Aachen: Eine ordentliche Nummernrevue lässt wenig Platz für Heimatgefühle

Aachen : Eine ordentliche Nummernrevue lässt wenig Platz für Heimatgefühle

Selten war eine Ordensverleihung Wider den tierischen Ernst dermaßen im gesellschaftlichen wie politischen Hier und Jetzt verortet. Im Vorfeld der Festsitzung wurde gar der Begriff des karnevalistischen Integrationsgipfels geprägt.

Da war auf der einen Seite der umstrittene Ritter, Markus Söder, und da standen auf der anderen Seite Redner wie die CDU-Integrationsbeauftragte und erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete ihrer Partei, Cemile Giousouf, und der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Diese Konstellation hatte eine Erwartungshaltung erzeugt, wie sie der Aachener Karnevalsverein AKV selten erlebt hatte. Es wurden klare Worte, deutliche Botschaften und irgendwie auch harsche Kritik — an Ritter Markus — erwartet.

Die gab es dann tatsächlich auch, aber wesentlich dezenter und seltener, als es sich der kritische Beobachter der Sitzung gewünscht hätte. Ja, Tagesschau-Sprecher Jens Riewa, neben AKV-Vizepräsident Rolf Gerrards und Präsident Werner Pfeil Moderator des Abends, sagte anschließend, er habe den Abend als besonders politisch empfunden und hatte damit auch nicht unrecht. AKV-Präsident Pfeil sprach von einer Festsitzung „am Puls der Zeit“ und sagte: „Hier und heute kamen alle zu Wort.“ Was er nicht sagte: Es haben längst nicht alle diese Chance genutzt. Und wenn, dann blieb die Frage: Kamen ihre Botschaften an?

„Obergrenze für Populismus“

Was bleibt also hängen von dieser 66. Ordensverleihung? Bei Werner Pfeil waren es die Worte von Aimen Mazyek, der deutlich formulierte, Söder als „ambitionierten Lümmel von der ersten Bank“ tadelte. Mazyeks Worte waren ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit in diesem Land, für die Werte des Grundgesetzes und gegen plumpe Parolen. „Ich fordere eine Obergrenze für Populismus, für German Angst und die Anbiederung an die AfD“, sagte er. Weise Worte. Aber von einem karnevalistischen Vortrag war er meist so weit entfernt, wie von der Position der CSU in der Asylpolitik.

Was die grundsätzliche Frage aufwirft: Ist der politische Karneval bei einem Thema wie Integration, bei dieser ernsthaften Debatte, an seine Grenzen gestoßen? Mangels Schenkelklopfer fehlte dann bedauerlicherweise auch die Aufmerksamkeit des Publikums bei Mazyeks Worten. Ein Schicksal, das auch Cemile Giousouf beim AKV widerfuhr, die als einzige Söders Twitter-Beitrag direkt kommentierte: Erst nachdenken, dann schreiben! Doch gab es auch dafür nur verhaltenen Beifall.

Für beide gilt: Im Saal wurden die „Anwälte“ der Integration durch das plappernde Publikum zu zahnlosen Tigern degradiert. Ob ihre Botschaften im TV — Montagabend 20.15 Uhr in der ARD — mehr Zuhörer finden? Gut vorstellbar. Es wäre wünschenswert für das Thema — und aus Sicht des AKVs. Denn der braucht mehr denn je Quote, es geht um den Sendeplatz im Ersten.

In jedem anderen Jahr wäre diese Festsitzung gewiss als ordentliche Nummernrevue mit ein paar verlässlichen Größen wie den Comedy-Profis Markus Maria Profitlich, Guido Cantz und Ingo Appelt, der nimmermüden Vicky Leandros und einigen charmanten Aachenern wie dem Prinzen Michael II. und dem Märchenprinzen Paul III. in Erinnerung geblieben.

Es wäre wahrscheinlich über den vollkommen missglückten Beitrag von Hamburgs FDP-Frontfrau Katja Suding als pointenlose Punkerin gesprochen worden. Oder über den Auftritt der Kölner Band „De Räuber“. Da wäre in „normalen AKV-Jahren“ der lokalpatriotische Öcher gewiss Sturm gelaufen, ob einer Kapelle aus Köln. So sorgten am Ende „nur“ Dirk von Pezold als Lennet Kann (mit einem Appell an die Gastfreundschaft in unserem Land) und die Öcher Originale für die nötige Stimmung nebst Heimatgefühlen.

Vielleicht wäre am Ende auch über die hampelnd wie wüst singende Fürstin Gloria von Thurn und Taxis diskutiert worden, oder über den verspäteten Anfang, weil Guido Cantz noch irgendwo auf der A4 von Köln nach Aachen unterwegs war.

Aber es war eine Sitzung unter anderen Vorzeichen und am Ende bleibt ein Bielefelder in Erinnerung, der vieles andere belanglos wirken lies: Abdelkarim ist ein Comedian mit marokkanischen Wurzeln, der beim Thema Integration kein Blatt vor den Mund nimmt. Kaum ist dieser „Deutsche im Körper eines Grabschers“, so seine Selbstbeschreibung, auf der Bühne muss er wieder runter, weil ein Kameramann durchs Fernsehbild huschte. Was sagt er dazu: „Das ist doch Abschiebung hier!“

Er hat noch nie bei so einer Veranstaltung mitgewirkt, das Unbekümmerte macht ihn am Ende zum Mann des Abends („Kommen wir zum salafistischen Teil des Programms“). Hinterher sagte er unserer Zeitung zu Ritter Söder und der CSU: „Ich bin in allen Punkten anderer Meinung, aber man muss die Leute annehmen, auch wenn die Blödes erzählen.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Söder im Narrenkäfig: AKV-Sitzung im Eurogress