Alte Stadtarchitektur in Hellenthal-Reifferscheid: Eine Zeitreise ins Mittelalter

Alte Stadtarchitektur in Hellenthal-Reifferscheid : Eine Zeitreise ins Mittelalter

Eine Zeitreise ohne Fahrschein erlaubt der historische Ortsrundgang in Hellenthal-Reifferscheid. Burg Reifferscheid, heute nur noch eine Ruine, aber eine sehenswerte, ist prädestiniertes Beispiel für die in der Eifel typischen Höhenburgen, wie etwa die Wildenburg oder Kronenburg eine sind.

Dieser Burgentyp wurde auf den Sporn eines Höhenrückens gesetzt, so konnte die Rundumsicht und die Verteidigung gewährleistet werden. Mit tiefen künstlichen Einschnitten oder Gräben wurde das Bauwerk zusätzlich gesichert, ebenso mit Mauern und Toren.

Burg Reifferscheid wurde im Jahr 1106 erstmalig urkundlich erwähnt, als der Herzog von Niederlothringen die Burg im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich IV. und dessen Sohn Heinrich V. zerstörte. Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte ist heute noch das mächtige Matthiastor.

Geht der Besucher von der Außenseite in das Tor hinein, fällt der Blick auf eine mittelalterlich anmutende Häuser- und Dorfszenerie der Extraklasse. Wie bei einer Filmkulisse schmiegen sich die kleinen Häuser aneinander, alles überragend der große Bergfried. Vormittags in den Wintermonaten fällt die Sonne malerisch wie ein großer Scheinwerfer durch das Matthiastor, der Passant geht ihr entgegen. Früher gab es an der Stelle vor dem Matthiastor einen Graben und eine Zugbrücke, damit wurde die Burganlage gesichert.

Reifferscheid wirkt mancherorts malerisch wie eine Filmkulisse: Ein schöner Wintertag eignet sich besonders gut für einen Besuch. Foto: Gudrun Klinkhammer

Im 18. Jahrhundert wurde die Zugbrücke durch einen steinernen Damm ersetzt. Der Kern des massiven Bruchstein-Torbaus stammt aus dem 14. Jahrhundert. Hinter dem Matthiastor geht es geradewegs durch ein weiteres Tor. Hier öffnet sich ein Platz, und weiß getünchte Reihenhäuser, dabei handelt es sich um die spätgotische Vorburg, ducken sich im Schatten der Burgruine.

Im Kellergewölbe

Hier befand sich einst die Zwingeranlage von Reifferscheid. Die Vorburg beinhaltete früher diverse Zweckbauten, die heute als Wohnhäuser und als Sitz der Eifelverein Ortsgruppe Reifferscheid und als Standesamt der Gemeinde Hellenthal dienen. Am leicht schief gebauten Café Eulenspiegel, der ehemaligen Remise aus den Zeiten des Grafen von Salm zu Reifferscheid, auch bekannt als Zehntscheune, vorbei geht es erneut durch ein Tor in den Burghof hinein.

Hier steht der Besucher nun auf dem Kellergewölbe des ehemaligen Schlosses von Reifferscheid. Auch, wenn es so manche Vorstellung übersteigen mag: Bis zum Brand des Schlosses im Jahr 1669 befand sich an dieser Stelle ein mehrstöckiges Renaissance-Schloss. Nach dem Wiederaufbau kamen 1689 die französischen Truppen und zerstörten den Prachtbau erneut. Von dem danach errichteten Barockschloss, ebenfalls mehrgeschossig und mit vier schmucken Ecktürmen versehen, sind nach dem Abbruch nach 1806 nur noch der Burgkeller und der Bergfried übrig geblieben. Wer möchte, kann von der Spitze des Burgturms aus einen atemberaubenden Blick über das ganze Reifferscheider Land werfen.

In den Ortskern fährt man besser nicht mit dem Auto hinein. Foto: Gudrun Klinkhammer

In diesem Zusammenhang seien die Herren von Reifferscheid genannt, deren Reichweite beachtlich war. Die Herrschaft Reifferscheid war im 18. Jahrhundert ein sehr zerstückeltes Territorium. Das Kerngebiet erstreckte sich von Hellenthal und Blumenthal über Reifferscheid selbst bis nach Rescheid und Kamberg. Westlich davon getrennt durch Wildenburger Gebiet lagen die zur Herrschaft Reifferscheid gehörigen Orte Hollerath und Unterpreth.

Im Norden grenzte die Herrschaft an die Grafschaft Schleiden und im Süden an die Herrschaft Kronenburg. Von den insgesamt 32 Orten der Herrschaft gehörten 19 ganz zur Herrschaft Reifferscheid. Die übrigen lagen teilweise in den Herrschaften Wildenburg und Schleiden. Die Zerstückelung der Herrschaft hat ihren Grund in der Geschichte des Edelgeschlechtes Reifferscheid. Die Herren von Reifferscheid erwarben durch Heirat und Erbschaft später weitere Gebiete: Bedburg, Dyck, Alfter, Hackenbroich und Salm.

Eisenindustrie

Nach einer Aufzeichnung zählte die Herrschaft 1794/95 ganze 2166 Einwohner und besaß 432 Häuser. Ferner werden aufgezählt 139 Pferde, 50 Ochsen, 106 Kühe, 286 Rinder und 2221 Schafe. Neben der Landwirtschaft und der Schafzucht wurde gerade in dem Gebiet um Schleiden bis ins 19. Jahrhundert hinein Eisenindustrie betrieben. Von den in diesem Gebiet gelegenen Hütten gehörte nur die Hütte in Bruch zur Herrschaft Reifferscheid.

Zurück geht der Weg vorbei an Café Eulenspiegel durch das Tor in der Vorburg hinunter zu Kirche und Marktplatz. Der Marktplatz, gelegen vor der Katholischen Pfarrkirche St. Matthias, weist ein starkes Gefälle auf. Relikte aus alter Zeit deuten darauf hin, das hier früher eine Terrassenanlage existierte. Anfang des 19. Jahrhunderts war der Marktplatz noch von Häusern umgeben, darunter das Pfarrhaus, die Schule, ein kleines Kloster und eine Gastwirtschaft.

Vom Höhenrücken aus hat man einen wunderbaren Ausblick über das weite Tal. Die Kirche befindet sich auf einer Höhe von 440 Metern und ist schon von weitem zu sehen. Foto: Klinkhammer

Erhalten aus dieser Zeit ist heute noch der Marienbrunnen. Bis zu einem Brand 1904 umgaben den Marktplatz noch drei Häuser. Weil das tatsächliche Alter der Burg nicht ganz geklärt werden kann, kann auch die genaue Entstehung der Kirche nicht datiert werden. Belegt ist, dass im Jahr 1130 die „bei der Burg gelegene Kapelle“ in den Rang einer Pfarrkirche erhoben wurde.

Heute präsentiert sich das Gotteshaus in erster Linie als Bau mit spätgotischen Eigenschaften. Im Pfarrbüro ist ein Kirchenführer erhältlich, dem weitere Details zur Pfarrkirche St. Matthias entnommen werden können. Wer möchte, kann auch vor dem Tor zum Burghof hin nach links durch ein eisernes Tor gehen, den Berg hinab bis ins Tal. Ebenfalls ein steiler Weg führt vom Osttor hinab an den Fuß des Burgbergs, zu finden ist er links neben dem Pfarrhaus. Natürlich geht es auch durch das Matthiastor zurück in die Gegenwart. Beim Verlassen des historischen Burgberings fällt der Blick wieder durch das Matthiastor, diesmal rücken moderne Häuser und Autos ins Blickfeld. Die Zeitreise ist beendet.