi nach acht, die anderen nach neun Jahren, die einen haben vier, die anderen fünf Prüfungsfächer im Abitur. Bildungspolitik ist in Deutschland seit jeher föderal organisiert – abgesehen von der Gleichschaltung des Schulsystems in der NS-Zeit. Die Rückkehr zur föderalen Tradition ist vor dem historischen Hintergrund umso verständlicher, auch wenn die zerstückelte Schullandschaft heutzutage antiquiert wirkt.

Zu dieser Tradition gehört auch der Mythos, dass das Abitur in Bremen maximal dem Hauptschulabschluss in Bayern gleichzusetzen ist. Tatsächlich haben Schüler in einigen Bundesländern eine größere Chance, ein Einser-Abitur zu erhalten. Das ist nicht gerecht. Entscheidet doch die Abiturnote über den Zugang zum Studium. Ein (richtiges) Zentralabitur würde die Chancengleichheit für alle Schüler erhöhen.

Derzeit wird allerdings vor allem über die Einführung einheitlicher Abituraufgaben debattiert. Es ist eine typische Sommerloch-Diskussion. Die gleichen Aufgaben würden nämlich keineswegs das Problem der Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse beheben. Denn die Abiturnote setzt sich gerade einmal zu etwa 30 Prozent aus den Ergebnissen der Abiturklausuren und der mündlichen Prüfung zusammen. Viel wichtiger für die Note sind die gesammelten Punkte aus den beiden Jahren in der Oberstufe. Und diese Klausuren würde nach wie vor der Lehrer oder die Lehrerin an der Schule stellen und benoten.

Es gibt ja bereits Bestrebungen, das Abitur anzugleichen. Die Kultusministerkonferenz hat „einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung“ erstellt. Zudem existiert für einige Fächer ein Aufgabenpool, aus dem sich die Länder bedienen können, aber nicht müssen. Weil aber die Länder unterschiedliche Abiprüfungstermine haben, sind in diesem Pool unterschiedliche Aufgaben. Eine in NRW am 21. April gestellte Aufgabe darf nämlich nicht mehr am 23. April in Hessen gestellt werden. Damit alle Schüler in Deutschland wirklich die identischen Aufgaben lösen, müssten sich die Bundesländer auch auf einheitliche Prüfungstermine einigen. Da diese an die Ferien gekoppelt sind, ist das in nächster Zeit nicht zu erwarten.

Frankreich exerziert ein Zentralabitur par excellence. Es ist ein nationales Großereignis. Eine Akademie erstellt Prüfungen, die alle Abiturienten zeitgleich schreiben. Nur die Ergebnisse aus den Prüfungen, die von unbekannten Lehrern korrigiert werden, ergeben die Abiturnote. Das ist hart. Und tatsächlich gibt es sehr ernste Überlegungen, das Abitur zu ändern, damit nicht nur der eine Tag zählt.

Es ist derzeit undenkbar, dass es in Deutschland jemals solch ein komplett zentralistisch organisiertes Abitur geben wird. Schon allein, weil die Länder ihre Hoheit in der Schulpolitik nicht aufgeben wollen, was die Diskussion um den Digitalpakt eindrücklich bewiesen hat. Die Länder agieren damit aber an den Wünschen der Menschen vorbei; 70 Prozent der Deutschen wünschen sich, dass der Bund in der Bildung mehr mitbestimmt. Das sollte das langfristige Ziel sein. Eine Erweiterung des Aufgabenpools ändert nichts und ist deshalb überflüssig. Vielmehr müssten mindestens die Inhalte der Lehrpläne für die gesamte Oberstufe vereinheitlicht werden. Bitte groß denken!